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Stolperstein für Oskar Voss

Tagebuchblatt 21. März 2025


Oskar Voß – Das Vermächtnis der Widerstandsgruppe auf den Werften hat fortgewirkt.

Im Juni 1944 wurde der Elektro-Schweißer Oskar Voß zusammen mit vier weiteren Angehörigen des Widerstandsnetzwerks Bästlein-Jacob-Abshagen von den Nazis hingerichtet. Er hatte auf der Werft der Howaldtswerke einer ihrer aktivsten Betriebsgruppen angehört. Um die Rüstungsproduktion zu drosseln, hatte sie langsam und schlecht gearbeitet und Überstunden verweigert. Sie hatte ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene unterstützt. Sie hatte aber auch Sabotage-Akte ausgeführt: Sauerstoff-Flaschen, Schweißstäbe und Schweißbrenn-Maschinen in die Elbe geworfen, defekte Schweißnähte gezogen und teure Werkzeuge unbrauchbar gemacht. Damit hatte sie die Produktion von U-Booten direkt geschädigt, eines davon geriet schon beim Stapellauf außer Kontrolle.

Die Hamburger Widerstandgruppe war eine von vielen. Als sie im Oktober 1942 nach fast zweijähriger Tätigkeit aufgerieben wurde, setzten andere ihr Vermächtnis fort. Zu ihnen gehörte die „Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen“ (BSW), ein Zusammenschluss vor allem sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter, der seit dem Frühjahr 1943 in Süd- und Südwestdeutschland aktiv war und Kontakte bis nach Hamburg unterhielt. Eineinhalb Jahre lang half er gefährdeten Mitkämpfern zur Flucht, baute Kontakte zu deutschen Widerstandsgruppen auf und betrieb Rüstungssabotage. Dann zerschlug die Gestapo auch dieses Netzwerk des Arbeiterwiderstands. Fast die Hälfte der etwa 300 Aktivisten wurde in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen ermordet.

In der bundesdeutschen Erinnerungskultur der letzten Jahrzehnte haben Oskar Voß und die tausende anderen stillen Helden des Arbeiterwiderstands gegen den Rüstungswahnsinn der Nazis fast keine Rolle gespielt. Die meisten Historiker haben ihre Bedeutung und ihr Vermächtnis heruntergeredet, wenn nicht verunglimpft. Das war freilich nicht immer so gewesen. Gegen Ende der 1960er Jahre erschienen die ersten Studien, die ihren Beitrag zum Widerstand gegen die NS-Diktatur würdigten. Es war die kurze Zeit der Sozialrevolte. In ihr wurde auch der Antimilitarismus wiederentdeckt. Vielfältige Aktionsformen wurden entwickelt und ausprobiert. Sie standen unter dem Druck der damaligen Verhältnisse, und die Aktivistinnen und Aktivisten waren zu unerfahren, um das Vermächtnis des antinazistischen Arbeiterwiderstands in seiner ganzen Tragweite zu verstehen. Indirekt haben sie aber trotzdem in seinem Sinn gehandelt.

In den Jahren 1967/68 entstanden auch in der BRD Fluchtrouten für tausende US-amerikanische Soldaten, die ihren Einsatz im Vietnamkrieg verweigerten. Eine davon führte nach Skandinavien, und Hamburg bildete dabei einen wichtigen Zwischenhalt. Die Flucht war riskant, der Weg über die dänische Grenze nicht harmlos. Das Kernstück der verdeckten Route war die Infrastruktur der damaligen Revolte: Wohngemeinschaften, Jugendzentren, linke Buchläden und Landkommunen. Mehrere hundert Aktivistinnen und Aktivisten waren daran beteiligt. Sie lernten konkret, was Antimilitarismus bedeutet, und sie verhalfen auch der Kampagne zur Kriegsdienstverweigerung im eigenen Land zu einem neuen Aufschwung.

Hinzu kamen in diesen Jahren vielfältige Aktivitäten zur Unterstützung des Widerstands gegen die damaligen Militärdiktaturen in Südosteuropa, Lateinamerika und gegen den portugiesischen Kolonialkrieg in Afrika. Im Vordergrund standen groß angelegte Solidarritätsveranstaltungen, Aufklärungskampagnen und Spendensammlungen. Damit hatte es aber nicht sein Bewenden, und eines Tags wurde das Vermächtnis der antinazistischen Werftarbeiter auf sehr direkte Weise eingelöst. In Portugal kämpften revolutionäre Untergrundgruppen nicht nur gegen das Salazar-Regime, sondern arbeiteten auch mit den antiportugiesischen Befreiungsbewegungen Afrikas zusammen. Ihr Widerstand richtete sich auch gegen die westdeutsche Regierung, die den Kolonialkrieg mit großen Waffenlieferungen unterstützte. Einen wichtigen Schwerpunkt bildete dabei die Hamburger Werftindustrie, wo Blohm & Voß drei Kriegsschiffe für den Kolonialkrieg baute. Im Frühjahr 1969 wandte sich eine antiportugiesische Befreiungsorganisation an die Belegschaft und die Betriebsleitung der Werft und forderte sie auf, die Produktion einzustellen. Da nichts geschah, nahm eine mit ihr zusammenarbeitende portugiesische Untergrundorganisation durch Vermittlung des niederländischen Angola-Komitees Kontakt mit Lehrlingen und Studenten auf, die auf den Werften arbeiteten. Eine Sabotageaktion gegen eines der Kriegsschiffe wurde vereinbart, um ein weithin sichtbares Zeichen zu setzen. Dabei wurde strikt darauf geachtet, dass keine Personen zu Schaden kamen. Zwei Akteure – ein Student und ein Lehrling – führten den Sprengstoffanschlag im Oktober 1969 aus. Das Feuerleitsystem und die Elektronik des Schiffs wurden beschädigt, die Auslieferung an die portugiesische Kriegsmarine verzögerte sich um acht Monate. In Hamburg blieb die erhoffte Signalwirkung aus, es kam zu keiner Verbreiterung der Kampagne gegen den Kolonialkrieg. Anders war es in Portugal. Der Hamburger Anschlag war ein Fanal, auf das zahlreiche weitere Sabotageakte folgten. Sie festigten das Bündnis des revolutionären Widerstands mit der Militäropposition un der Befreiungsbewegung. Es war ein nicht unwichtiger Markstein auf dem Weg zur Nelkenrevolution von 1974.

Heute ist das Vermächtnis des Arbeiterwiderstands auf den Werften aktueller denn je. Die deutsche und europäische Machtelite ist einem Rüstungstaumel verfallen. Wie eine Krake breitet sich der militärisch-industrielle Komplex über die Gesellschaft und Wirtschaft aus. Europa ist inzwischen der größte Treiber im internationalen Waffenhandel. Die Produktionskapazitäten, Börsenkurse und Profite der Rüstungskonzerne explodieren. Gigantische Finanzpakete zur Beschleunigung der Aufrüstung und zur Vergrößerung der Armeen werden durch die Parlamente gepeitscht. 

In dieser Situation gewinnt das Vermächtnis der widerständigen Werftarbeiter wieder eine unerwartete Bedeutung. Karl Marx sagte einmal, Rüstungsproduktion bedeute nichts anderes, als wenn eine Nation einen Teil ihres gesellschaftlichen Produkts ins Meer würfe. Rüstungsproduktion ist parasitäre Vernichtungsproduktion. Rüstungsarbeit ist Zerstörungsarbeit, die sich in der Hand der militärischen Arbeiter, den Soldaten, in Tötungsarbeit umsetzt. Dieser Tatsachen müssen wir uns heute mehr denn je wieder bewusst werden.

Bei dieser kritischen Erkenntnis dürfen wir jedoch nicht stehen bleiben. Wir müssen auch handeln. Wir sollten die Verlegung des Stolpersteins für Oskar Voß als Beitrag zur Wiederbegründung einer alternativen Erinnerungskultur verstehen, die den Kampf des anti-nazistischen Widerstands gegen Rüstung, Krieg und Vernichtung ins Zentrum rückt. Darüber hinaus sollten wir eine Initiative starten, die sich an diejenigen wendet, die die destruktive, Werte vernichtende Arbeit des militärisch-industriellen Komplexes verrichten:

(1) Verweigert die Arbeit an der Forschung, Entwicklung und Produktion von Kriegsmatetrial. Sabotiert die Rüstungs- und Kriegsproduktion, wenn Ihr sie nicht verweigern könnt!

(2) Boykottiert alle Parteien, Organisationen und Medien, die zum Krieg treiben, die öffentlichen Güter in die parasitäre Rüstungsproduktion umlenken und sich für Militärlieferungen einsetzen – an welches Regime und welches Land auch immer!

(3) Verweigert den Militärdienst, kehrt den Armeen den Rücken, und unterstützt alle Deserteure!

Der Wiederaufbau einer antimilitaristischen Kultur ist heute dringlicher den je. In ihr wird das Vermächtnis der stillen Helden fortwirken, die gegen den Rüstungswahnsinn und die Raubkriege der NS-Diktatur gekämpft haben.

Karl Heinz Roth