Buchengold 10/09

Warum bin ich nicht geblieben? Warum sitze ich jetzt in einem lichtlosen Stadtcafé mit Blick auf die Mauern einer gegenüber liegenden Häuserfront? Noch vor 10 Minuten war ich im Paradies. Es ist nicht übertrieben, dieses große Wort zu wählen für einen kleinen, fast alltäglichen Ort:
Auf der Bank vor einer Wiese unter einer  stattlichen, alten Buche. Ihr Geäst und Gezweig vor einem strahlend blauen und sonnigen Herbsthimmel. Leises Wehen lässt ihre losen Blätter erzittern oder zu Boden tanzen. Ein Singen ist noch über ihnen, und ich erblicke einen Schwarm ziehender Gänse. Locker geordnet in großer Höhe mit leisem Geschrei formieren sie sich nach geheimen Mustern und Kräften. Unter mir der bunte Blätterboden. Über mir eine weite Fortsetzung von goldenen, belaubten Baumkronen, die bereit sind, ihre Blätter zu verlieren. Der Raum ist erfüllt von vibrierender Schönheit.
Warum bleibe ich nicht? Immer wieder passiert es mir, - besonders bei Buchen -, dass ich vor Schönheit in Sehnsucht  vergehe, sie nicht ertrage und fort muss!
Mit etwa 14 Jahren widerfuhr mir diese Überwältigung durch die herbstliche Schönheit eines Buchenwaldes zum ersten Mal, und Tränen, die ich nicht verstand, liefen  mir still die Wangen hinab.
Was war geschehen? Was geschieht mir immer wieder, wenn es zu schön wird? Was heißt zu schön? Kann irgendetwas zu schön sein?
Die Buche hinter meiner Bank hat zugegebenermaßen alle Qualitäten, die zur Schönheit gehören: Hoch aufgerichteter, starker Stamm mit silbergrauer Rinde von feinster Struktur, fest im Erdreich verankert durch ihr Wurzelwerk. So steht sie hinter mir in ihrer Atem beraubenden, schützenden Stabilität. Mein nach oben schweifender Blick wird durch ein derart vielfältiges Blätterdach gesättigt, dass ich es kaum ertrage. Weites Gezweig unendlicher Form- und Farbdifferenzierungen mit ihren Licht durchlässigen Blättern, die in ihrer sich überlappenden Transparenz ständig wechselnde Aquarelle erzeugen. Wie fadenscheinig und armselig mir die anmaßende Absicht erscheint, dies zu malen! Selbst ein beeindruckendes Foto im Großformat von allerhöchster Brillanz wäre nicht im Stande, dieses tanzende Arrangement der Natur wiederzugeben.
Was ist es, dass die Menschen nicht auf dieser Bank sitzen? Selbst die Sonne ist warm. Es sind alle Qualitäten vorhanden, die im Urlaub in der Natur gesucht werden. Kein Naturstück kann schöner sein als dieses Eckchen Erde, das steht für mich felsenfest.
Warum bin ich fort gegangen? Warum jagen wir lieber in der steinernen Einkaufsmeile einem Konsumartikel hinter her?
Warum sitzen so viele Menschen auf dem Rathausplatz und trinken und rauchen? Weil sie arm sind? Und was ist mit den Reichen? Sie trinken zu Hause oder auf Vernissagen.
Warum planen oder buchen wir jetzt schon wieder den nächsten Urlaub? Suchen wir also doch die Schönheit, um ihr dann den Stempel der Vergangenheit auf zu drücken, z.B. im Foto, um sie in das Paket Sehnsucht zu packen? Warum?
Warum fällt mir unter dieser Buche ein, unter ihr gern begraben zu werden? Warum tanze ich nicht um den Baum und erfreue mich seiner Schönheit und des Lebens? Warum ist denn diese goldene Buche im Herbst derartig schön? Warum ist eine blühende Rose so schön, und alle sind sich einig, dass das stimmt?

Es ist die Liebe und nicht die Buche.
Es ist das Sterben, das die Schönheit auslöst.
Der Schmerz des Herzens ist die Stille, die ruft.

Ich bin gegangen, weil ich den Schmerz nicht ertrage, der sich einstellt, wenn ich diese Einsicht nicht leben kann.
Die Gleichzeitigkeit  der gerade noch zarten Lebendigkeit eines Blattes und seines zu Boden- Tanzes ist das Sterben pur. Es geht hier so schnell, wie das Leben eines Schmetterlings. Auch diese sind so faszinierend schön, weil sie so zart sind, so zerbrechlich, so augenscheinlich sterblich.
Und das Gold der Blätter. Diese Farbe des von uns so über alle Maßen geschätzten Edelmetalls, das sich nicht verfärbt noch rostet, sich in der Gluthitze des Schmelzofens noch klärt, vermittelt ein Gefühl von Ewigkeit, von unvergänglichem Wert. Der Kontrast zu der losen Leichtigkeit der vergehenden Blätter erzeugt eine riesige Spannung, die sich entlädt in wehmütiger Freude bis zu gläserner Verzückung.

Die faszinierende Schönheit dieses farbenprächtigen Schauspiels würde nicht derartig strahlen, wäre sie nicht so vehement vom Sterben geprägt. Eine Plastikrose ist nicht von derselben Schönheit wie eine blühende und gleichzeitig verblühende, sterbende Rose.
Jede Sekunde verändert sich alles Lebendige zum Tode hin, stirbt jeden Moment, vom Augenblick der Geburt bis zum Tod.
Wir vermeiden diese Einsicht, indem wir das Vergangene mumifizieren, versuchen es festzuhalten oder eben auf tausenderlei Weise davon rennen. Das ist Wahnsinn, weil es das vermeintlich vermiedene Leid nur vergrößert.
Da unser Leben im Vergleich zu dem eines Blattes lang ist, können wir uns etwas vormachen.
Wir spüren diese Lüge. Wir sterben ständig.
Das fallende, goldene Blatt macht mir tanzend vor, wie leicht es sein kann, zu sterben, wenn man sich nur hingibt.
Meine Sehnsucht, diese Erkenntnis zu leben, ist unendlich groß!
Jede Freude, jede Trauer, jeder Schmerz erscheint mir gegenüber dieser Erkenntnis wie nichtig.
Ich ahne etwas und will nicht mehr schwärmen und mich im sehnsüchtigen Schmerz baden oder vor ihm davonlaufen.
Ich sehe im fallenden Herbstblatt keine "verneinende Gebärde," - wie Rilke vor 100 Jahren in seinem Gedicht "Herbst" schrieb, das bis heute so gern zitiert wird und das er selbst am Ende seines Lebens durch die Gedanken in den Elegien, die seiner Zeit so weit voraus waren, nahezu widerrufen hat.
Es ist ja in der Trauer um das Ende eines Blattes sowie eines Menschenlebens eine christlich gefärbte Projektion abzulesen, die in ihrer Verneinung des Sterbens-, die blühende Rose ist schön, aber die vertrocknete stimmt mich traurig-, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode legt. Darin liegt  der gesuchte Trost durch den irrationalen Glauben und schafft das nicht enden wollende und immer noch gesuchte Leid.

Ich möchte die Bäume im Raum der großen Liebe singen hören, unter ihrem herrlichen Kronendach mit ihren Blättern tanzen, dem herbstlichen Leuchten mit meinem Schauen begegnen, die nährenden Melodien und den goldenen Klang in die Dunkelheit des stillen Abends hinein tragen.


‚Sturmmöwe' oder ‚kleine Geschichte in blau' 9/09

Schnell, schnell, eine kleine Geschichte in blau erzählen, damit sie dann sinken kann, sinken in das Firmament jenseits jedes Blau.
Ein Foto von der Nordsee, angelehnt auf dem Küchentisch: eine Sturmmöwe steht auf ihrem roten Bein am weiten Strand mit Horizont und Himmel, etwa halbe, halbe. Relativ klein in der Mitte eines glänzenden Hochformats, weißgrau in der sanften Schönheit des hellen Sandes, der Himmel wölbt sich in unruhigen blauen Sturmwolken vertikal zum oberen Bildrand hin über den Kopf des Betrachters. Die Möwe steht unbewegt in diesem großen Raum.
Wie schön! Und augenblicklich löst dieses kleine Naturereignis von gestern Sehnsucht aus.  Empfindung von Trauer, eine leise Trauer über Vergänglichkeit und Verlust. Das Foto als Abbild der festgehaltenen Zeit, das vorherrschende Bild-Medium unserer derzeitigen Medienkultur.
Weit mehr als den Verlust des Gewesenen über das Medium Foto löst dieses kleine Bild über sein Motiv aus: Sehnsucht. Die Möwe in der blauen Weite des Naturraumes, allein ohne ihren Schwarm, wirkt einsam. Kleiner weißer Vogel vor blauem Grund.
Die Farbe Blau hat eine lange deutsche Tradition der Sehnsucht. Die deutschen Romantiker haben das Blau des Tuches der Maria als Himmelsbotin für die ‚blaue Blume' verwandt. Die notwendige Infragestellung der Herrschaftsmacht der christlichen Religion leitete leider zugleich die Loslösung von der verinnerlichten Verbindung zum Göttlichen ein. Das ICH, in der Renaissance geboren, erhält nun, weil's allein nicht existieren kann, einen Partner, die Sehnsucht. Die Farbe Blau, diese in die Tiefe lenkende Farbe, wird in ihrer neuen Bedeutung der sentimentalen Sehnsucht, diesem Partner als Tuch übergewofen.
Die Möwe auf meinem Foto erinnert mich an ‚den Mönch am Meer' von Caspar David Friedrich. Allerdings ist ihr Blick nicht wie bei dem Mönch in die Ferne gelenkt. Sie blickt, parallel zum Horizont, den Strand entlang, evtl. nach Sturm oder Fluggenossen. Der Blick des Mönches ins Unendliche löst sich in der Sehnsucht auf, und ohne Rückverbindung wird aus seinem Allein-Sein Einsamkeit.
Die deutschen Expressionisten haben die Farbe Blau häufig verwandt, diese künstlerische Bewegung, die ihre Emotionalität als Anker ausgeworfen hat. Die schönsten Bilder dieser deutschen Künstler bleiben zum großen Teil der Sehnsucht verhaftet. Das herrliche Ultramarin von Yves Klein spielt letzten Endes auch eher eine Sehnsuchtsmelodie. Er ‚ginge von der Macht der Farbe aus', und wolle in seinen Monochronien ‚in unpersönlicher Geste malen', mit Farbrolle oder im Abdruckverfahren. Auch hier spüre ich einen Sog des Blau, dem leichtes Spiel zugestanden wird, wenn sich seiner Macht in Unpersönlichkeit hingegeben wird.
Nicht das ICH löst sich in diesem Sog der Sehnsucht auf, was ja schön wäre, sondern die geistig-seelische Kraft des spirituellen Raumes, die eher gebunden werden müsste. Bei Picasso gab es die Farbe Blau in seiner ‚blauen Periode', als er sich als junger Mensch mit dem Leid der Menschen identifizierte und das zum Ausdruck brachte. Dann ist er in die erwachsene Verantwortung eines tatkräftigen Künstlers gegangen und hat die Sentimentalität des Blau abgelegt.
In den frühchristlichen Bildern trug Maria ein rotes Kleid zum Zeichen ihrer mütterlichen Erdverbundenheit und das blaue Tuch für die gleichzeitige Verbindung mit dem Göttlichen.
Das große Weibliche in Maria als Gottesmutter und in Maria-Magdalena als Frau von Jesus ist von der patriarchalen Macht der Kirche verdreht und unterdrückt worden. Ausgegrenzt wirkt es als Schatten weiter, in der Sehnsucht, die sich in all den Süchten ausdrückt, Alkoholsucht, Konsumsucht, Bildersucht etc.
Wie gut, dass meine Möwe rote Beine und einen roten Schnabel hat vor dem blauen Firmament.
Kandinsky hat Blau die Farbe des Geistigen genannt. Wenn er nur das Göttliche, die spirituell-geistige Kraft hinter den Staatsreligionen meinte, das diesen ja zugrunde liegt, was immer noch in den alten Gotteshäusern zu spüren ist. Aber ich ahne, es ist eher die Sehnsucht nach der fehlenden Mater, nach der Rückverbindung zur Erde, zum großen Weiblichen, und wage zu behaupten, dass Kandinsky unter dem Deckmantel der Kunst wiederum das männliche Prinzip als das Wesentliche, das Geistige betont und diesem die Farbe Blau zuschreibt.
Hier werden die Grenzen all der vielfältigen, geistreichen, von mir hoch verehrten, revolutionären Bewegungen der Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts berührt. Ihre Vertreter, wie auch die Dichter und Musiker aus der Zeit, haben uns aus den alten, festgefahrenen Mustern und Verstrickungen der Herrschaftsideologien los geeist. Ihre oft halsbrecherische Arbeit hat uns ein Stück tiefer sinken lassen. Im Angesicht der schwarzen Rose allerdings sind sie, besonders in ihren Programmen, eher Konzepte.

Sehnsucht nach Rot im Blau? Nicht die Sehnsucht in den Himmel, sondern zurück in den Mutterschoß?
Nein, auch das nicht.
Die einzige Sehnsucht, die erlaubt ist, ist der notwendige Wunsch nach Freiheit, jenseits jeder Farbe.
Die Möwe fliegt auf, mit ihren Schwarmfreunden tanzend im Sturm.


NES 7/09

Heute, am 14. Juli 2009
„ist der Tag“   :
Sieh sie dir an,
die Menschen,
deine Zeitgenossen,
wie sie lungern,
wie sie fremdgehen,
wie sie ausweichen,
wie sie schummeln,
wie sie sich betäuben,
wie sie flüchten,
wie sie fliehen,
wie sie sich erniedrigen,
wie sie stammeln,
wie sie leiden,
wie du genauso bist!

Heute, am „ 14.Juli 2009“
ist der Tag,
an dem du erkennst,
dass nahezu alle Handlungen deiner Zeitgenossen aus Mustern bestehen, die sie gar nicht selbst entworfen haben, geschweige denn beabsichtigt oder erworben, erst recht nicht verdient haben.
Und dass du genauso gelenkt bist, wie von fremden Mächten bestimmt, von geflochtenen Stricken deiner Ahnen, von geschmiedeten Ketten der machtvollen Geschichte der Menschheit. Gleich kleiner Zappeleien einer hilflosen Fliege im Spinnennetz erscheinen mir heute unsere Bemühungen, uns auch nur einen Schritt von diesen fest gewebten Hüllen, die zu unseren inneren Anlagen geworden sind, zu entfernen. Die Sicht auf diese Welt kommt aus mir, ich sehe nur mein Bild von ihr. Meine Sichtweise wird sich ändern müssen und nicht die Welt - es ist so einfach.
Allerdings ist mein Hass zurzeit so groß, dass es mir meilenweit entfernt scheint, aus eigener Kraft auch nur an diese Möglichkeit zu gelangen. Wo ich hinsehe, erkenne ich nichts als Unsinn. Meine Müdigkeit, die einzelnen Beobachtungen umschreibend zu notieren, breitet sich ins Unermessliche aus und droht in einen zerstörerischen Hass zu kippen. Es herrscht eine abgrundtiefe Wut in mir, die hoch kocht und zur Äußerung drängt, ein lebenslang angestauter Lebenshunger, der nach Fütterung schreit und nicht mehr zu Kompromissen bereit ist. „I can’t be good no more“ !!!! (Bob Dylan).
Unter dieser hassenden Wut entdecke ich eine Perle.
Ein Generationen lang geknechteter Wille zur Frau, den ich nicht mehr unterdrücken mag, der sich empor schraubt, will sich in einem dunkel weiblichen, satt sanften, alles umfassenden JA äußern, das sich an nichts mehr hängt, keiner Beobachtung mehr frönt, alles sieht und nichts beschwichtigt, das alles zulässt aber nichts hinein nimmt in die Festigkeit dieses irdenen, unberührbaren JA.
Die Ablehnung des Lebendigen, die Unterdrückung des Fühlens, hat derartig kranke Auswüchse angenommen, dass der Mut von den wenigen, die dies erkennen und wahrhaft hinschauen, von Bedeutung ist.
Sieh’ doch: die jungen Chinesinnen lassen sich ihre Augenlider wegschneiden! Frauen eines Volkes, das eine tausende Jahre spirituell geprägte Geistesgeschichte hat, das sich jetzt- nach wiederholten Ausmerzungen seiner feinsten Geister - der westlichen Ichkultur soweit angenähert hat, dass derartige Selbstzerstümmelungen bedenkenlos vorgenommen werden.
Auch die islamischen jungen Frauen-, noch bevor es ihnen gelungen ist, dem grausamen männlichen Patriarchat entkommen zu sein-, lassen sich ihre schönen Nasen zerschneiden. Jede 2. amerikanische Frau, der die anderen ja nacheifern, lässt sich operieren, um ein besseres Bild von ihrem Körper zu erhalten, der sterblichen Hülle, dem Schein, der sich schon durch einen intensiven Tanz in Liebe auflösen lässt, wie erst recht  mit tödlicher Sicherheit am Ende eines Lebens!
Das Bewusstsein von Geburt und Tod jenseits von Leben ist bei uns so schwach entwickelt  und wird in den Ländern, wie z.B. Indien, die ehemals davon breitflächig mehr wussten, mit dem Blick nach Westen aktiv zurück entwickelt. Die Angst vor dem Sterben, das doch jede Sekunde stattfindet, wird auf den Tod projiziert, der, gemieden und verdrängt, die Menschen in die absonderlichsten Verhaltensweisen hineintreibt. Dabei wird übersehen, dass doch gerade das Sterben die schönsten Blüten hervorbringt, und dass uns ohne Hinschauen auf Vergänglichkeit, diesen ständig stattfindenden, gemiedenen Sterbeprozess, kein einziges schönes Frauengesicht begegnen würde.

Spielsucht, Feiersucht, Alkoholsucht, Esssucht, Fleischsucht, Kriegssucht, Unterhaltungssucht werden im Namen von Ausbeutung, Vernichtung, Zerstörung und Mord bedenkenlos durchgesetzt. Die Machtstrukturen in den westlichen Ländern haben sich nur oberflächlich geändert. In der Seelentiefe herrschen hier wie da Ausgrenzung, Todessehnsucht, Mordlust und noch weiter unten schreiende Verzweiflung. Die komplett ausgereizte Schummelei ist nicht mehr zu übersehen. Sie kann kaum noch extremere Züge annehmen, ohne in den Untergang zu kippen.
Eine Umkehr ist schon jetzt kaum noch vorstellbar.
Die massiven Auswüchse der Zerstörung des Lebendigen unserer Erde und ihrer Kultur sind in der Vernachlässigung des Weiblichen zu sehen. Der beklagte Materialismus ist ja nicht nur eine Verflachung des Geistigen, wie die Intellektuellen immer gern dächten! Die geistig betonten Menschen sind oft grauenhaft materiell ausgerichtet. Sie jagen, sie wollen die besten sein, das meiste Geld verdienen, die schönste Villa haben, den höchsten Ruf genießen, in der größten Anerkennung baden. Und in dieser Jagd unterscheiden sie sich nur minimal-, ja es ist vielleicht noch verlogener-,  von einem kauf-  fernseh- oder urlaubsüchtigen Menschen, was sich ja auf der vergleichbar ausgelebten animalischen Ebene, z.B. des Ess- oder Sexualverhaltens, leicht ablesen lässt.
Das große Weibliche ist immer und immer wieder korrumpiert, abgedrängt, geknechtet und ausgerottet worden. Bei uns hat die Kirche einen riesigen Anteil an diesem Phänomen zu verantworten. Die Verdrängung der Sexualität ins Verbotene, aus ihr eine Sünde zu erfinden, deren Überschreitung Ausgrenzung  bis zum Todesurteil bedeutete, ist so tief in den Seelen der Menschen verankert, dass durch diese grausame Idee noch immer Macht über die Menschen ausgeübt wird. Hinter dieser Macht steht eine durch Herrschaftsstrukturen getarnte, angstvolle Schwäche, die verhindern will, dass sie entlarvt wird. Die katholische Kirche ist ja offensichtlich und nahezu ungescholten am Werke, wie wir in letzter Zeit erleben konnten. Viele Menschen üben zwar inzwischen Kritik, treten aus der Kirche aus. Sicher ein großer Fortschritt, dass dieses ungestraft möglich ist. Aber die Zufriedenheit, ohne Kirchgänger zu sein, sich auf der sicheren Seite zu wähnen, ist eben ein Trugschluss. Wir sind von den Mustern dieser Schreckensherrschaft zutiefst geprägt und handeln noch immer in ihrem Namen.
Wenn fettleibige, kurzhaarige Mannfrauen ihre weichen Ehemänner am Händchen zum Einkaufen ausführen, ist das ein pervertiertes Bild eines eleganten, erotischen Paares, -   Tristan und Isolde auf dem Kreuzweg der untergehenden Großstadt. Wenn Fleischmassen  von zu Tode gequälten Tieren  der Massentierhaltung auf den Tischtüchern der Restaurants verschlungen werden und das der ersehnte Unterhaltungswert der meisten Menschen ist, neben Fragesendungen von tiefstem Ja-  Nein- Niveau im TV- Geschäft, ist der Schritt zu Gewalt am Leben meines Nachbarn nicht mehr groß. Einen Ausdruck des sich anbahnenden, angstvollen Sicherheitsfanatismus unserer Zeitgenossen erkenne ich in der Wettervorhersage im Rundfunk, die inzwischen auf allen Sendern in moralisch gefärbtem Wortlaut etwa alle 10 Minuten zu hören ist. Jeder noch so kleine Sprecher stellt sich mit Namen vor.
Es wären noch viele Beobachtungen der Auswüchse des Medien- und Großstadtalltags zu erwähnen, der so selbstbewusst hofiert und scheinbar so selbstsicher gelebt wird. Das Ich schreit und schreit, und die antworten könnten, werden, mehr oder weniger  bewusst, ferngehalten und ausgegrenzt.
Wie ja schon immer.
Die schönste, leichteste Möglichkeit zur Gotteserkenntnis besteht im sexuellen Akt von Mann und Frau – in Liebe. Ja, so einfach ist es. Die Paradieslegende belegt diese Wahrheit.
Die Tantriker, Taoisten, Orden der ägyptischen Eingeweihten wussten von diesen alchemistischen Energien und Kräften. Eine solche Eingeweihte, darum wissende Frau war Maria Magdalena. Sie hat Jesus unterstützt, den schweren Weg in Wahrheit beispielhaft für die Menschheit zu gehen, der ihm bestimmt war. Sie wurde schon von den Jüngern, dann von der Kirche legitimierend, als Hure abgestempelt, wie dann später alle Frauen, die ihre weibliche Kraft in den Dienst der Freiheit und der Erkenntnis gestellt haben. Die eigentliche Hure ist bis heute die Kirche, was an den roten Schuhen des Papstes abzulesen ist.

Solange unsere Männergesellschaft sich nicht auf die ‚große Mutter’, die Erde, die eigentliche Materie beziehen wird, kann sich nichts grundlegendes ändern. Der materialistische Schrei ist ja nichts anderes als ein verzweifelter Schrei nach der Urmaterie, der Mutter Erde, die ohne liebende Sexualität nicht zu denken ist. Vielleicht ist das massenhysterische Ereignis der Trauer um Michael Jackson in diesem Licht zu sehen, als Todesschrei einer nahezu untergehenden Gesellschaft. So gesehen sind die Menschen am Ende doch stark oder zumindest ihrer Natur nach sehr zäh:  wie eine Pflanze sich durch die Asphaltdecke drängt, ruht der Mensch nicht eher, bis seine Ganzheit, - was ja seine eigentliche Natur ist-, wieder gesehen wird.
Es gibt Stimmen und Wege, die genau in diese risikofreudige Untergangsmentalität hinein rufen und Möglichkeiten aufweisen,  die uns eine Chance aufzeigen und anbieten.
Seit geraumer Zeit gibt es nun zeitgenössische Weise, welche die alten Lehren aus dem Osten in Verknüpfung mit all den wertvollen Erfahrungen der modernen Psychologie in neuen spirituellen Gewändern vor uns ausbreiten. Es ist eine große lustvolle Bereicherung unserer Kultur, dass diese „Erwachten“ uns ihr ganzes Leben in Form von Vorträgen, Versammlungen, Gesprächen und Büchern zu Füßen legen und sich so um die Liebe  und den Frieden der Menschen bemühen.

Eine möglicherweise revolutionäre „Medizin“, NES,  wird uns dabei helfen, die Erkenntnisse dieser großen Spirituellen anzuwenden. Schon die alten Chinesen, Inder und andere wussten, dass die alchemistischen Prozesse von energetischer, physikalischer Natur sind. Allerdings ist es für uns heute, nach imprägnierter Korruption von 2000 Jahren nahezu unmöglich, sich diesen herrlichen Weisheitslehren zu stellen. Darunter leide ich schon mein ganzes Leben. Die innere Arbeit an der Bewusstwerdung treibt uns ja immer wieder an den Abgrund der Verzweiflung, da sie uns knallhart erfahren lässt, dass auch bei allerbester Absicht und Anstrengung die inneren Verhärtungen nicht zu lösen sind und es letztlich Gnade ist, befreit zu werden. Sich mit diesem Bewusstsein abzufinden, ist nicht so leicht, wie es aussieht und treibt die Suche immer wieder an. Der Mensch ist nicht so schlecht, wie ihn viele einschätzen, sieht man sich einmal diesen unerschütterlichen Motor für diese Suche an.
Hier setzt wohl NES an und wird uns dabei unterstützen, Erkenntnis in Bewusstheit zu leben, ein humanes, freiheitliches Leben ohne Leid zu führen. Ohne Leid soll dabei nicht heißen, ohne Krankheit und ohne Tod, sondern ohne Anhaftung an diese Phänomene. Sicherlich werden viele Menschen – und warum auch nicht – zunächst an die geliebte ‚Gesundheit’ denken. Aber ich ahne, dass sich hier um mehr geht und sich endlich eine Möglichkeit auftut, an das so lange gehegte und ersehnte Wu-Wei (Tun im Nichttun) zu gelangen. Und wenn’s auch nur einen Schritt näher dran wäre!

Wir werden durch die schlichte Einnahme von ‚Tropfen’ an all unseren Verstrickungen, schief eingerichteten Verklemmungen, Traumata körperlicher und seelischer Natur rütteln, sie aufbrechen und egalisieren. So wird ein energetischer Zustand eingeleitet, der eigentlich zu mir gehört hatte, der nur verschüttet oder umgelenkt wurde, um zu überleben. Es ist ein mutiger Schritt, sich dieser ‚Medizin’ zu stellen, da kein Erkennen möglich ist, ohne alte Muster aufzubrechen. Und Verwandlung geht nicht ohne Schmerz. Seltsamerweise haben dennoch schon sehr viele Menschen den Zugang zu dieser neuen ’Medizin’ gesucht. Die Ahnung von Verwandlung steckt an und hat bereits ein Flächen deckendes Ausmaß angenommen. Liebe ist eben ein Feuer, und Schmerz hat die natürliche Neigung, sich in Liebe zu verkehren, wird er angeschaut und nicht vermieden.
Das weite Licht einer entfalteten Seele, die von ihrem Schmerz befreit, in Liebe sein kann, nach dem sich alle zu Recht sehnen, ist zu einer Möglichkeit geworden.
Die Knechtschaft unserer abendländischen Kultur darf tatsächlich auch einmal ein Ende haben.
Wenn ich auch möglicherweise dieses NES- Phänomen, wie ich es einmal nennen möchte, noch nicht angemessen umschreiben kann und eventuell zu hoch fliege mit meiner Einschätzung, bin ich doch gern für eine Kritik bereit und wage mich vor. Es geht doch ums Ganze


Mark Rothko 9/08
Galerie der Gegenwart Hamburg

Wie eine Frevlerin komme ich mir vor, schon bevor ich überhaupt ansetze. Aber ich möchte es dennoch wagen, dem Malerriesen Mark Rothko auf meine Art zu begegnen:
Ja natürlich, habe ich oft gedacht, wie es wohl sein wird, einmal den Originalen gegenüber zu stehen, wie sich wohl die Aura dieser schon legendären Bilder auf mein Erleben auswirken wird. Schon einige Male habe ich ein Einzelwerk erfahren, in Sammelausstellungen oder in ständigen Sammlungen. Seltsamerweise habe ich dann nie weiter gefragt, wenn mir das Herz nicht stehen blieb und ich es ja eigentlich erwartet hatte. Hab’ dann einfach angenommen, es wird wohl ein weniger substanzielles Werk von ihm sein, o.ä. So zum Beispiel vor kurzem während der Kounellis – Ausstellung in der Nationalgalerie/ Berlin, in der ständigen Sammlung der Moderne im Sockelgeschoss, im Raum der amerikanischen Coulor-Field-Painter. Da hing ein mich gewaltig beeindruckendes Riesenbild von Morris Louis. Eins von Rothko hatte ich wieder mit so einem unbewusst stehen lassendem Schlenker goutiert, der sich mit ‚ später einmal’ zufrieden gab. Auf kleinen Abbildungen in Büchern allerdings habe ich Mark Rothko immer sehr verehrt und ihn als Meister der Farbe und Spiritualität gesehen.

Aber jetzt gibt es keine Ausrede mehr, kein Aufschieben und kein sich Verstecken: In Hamburg ist eine riesige Retrospektive inszeniert. Wenn nun das Licht seinen Werken nicht angemessen ausgerichtet war, die Räumlichkeiten der leicht starren Architektur der Galerie der Gegenwart die viel beschworenen Farbwirkungen nicht zugelassen haben oder meine heutige Verfassung untauglich war für tiefe Einsichten, - es gibt so viele Varianten, die unsere Wahrnehmung beeinflussen - , möchte ich nun nach dieser langen Vorsichtsäußerung hinsichtlich eines zu schnellen, möglicherweise gar überheblichen Urteils, wagen, eine Beschreibung meines Eindruckes vorzunehmen:
Ich war äußerst gespannt. Die Presse hat das ihre dazu getan, diese Ausstellung breit und vielfältig anzukündigen, was auch allein schon in der Warteschlange an der Kasse zu erkennen war. Das Echo der Presse kann kaum anders ausfallen als positiv bis gigantisch, da die Bilder von M.R.  ja inzwischen bis zu 60 Millionen Euro erzielen und er zu den höchst gehandelten Malern der Moderne zählt. Aber es gab auch differenzierte Stimmen, z.B. in der ‚Kunstzeitung’, die von mir sehr geachtete Schreiber/innen entsendet, um uns die Welt der Kunst nachvollziehen zu lassen, die Rothko’s Bildern huldigen. So hat Karlheinz Schmid einen wunderbaren Kommentar über diese zuvor in München gezeigte Ausstellung verfasst. Also, es ist einfach so:
Ich gehe in die Galerie der Gegenwart und beginne meinen Rundgang. Ich schaue und gehe, bleibe stehen, gehe, schaue. Weiter, wieder, drehe mich um, schau’ aus anderer Perspektive. Bin ich zu schnell? geht es mir nicht gut? was ist? wieso will sich kein Funke auf meine Seele setzen wie ein Falter auf eine Blume, um mir zuzuflüstern, das hier ist deine Welt, hier ist das Schöpferische zu schmecken.
Wieso stellt sich kein Empfinden für Poesie, Tiefe, Auseinandersetzung, gar Ringen um Erkenntnis ein? Wieso spüre ich keine Kraft der Farbe? was doch so gerühmt wird an seinen Bildern? Enttäuschung beginnt in mir hoch zu kriechen und sich wie ein Film auf meine Seele zu legen. Das Foto von Rothko, das in der ganzen Stadt hing, findet hier einen Widerhall. Es hat auf mich verschlossen wie ein Stück Mauer gewirkt. Nun hätte sich ja das Gegenteil in den Bildern ausdehnen können. Darauf war ich innerlich vorbereitet: auf Tiefe, Weite, treffende Spiritualität.
Die Farbe auf den großen Formaten spüre ich oft unsensibel aufgetragen. Kann ja sein, dass R. dabei in der Welt der Stille war. Aber mir gelingt es nicht, dies zu erahnen. Was da alles heran zitiert wird, einfach alles, was das Herz begehrt: Erhebung, Versenkung, Beruhigung, Frieden, Religiosität, und vieles andere mehr. Rothko hätten diese Art Reaktionen überrascht, wie er sagt, die ‚Wiege seiner Bilder sei Gewalt’. Ja, das erklärt mir ein wenig, dass seine Bilder auf mich eher stumpf wirken. Natürlich gibt es Bilder mit ‚schönen Farbzusammenstellungen’, natürlich ist der Mut zu den endlosen Wiederholungen des Flächenmotivs in abgewandelter Form von kraftvoller Vitalität. Seine Auseinandersetzungen in der bekannten Dramatik und Ehrlichkeit mit öffentlichen Instanzen zeugen bestimmt von außerordentlicher Sicherheit der Richtung seines schöpferischen Willens. Die einfühlsamen Kommentare von Zeitgenossen, denen man in dem sehr schönen, die Ausstellung begleitenden Film zuhören konnte, erzählen von einem ernsthaften, sympathischen Künstler von höchstem Niveau.
 Aber es bleibt: R. hat sich dem Leben nach und nach entzogen. Sein Atelier war gleichsam eine Art Refugium, da ihm das Leben nicht schmeckte. Dieses Nein zum Leben atmen seine Farben und Formen. Seine Bilder verströmen keine Liebe. Ich fühle in ihnen Absage, Rückzug, keine Offenheit, keine Schönheit – diejenige, die von Schonen und Schauen kommt -, keine Stille, die von dem Raum hinter den Dingen spricht.
Bevor ich mir mein Urteil zueigen machen werde, will ich mindestens noch einmal hingehen, mich erneut den Bildfeldern aussetzen – und vielleicht alles verwerfen, was ich heute erfahren und in Worte gefasst habe. 
Ein großer Schmerz legt sich auf mein Herz, nachdem ich dieses geschrieben habe. Wo sind sie denn heute die großen Meister, deren Welt ich betreten möchte, von denen ich etwas lernen kann? Wo kommt unsere Gesellschaft denn hin, wenn diese Kunst derartig honoriert wird, dass die ganze Stadt Kopf steht, den Menschen Heil versprochen wird und dadurch ihre Seelen völlig fehl gelenkt werden?
Es herrscht eine seltsame Untergangsmentalität in unserem Land zurzeit. Eine mir selbstmörderisch erscheinende Tendenz macht sich breit, unbewusst zwar, aber deshalb umso stärker wirksam. In der Haltung dem Konsum gegenüber, in der höllischen Gier nach Ablenkung im privaten und erst recht im öffentlichen Raum, in der Lust nach dauerndem Alkoholgenuss und fleischhaltigen Essen. Das Aushalten, geschweige denn die Wahrnehmung der Süße von Stille und Alleinsein, wird ersetzt durch dauernde Seelenfolter in Form von Geräuschen, Bildern suchtartigen Gemeinsamkeiten, dauernden Erneuerungen von allem und jedem. Darüber hinaus die Wahnvorstellung, dass dies das gute Leben sei!

Mark Rothko hat sich am Ende umgebracht. Sein Leben hat sich darauf hin entwickelt. Ich erkenne  dieses Phänomen in seinen Bildern. Ist es diese Untergangsmentalität, die sich in ihnen so gut spiegeln lässt? Und wird über dieses wahrhaftige Phänomen der Deckmantel von beruhigender Kunst geworfen? Von Kunst, die uns zwar beschäftigen soll, aber eben in gebremster Manier. Jetzt ist es endlich für alle so weit, dass sie erkennen sollen, dass Farbe auch ohne Realitätsbezug schön sein kann? M. Rothko ist dafür evtl. ein gutes Beispiel. Aber diese Erkenntnis genügt doch nicht und ist überdies nun auch schon mehr als hundert Jahre alt.
Ps.: 14 Sept. 18 Uhr
Soeben wurde die Mark Rothko - Ausstellung geschlossen. Ich war inzwischen noch zweimal da und habe nichts Neues erlebt, außer dass sich mein Empfinden und meine Feststellungen des ersten Besuches noch verfestigt haben. Eben wollte ich schnell noch einmal hin, bevor sie heute Abend geschlossen wird - sie wurde verlängert-. Aber ich war zu spät. Ich dachte, ich hätte noch etwas gut zu machen. Aber ich werde jetzt zu meiner Einschätzung stehen.

Die allgemein verbreitete, sentimentalische Wahrnehmung und Einschätzung von Mark Rothko und seinen Bildern passt  ja auch nur zu gut zu der Angst unserer augenblicklichen Gesellschaft, die vieles schön redet und sich windet, wenn es darum geht, hinzuschauen auf das, was schwer erträglich ist, weil es dann nämlich etwas zu tun gäbe, und zwar vor der eigenen Tür, am eigenen Leben. Wenn Rothko’s Bilder als Ausdruck eines zornigen Mannes gesehen werden dürften, der an seinem Dasein in unserer Zeit verzweifelte, wie befreiend wäre dann eine mögliche Hinterfragung seiner Kunst und seines Lebens! Wir könnten schauen und fragen, was gibt es für uns zu tun an Veränderung und Verwandlung! Vielleicht könnte ich dann seiner Kunst voll Demut begegnen und ihm danken, dass er die Darstellbarkeit von Verzweiflung und Zorn bis an ihre Grenzen getrieben hat. Dass er uns den Boden bereitet hat, sich jetzt zu öffnen für neue Fragen und Selbstkritik am einzelnen Leben und am gesellschaftlichen.
Nachdem ich dieses Geschrieben habe wird mir ganz warm ums Herz für den Maler Mark Rothko, und sein Zorn entlädt sich jetzt als mein Zorn gegen die nicht enden wollende Ignoranz der reaktionären Kräfte unserer, christlich-abendländischen Mentalität, die ich ja auch sosehr in mir selber trage.

Nachtrag 2/09

Nach meinem Besuch der Ausstellung „Die verborgene Spur - Jüdische Wege durch die Moderne“ im Felix - Nussbaum - Haus in Osnabrück am 7. 2. 09 (s. Reisenotizen) hat sich meine Auffassung der Werke von Mark Rothko geweitet und erneuert. Mein Unbehagen an der Wahrnehmung seiner Bilder der großen Retrospektive in Hamburg, das ich so ausführlich umschrieben habe, da ich den Eindruck hatte, so werde ich der Kunst dieses großen Malers nicht gerecht, hat sich durch die Erfahrung der Ausstellung in Osnabrück entschlüsselt und relativiert.
Hier, wo nun alle beteiligten Künstler in ihrer jüdischen Herkunft gewürdigt werden, kommt deutlich ans Licht, welch enormen Stellenwert die uns schon so geläufigen Werke für die Moderne der Kunst haben! Durch ihre Zusammenführung werden die Künstler in ihrer jüdischen Individualität geadelt, und wir können Zeuge von dem unschätzbaren Wert werden, der hier verborgen liegt, wie in dem Titel der Ausstellung sehr schön gesagt ist. Hier hängen nun zwei Bilder von Mark Rothko, ein kleineres und ein größeres, zusammen mit Werken anderer Meister der Moderne in einem lang gestreckten Raum, der uns erstmalig eine derartige Zusammenführung bietet.
Richard Serra neben Mark Rothko, wie wunderbar! Die augenblickliche, kraftvolle Stille, die von der Berührung dieser beiden Werke ausgeht. Was geschieht hier? In Hamburg wurde Caspar David Friedrich „der Mönch am Meer“ neben ein farbig und von der Komposition her verwandtes Bild von M. Rothko gehängt. Unser Blick wurde auf den Aspekt der sehnsüchtigen Einsamkeit der deutschen Romantik gelenkt. Meinem Gespür leuchtete diese Gegenüberstellung nicht zwingend ein, zumindest nicht als ein die Emotionalität klärender Aspekt von der Arbeit M.Rothko’s, eines jüdischen, russischen Malers in den U.S.A.
Hier im Felix- Nussbaum- Haus, gebaut von dem in Lodz geborenen Daniel Libeskind, hängt nun ein ähnliches Bild von Rothko in graublauen Tönen und einer Horizontalen neben einer minimalistischen Eisenskulptur von Serra. Welch ein Feuer der Aussagekraft sich bei mir in dieser Zusammenführung entlud! Müssen wir hier nicht einmal fragen, woher denn diese phantastische Wirkung rührt? Die beiden ähnlichen und zugleich so extrem unterschiedlichen Arbeiten in streng reduzierten Farben und Formen bestärkten sich wechselseitig in ihrer Aussagekraft und sprachen zu mir von unbeugsamer Lebendigkeit und Schaffenskraft. Hier strahlte die Kunst Rothko’s in energetischer Helligkeit.
Eine weitere kleinere Arbeit in sanfter Farbigkeit der zurück genommenen rot-gelben Palette hing eingebettet in Werke anderer bekannter Künstler jüdischer Herkunft, wie R.B.Kitaj, F. Nussbaum, Man Ray u.a. Hier durfte das Werk von Rothko atmen, in seiner gemeinten Natur wirken, ohne dass ihm ein Konzept übergestülpt wurde.
In dem nahezu martialischen Bau der Hamburger Galerie der Gegenwart von Unger ist möglicherweise nicht der angessene Raum zum Atmen für die Bilder von Rothko. Möglicherweise waren sie auch zu dicht gehängt. Mit Sicherheit aber ließ die ins Religiöse transzendierte Auffassung der Werke Rothko’s den von ihm gemalten Charakter der Bilder nicht genug zu. Die so viele Menschen äußern, wenn sie von Rothko schwärmen! Rothko selbst hat sich gewundert über diese sentimentalische Betrachtung seiner Bilder und hat betont, dass er ein Maler des Zorns war.
Mir fällt zu diesem Phänomen die Kreuzigung von Jesus ein. Seine Jünger konnten es nicht ertragen, dass ihr Meister als Mensch gefoltert und hingerichtet wurde und überhöhten dieses Geschehen aus Ohnmacht. So wurde eine reale Begebenheit ins Religiöse transzendiert, und die Heilsgeschichte der Auferstehung des Herrn hat sich bis heute gehalten und wird beispielhaft für das eigene Leben in Betracht gezogen.
Warum wird so wenig oder gar nicht von der Tatsache berichtet, dass Mark Rothko ein jüdischer Maler war. Warum wird nicht sein Selbstmord am Ende seines Lebens auch einmal in diesem Licht gesehen. Warum wird nicht einmal die Genialität und die Schöpferkraft auf die jüdischen Wurzeln zurückgeführt. Es wird immer nur mit vorgehaltener Hand gerade mal erwähnt, dass...............................................
Die enorme Stärke der generösen Vitalität des jüdischen, kulturellen Erbes, hier der Malerei der Moderne, hat sich in dem Werk Rothko’s im Felix-Nussbaum-Haus in einem wunderbaren Licht gezeigt.


Der Film ‚Wolke 9’ von Andreas Dresen
Abaton Hamburg 9/08

Vor mir ausgebreitet auf dem Cafétisch:
- „Also, da kommt noch was!“ / Interview von Birgit Glombitza mit Andreas Dresen aus der taz vom 4.9.08 über seinen letzten Film “Wolke 9“
- „Erwachsener Sex im Alter“ / Kommentar von Dirk Knipphals / Titelseite/taz 4.9.08
- „Beschwingt und leichtfüßig“ / Kulturspiegel/Werbung ebenso in der taz
- „Wolke 9“ / Rezension von Ina Bösecke in der konkret Nr.9, Sept.08
- Osho / „Tod – der Höhepunkt des Lebens“
- Krishnamurti / „Über Leben und Sterben“

Eine halbe Stunde, -mindestens-, große Leinwandbilder von der körperlichen Liebe zweier älterer Menschen, viel zu nah, viel zu deutlich, obwohl der Autor sich dagegen ausspricht, hat er’s doch gemacht.
Eigentlich wollte ich mir diesen Film gar nicht ansehen, dem der taz am 4. Sept.08 ein Filmstill für das Titelseitenfoto wert war – im Format der halben Seite. Mit einer Großaufnahme hat die taz auf ihre versteckt reißerische Art  die seelische Bannmeile des Films missachtet und uns mit der zusätzlich auf’s Foto plakatierten Aufschrift „Yes, I can“ zielsicher auf das Thema gestoßen.
Ähnlich wurde es aus allen Medien posaunt: „Sex in hohem Alter“. Anette Gerlach lächelt milde in den Kulturnachrichten von arte, wenn sie meint, ’das gibt uns Mut’. Ina Bösecke in der konkret hat „tapfer zugeschaut, wenn Omi und Opis sich ständig begrapschen“. Der Ton ihres Kommentars ist verzweifelt ironisch. Da nützt die junge linke Sprache nichts, wenn es um das große Thema von Liebe und Tod geht.
Wie steht es nun mit Andreas Dresen? Seine lächelnde, leise, doch bestimmte Art, dem Lebendigen zu begegnen, die mir im ‚Sommer vorm Balkon’ so gut gefiel, war der Auslöser, diesen Film trotz der schauderhaften Kommentare unserer Kulturbegleiter aus Funk, Presse und TV anzuschauen. Es kann nicht sein, dachte ich, dass A. Dresen lediglich zeigen will, dass auch bei älteren Menschen die Sexualität noch leben kann und darf. Das wäre nun wirklich nichts Neues. Erschreckend genug, wie breitflächig, ironisch und drängend darauf in den Medien anlässlich dieses Films aufmerksam gemacht wird. Die Prüderie muss also doch noch horrende hoch sein im Seelenhaushalt der zeitgenössischen Menschen.
Fünf kleine Puppen, Mädchen von etwa 15 Jahren, sitzen mir gegenüber. Im Gummiband gehaltene Pferdeschwänze, Jeans, enger Pullover, Rucksack, Turnschuhe. Sie unterhalten sich desinteressiert ernsthaft und  strahlen unerotische Langeweile aus, die besonders unerträglich ist, da sie doch noch so jung sind. Sie wirken sehr alt auf mich. Nein, alt ist eben das falsche Wort; fade, unlebendig, phantasielos, unkreativ. Vielleicht müssen sie erst den langen Weg eines genormten Lebens gehen, bevor sie an solche Schnittstelle ihres Daseins gelangen wie ‚Inge’ in ‚Wolke 9’, die sich im fortgeschrittenen Alter von 65 Jahren endlich dem Lebendigen zuwendet, über den Weg der Sexualität. Die sexuelle Kraft stürzt sie in ein Abenteuer, das die Veränderung ihres bisher stumpfen Lebens auslöst. Es bleibt offen, wohin es sie noch treiben wird. Ihr sei es „geschehen“, wie  sie immer wieder beteuert. “Es ist mir passiert!“, wundert sie sich mit Nachdruck und spricht so, als wäre es eine unabwendbare Tatsache, der sie sich schicksalhaft stellen müsste. Dabei könnte sie ja, wie Millionen unserer preußischen Vorfahrinnen es taten, einfach Schluss machen mit dem noch kleinen Abenteuer und ihr Eheleben wie gewohnt wieder aufnehmen. Aber das tut sie eben nicht. Sie nimmt den Bruch in Kauf und schaut dem Ende ihres Familienlebens sowie dem Tod ihres Ehemannes in die Augen. Sie wird ihr Leben ab jetzt dem Lebendigen öffnen. Dafür hat sie seelische Schmerzen, Verzweiflung und Ohnmacht durchgeblutet, was zu einer echten Krise dazugehört. Andreas Dresen sagt zwar im taz – Interview locker: „Also, da kommt noch was! Das finde ich ja ganz gut“, und meint damit wohl die Chancen im Alter. Es ist ihm wahrscheinlich nicht so recht bewusst, was er da filmt, und das gefällt mir. Er drückt aus, was ihn tief beschäftigt, ohne gleichzeitig verbalisieren zu können, was er will und tut. Das macht einen echten Künstler ja schließlich aus. Er will eine „Geschichte der Unvernunft“ drehen, „die einen auch noch im hohen Alter davontragen kann“.
Die Langeweile der mir gegenüber sitzenden jungen Mädchen ist fast beängstigend. Ich stelle mir vor, plötzlich passierte einem von ihnen eine derartige Verliebtheit. Es würde ihr den Boden unter den Füßen wie nichts entziehen!
Bis auf die Ohnmacht der zu vielen großen Bilder der Sexualität hat Andreas Dresen wieder feinfühlig und prägnant gedreht, wie schon im ‚Sommer vorm Balkon’. Seine Bilder sind treffend und rücksichtsvoll, poetisch und radikal. Die Lage einiger typischer Menschen unserer Zeit in Familie, Sexualität und Alltag wird deutlich aufgezeigt. Nun wird dies anhand einer Liebesgeschichte im fortgeschrittenen Alter zwischen 65 und 75 pointiert. Es gibt scheinbar nicht mehr diese Aussicht auf neue Anfänge, auf mögliche Änderungen des Lebens, weil sie eben schon so alt sind.
Besonders hart wird deutlich, wie wenig hier die Psychologie der letzten 100 Jahre bewirkt hat, wie wenig die Hinwendung unserer Philosophie nach Osten genützt hat! Wie sind die Menschen gefangen im ohnmächtigen Ritual ihres Alltags. Wie angekettet haben auf mich alle Figuren dieses Films gewirkt. Ohne Bewusstsein für ihr Dasein und ihr Handeln wiederholen sie eingefahrene Muster, die ihnen traditionellerweise scheinbare Sicherheit suggerieren. Als Beweis führt dann ein Liebesabenteuer ad hoc zur Katastrophe. Nicht die leiseste Spur von spirituellem Gewahrsein, bei keinem der Protagonisten, auch nicht bei dem alten Karl, der sich mit Glück jung erhalten hat, aber eben auch nicht bewusst lebt. Er blüht, wie Inge, kurz auf durch die neue, junge Liebe, aber das Ende ist ebenso deutlich spürbar. Auch er zeigt Falten der Verzweiflung an der Stirn, als Inge um den Tod ihres Mannes trauert. Sie trauern in dem Augenblick um das bisher ungelebte Leben.
Es ist das  so sehr Bedrückende an diesem Film, das Miterleben dieses langen, 30jährigen, stummen, ungelebten Lebens, das durch die Verliebtheit der beiden Alten in seiner Niedertracht umso deutlicher aufscheint und den Kinobesucher wie ein Aufschrei im sensiblen Licht der schönen Lanschaftsszenarien heimsucht.
DEN Tod, der zur Liebe gehört, wie das Spiegelbild des Mondes im Wasser zum Mond, hat A. Dresen nicht aufgezeigt. DER Tod, von dem Krishnamurti unser Verstehen abfordert, bevor er uns das Verstehen des Lebens und der Liebe zutraut.
Hier wird die Liebe mit dem Zusammenbruch des ganzen bisherigen Lebens eingelöst. Das ist das mich nicht loslassende Drama des Films. Weiter hat A. Dresen noch nicht geschaut. Vielleicht wird er ja später einmal einen zweiten Film über das weitere Leben von ‚Inge’ drehen. Sie hat sich, wenn auch spät und dramatisch, eine Chance ermöglicht, lebendig zu werden. Mag sein, dass sie stärker ins Gewahrsein gelangen wird und das Wunder erleben, dass Tod und Liebe gnadenlos zusammen gehören, und eben schon zu Beginn jeglicher Liebe. Die helle Schönheit einer blühenden Rose ist nicht zu erkennen, ohne dem Tod ihres Verblühens mit derselben Liebe zu begegnen wie ihrer Pracht.


Georg Baselitz
Deichtor Hamburg 11/08

Ja, ich lasse den Baselitz–Flyer auf dem Tisch liegen. Gerade überlegte ich, ihn lieber in die Tasche zu tun, aus Minderwertigkeitsgefühlen heraus. Er ist ein Maler-Riese, zurzeit weltweit hoch anerkannt. Erst jetzt finde ich Zugang zu ihm, über die Ausstellung seiner Russenbilder in den Hamburger Deichtorhallen. Seine wuchtige Malerei und Bildhauerei hatten mich bisher nicht getroffen; zu grob, war mein Credo. Auf einem Mal ist ein Draht da – und wie! 3x war ich dort, und suche und suche. Wie hat dieser knorrige Maler es erreicht, seine zarte Seele sprechen zu lassen? Und dazu in leichter, luftiger Form? Eine mich mitnehmende Balance füllt die große Halle, eine demütige Haltung der eigenen Absicht, und besonders der möglichen Anerkennung gegenüber. Welche Kraft muss es kosten, dem Ansturm des vorauseilenden Ruhmes stand zu halten. Wie Baselitz seine Vergangenheit als Jugendlicher, durch Russland und die DDR geprägt, in bleischweren Schichten auf seine Schultern geladen  und unter diesem Geist gearbeitet hat, so lässt er jetzt diese Schichten einfach leicht in die Luft gehen. Es ist sehr  faszinierend, da diese Bilder eine tiefe Spiritualität entfachen, gar nicht nur leicht sind, sondern zugleich von einer genialen Ernsthaftigkeit, die mich lächeln macht.

Zwei Dokumentarfilme von Heinz-Peter Schwerfel begleiten die Ausstellung, in denen er Baselitz vorwiegend in seinen Ateliers zu Fragen seiner Kunst interviewt. Sie entstanden in 12-jährigem Abstand zueinander, sehr ähnlich in der Form. Baselitz’ Sprache zeichnet seinen Schaffensprozess nach, umgarnt seine Absichten, seine Prinzipien, seinen Malerstatus. Er sagt, er führe privat ein braves Leben, als Maler lebe er außerhalb der Gesellschaft (wie soll das gehen?), dort sei er sogar Mörder. Diese Aussage macht ihn mir fremd und erklärt diese  Kluft, die ich spüre, wenn ich ihm zuhöre. Wo ist seine Botschaft? Muss er sie uns „ sagen “ ? , er malt sie doch. Mir scheint eine derartige Spaltung des eigenen Wesens unmöglich: hier braver Bürger, hier Künstler. Sogar fühle ich ein Muss der Integration dieser beiden Ebenen.  Die Verbindung der Quelle unseres Ichs mit unserem augenblicklichen Dasein, ist sie nicht die Ebene, die erkämpft wird vom Künstler? Ich spüre diesen Kampf in Baselitz Bildern, nehme zugleich aber in seinen Worten ein getrübtes Bewusstsein für diesen Kampf wahr. So entsteht bei ihm eine eigenartig hölzerne Sprache ohne Fluss, die zu seiner eigenen geworden ist und sein Ich hält wie ein Korsett.

Die „Russenbilder“ leben jenseits seiner verbalen Sprache, berührend, immens, radikal wahrhaftig, faszinierend. Baselitz wird wohl täglich die Rollen wechseln vom Ich zum Künstler und zurück. Wie kann dieser Spagat zu derartig kraftvoller Kunst werden? Oder fehlt ihr am Ende doch das Entscheidende für sehr große Kunst? Wieso hält er so fest an der Umkehrung seiner Motive? Es hat etwas zwanghaftes, hinter dem eine Riesenangst lauern muss, welche Angst? die Angst vor dem Fall. Jetzt hab’ ich dich Baselitz – und darf doch – auch im Angesicht des Flyers auf meinem Tisch – über meine Kunst schreiben. Meine Kunst, die sich zurzeit so hell und leicht geriert, dass ich mich wundern muss. Von Baselitz’ Russenbildern inspiriert, lasse ich Motive, die mich lebenslang bedrückt haben, in die Luft gehen.

Aber wie ist es Baselitz gelungen, diese Leichtigkeit über diese schweren Motive zu werfen? Im zweiten, zeitnahen gefilmten Interview höre ich den 70jährigen Baselitz sagen: „ Kein Vorhaben mehr, keine Absicht, kein Konzept, das fällt jetzt weg. ein hermetischer Raum. Und das Erstaunliche ist, das die Bilder jetzt leichter werden.“ ( in etwa der Wortlaut) . Was hat Baselitz erlebt, das er am Ende zu dieser Aussage kommt? es muss ein einschneidendes Erlebnis hinter ihm liegen, das ihn fallen lassen gemacht hat, fallen in den tiefen Brunnen seiner Seele, wo das Ich eins wird mit dem Selbst, wo seine vor 10 Jahren noch verbalisierte Spaltung in Ich und Künstler aufgehoben wurde, und war’s evtl. auch nur kurzfristig. Aus diesem Fall heraus sind dann die Russenbilder entstanden.

Sinke meine behaftete Seele, sinke, sinke, sinke, sinke. Nimm all den Schmerz der letzten 64 Jahre mit in den Urgrund des Brunnens des endlosen Schachtes. Gestaltend zulassen, gestaltend sinken lassen, meine Arbeit als ein personifiziertes NAN YAR. Damit die, meine/unsere, bleischwere Geschichte endlich sterben darf und der Abschied eingeläutet werden kann von eigener Schuld, von Illusionen und vom Vorwurf.


Bewegung in der Kunst 2
Niklas Eppinger, MfKG Hamburg 6/07

Ein langhaariger junger Mann mit Cello, rosa Schlips und gebügeltem Hemd geht frisch auf die kleine Bühne, stammelt mit Abneigung ungeschickte Worte über das bevorstehende Stück, setzt sich und erhebt seinen Bogen.
Auf der Stelle umfängt mich die geniale Dynamik seines Spiels. In Kürze wird der mit zuvor nur technischen Tönen und konservativen Worten gefüllte Raum, - bis auf eine warme Ausnahme einer sympathisch vorgetragenen, lettischen Komposition -, verwandelt in eine brillante, schimmernde Atmosphäre, die meinen Atem bis in meine Zehen schickt. Niklas Eppinger spielt uns die Sonate in e – Moll op.38 von Johannes Brahms, ein für sich schon faszinierendes Musikstück auf eine Weise, dass es sich auflöst zu Musik, die keinen Namen kennt. Schlagartig wird mir bewusst, dass es nicht darauf ankommt, ob eine Musik aus Europa kommt oder sonst woher, ob sie nach oder ohne Noten gespielt wird. Der Vortrag dieses herrlich anzuschauenden, jungen Mannes war mehr als ein Meisterstück. Er hat sich mit dem Instrument körperlich bewegt wie ein tigerartiger Tänzer, der den Wandel der Schöpfung widerspiegelt. In einem fließenden Strom von pulsierenden Energien hat er sein Ich an die Wand gespielt, dass nur noch die höheren Kräfte hinter der Absicht der Musik spürbar waren. Die enorme Vielfalt der Klänge und Farben, die wunderbare Art der Pausen, der originäre Bogenschwung! Wie er seinen Körper dem Diktat der Seele zuwendet, sich die Töne holen lässt und selbst seinem Spiel lauscht bei gleichzeitiger hellwacher Präsenz für die vollkommen spontane Aktivität seines Spiels.
Ich erlebte sein Musizieren als tänzerische Ekstase, die uns mitnahm in das Reich schöpferischer Energie. Sein feuriger Mut zur Bewegung. Das kompromisslose Vertrauen, sich von der Seele führen zu lassen.
Hier ist die Schnittstelle, die mich irritiert und bewegt, mich aufruft, auch die Malerei mit der Seele des Tanzes zu durchdringen.


Bewegung in der Kunst 1
Hans Söllner und Bayaman Sissdem, Fabrik Hamburg 3/07

Heute gegen 12 Uhr mittags - die Sonne scheint wieder, gestern Abend herrschte im schönen Monat März eiskaltes, dunkles Regenwetter -, beginne ich langsam zu fühlen, was ich gestern erlebt habe.
Es war so laut oder nein, so wulstig, so ohne für meine Ohren. Schade, schade, schade....hätten sie doch nur ohne jegliche Verstärkung gespielt......denn ich mag die Band doch so sehr!
Nach dem Konzert konnten wir backstage Hans persönlich begrüßen. Er und seine Band waren entspannt und zufrieden. Auf meine Frage sagte er, sie hätten „ihr Zeug nicht dabei, es wäre zu teuer“ und „ auf der Bühne wars  super “. Sie könnten sich dort den Klang individuell einstellen.
Aber noch heute schwirrt mir der Kopf; auf diese Art war die „Musik“ für meine Durchlässigkeit wie ein ganzkörperlicher Angriff. Dabei wollte ich diese Band so gern live erleben, da ich die DVD „Im Regen“ zu meinen Top-ten zähle.
Dennoch, es bleibt etwas, warum ich es in dieses Kunsttagebuch notiere, und was mich für meine künstlerischen Aktivitäten ungemein beflügelt. Es sind die Bewegung und der Rhythmus, und zwar vornehmlich die des Akkordeonisten Peter Pichler. Ich hab ihn geliebt, von der ersten Wahrnehmung bis zum letzten Augenblick seiner Aktivität. Er ist ein Künstler. Dass große Kunst Bewegung ist, wurde durch ihn so wunderschön zum Ausdruck gebracht. Er hat sich selbst mit diesem schweren Instrument leicht wie eine Feder rhythmisch derartig bewegt, dass die Töne seiner Musik wie aus dem Puls des Lebens hervortraten. Einfach selbständig, als ob die Klänge durch ihn geschleust würden und schon vorher da waren und er sich zu ihnen gewiegt hat. P.P. war nach dem Konzert nicht erschöpft. Zum Teil waren seine Beine weit über dem Boden, es waren unterschiedliche Rhythmen an seinem Körper zu sehen. Wie ein Vogel flog er mit der Musik in klarer Präsenz.
Da die Dröhnstärke des Basses so hochgezogen war, hab ich es in der Mitte des Raumes nicht ausgehalten, hab mich dann von Hans und seiner Kunst fortbewegt und mich vorn an den dunklen seitlichen Bühnenrand begeben und konnte mich dort in etwa 4 Meter Entfernung in dieses musikalische Akkordenwunder versenken.
So gesehen hab ich viel, sehr viel von dem Konzert gehabt. Wenn ich meine Augen schließe, fängt sofort die Tiefe der Seele an zu schwingen. Obwohl von den Akkordeontönen nicht allzu viel zu hören war, wurde durch diese unmittelbare sehr nahe Wahrnehmung ein mich bereicherndes Musikerlebnis in Gang gesetzt, das mich in seiner schöpferischen Qualität nachhaltig durchflutet. Ich werde diese gespeicherte Empfindung neu aktivieren, wenn wir die DVD „Im Regen“ einwerfen und so den Genuss  der Konserve erhöhen werden.
Dominique Ingres , der klassizistische Meister des extrem fotografischen Realismus in Öl hatte behauptet, dass das wichtigste einer Zeichnung in ihrer Bewegung läge. Ich stimme ihm heute zu und werde diese schöne Akkordeon-Erfahrung für meine Bildnerei fruchtbar machen.


Vernissage, Harburger Bahnhof 1/06

Große Formate einer kleinen Koreanerin, Hyun-sook Song.
Strenge Kühle weht mich an. Ist dies die Stille der ostasiatischen Kunst, die ich so verehre? Ich lausche, suche, höre zu. Das Schauen will sich nicht entfalten. Die Gesichter der Betrachtenden sehen angestrengt, ernst, und bedrückt aus. Die Verwandlung der Seelen über das Schauen findet trotz gutem Willen – die Künstlerin genießt einen recht guten Ruf – nicht statt. Der sehr intelligente, wohlmeinende Vortrag von Prof. Dr. Werner Hofmann schmerzte, da er die Bilder nicht traf, oder besser, da die Bilder ihm nicht gerecht waren.
Was war passiert? Hier arbeitet eine Künstlerin im Exil, weit weg von ihrer Heimat im östlichen Korea. Die großartige, uralte Tradition des Ostens bildet ihre Wurzeln. So gesehen ist H-S. Song nicht angekränkelt von der alten Auseinandersetzung Naturalismus/Abstraktion jedes europäischen Künstlers, was auch wunderbar in der kompromisslosen Herangehensweise an die große Flächenkunst erkennbar wurde. Dennoch scheint der Kontakt mit dem Westen ihr nicht gut zutun, ihr sogar Zwang anzutun. Im Wetteifer mit der Sucht nach großen Formaten bläst H-S. Song Spuren der alten Tuschpinseltradition zu riesenhaften Zeichen auf, die durch die verlorene Intimität keine Aussagekraft mehr haben. Das Wesen des Tuschpinselarbeitens ist die Spontaneität. Diese wird hier auf geplanten Großleinwänden gelöscht.
Die Atmosphäre wird schwer. Die eingefrorenen Momente legen sich kühl auf die Betrachter. Die Berührung von Ost und West findet nicht statt. Hier ist ein Schritt in die Richtung der Begegnung von Ost und West getan, zunächst im stummen Ernst.


Bob Dylan 1/05

Die Musik von Bob Dylan! neuerdings - durch das neu erschienene zweisprachige Werk seiner gesamten Lyrik - mit intensiver Kenntnisnahme seiner Texte,- die Dichtung ist Rilke-tief! darüber hinaus noch extrem zeitgemäß, abstrakt, schräg, poetisch, authentisch. Es ist einfach kein unwahrhaftiges Wort dabei!- und dann: die Verbindung mit Blues - das ist genial! Er erreicht die Menschen zu Lebzeiten. Diese Kombination ist ein Nobelpreis wert! Könnte ich so malen!


Hannah Weber 1/05

Wenn ich mit meinen Bilder so bezaubern könnte, so das Herz treffen!
Wie heute Hannah Weber meines getroffen hat mit ihrem Cello. Sie spielte das Cellokonzert von A. Dvorak h-moll in der großen Musikhalle zur Generalprobe. Wir saßen im tageslichtdurchfluteten Saal mittags im leeren, rotsamtenen Gestühl, und, en face Hannah wie eine blühende Tulpe, die von den Klängen gespannt ihre schönsten Töne verschenkte...