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Fundacio Antoni Tàpies, Barcelona 10/07 Barcelona? nein danke. was soll ich in dieser Touristenhölle, die nun inzwischen von jedermann aufgesucht und als sensationell befunden wird. Soll ich auch dort wieder diese Enttäuschung erleben, die nur allzu oft vorproklamiert ist, wenn’s um anerkannte kulturelle Werte geht? Aber ich möchte doch so gern einmal die großen Spanier der Kunst in ihrem Land aufsuchen, um ein wenig näher an ihren Wurzeln zu sein, um mich dort an der Quelle ihrer Kraft zu stärken, die für unser europäisches Kunstgeschehen von einiger fundamentaler Bedeutung ist. Also eine kleine Reise im Oktober in die katalanische Metropole.Ein Stadthotel im ‚ Barrio gotico’, ganz in der Nähe des Meeres. Schon fängt der Zauber an. Nach einigen Startproblemen auf den ramblas, die uns die erwarteten Massen wohlfeil entgegenbrachten und wir sie dann mieden, gelang es uns, in einem Bitzgewitter von Empfindungen zu landen, das bis ans Ende dieser kleinen Reise anhielt. Die katalanische Geschichte hat eine solche Kraft, dass sie sich in die dicken Mauern der kleinen Gassen - nicht nur in Form von Einschusslöchern – gefressen hat. Die Anbindung ans Meer, in dem du wie im schönsten Atlantik mit den Wellen spielen kannst, gleich nach einem verstaubten Erlebnis in den grauen Straßen. Nein, das ist es nicht, was ich sagen möchte. Die junge, europaweit hofierte, moderne Architektur, liegt leicht und bescheiden am Küstenstreifen direkt vor der Stadt und lädt dich ein, deine Eindrücke der Schwere, der Enge und der sozialen Kontraste der Stadt gleichsam in der luftigen Atmosphäre zu lösen. Nein, das ist es auch noch nicht, was ich sagen möchte. Was ist es eigentlich, dass mir Barcelona so derart unter die Haut ging, obwohl es von Schaulustigen nur so wimmelte, ähnlich wie auf der documenta 12/07? Wenn du aus der Stadt heraustrittst und die Post hinter dir lässt, die bis heute in einem uralten riesigen Patrizierhaus beherbergt ist und es einfach keine Schlange gibt. Wenn die Spanier dir zeigen, dass man nicht unbedingt bei Rot an einer Ampel stehen bleiben muss bei autofreier Strasse, wenn die Autofahrer nicht schimpfen, obwohl sie allen Grund dazu hätten, wenn sich zwischen einem recht spießigen Yachthafengebilde, Touristenterassen und dem Stadtrand plötzlich eine herrliche, gigantisch große Skulptur von Roy Lichtenstein in den südlichen Himmel erhebt, dann wird mir leicht ums Herz, und etwas flüstert, endlich, es gibt sie noch, die etwas weniger angespannte Lebensweise. Aber das kann es immer noch nicht sein, was ich sagen wollte. Was ist es dann, warum ich wohl gern noch einmal hin möchte in diese faszinierende kleine, berühmte und zugleich unscheinbare Ecke unseres alten Europas? Hier spürst du einfach noch den Schmelztiegel vieler alter Kulturen, hier hat der Bürgerkrieg Zeichen gesetzt, die du jeden Atemzug inhalierst. Jetzt komme ich der Sache schon näher. Der Besuch des Parc Güell vom großen Gaudi war dann leider ein Gaudi, da derartig viele Liebhaber seiner bunten Kacheln um mich herum schwirrten, dass es mir nicht gelang, den Wert dieses seltsamen, großen, verrückten, katalanischen Baumeisters nachzuvollziehen. Ebenso erging es mir mit der ‚Fundació Miró’. Dieses touristisch aufgepeppte ambiente kann mich einfach nur vergraulen, und da ist mir ein feinsinnig gerahmter Druck von Joan Miró in einer abgelegenen Ecke unseres Hotels schon eher Anlass, Miro in seinem Wert erneut wahrzunehmen. Auch ähnlich erging es mir mit dem ‚Museu Picasso’, das zwar einen ehrwürdigen städtischen Platz im ‚Barrio gotico’ hat und entsprechend attraktiv aufbereitet ist, aber ebenso ermüdend anzuschauen wie Miró und Gaudi, da sich einfach keine Spiritualität einzustellen vermag und die lähmende Gewissheit das ihre dazu beiträgt, dass Picasso bei mir einen riesengroßen Platz in meinem Herzen hat. Noch obendrein so müde machend, die Tatsache, dass die zwar sehr schönen und für den jungen Picasso ohne Zweifel genialen Ölbilder und Zeichnungen mal wieder dazu dienen, dass nun auch das breite Kunstinteresse Picasso als Künstler akzeptiert. Mein Arm wird schon ganz schwer, wenn ich hierüber schreibe. Also, was denn ? was ist noch gewesen, was unseren Hunger nach dichter spiritueller, kultureller Atmosphäre gestillt hat? Möglicherweise war es überhaupt nur ein einziges Erlebnis dieser ganzen kleinen Reise: Die ‚Fundació Tàpies’. Sofort beginne ich tief zu atmen, denke ich an dieses greifende Kunsterlebnis. Dass ich solange einleitend geschrieben habe, um zu dieser sicher schon vorher geahnten laudatio zu gelangen, mag darin begründet sein, dass dieser Ort in seiner Umgebung aus eben genau all den oben angerissenen Elementen seinen ganz spezifischen Charakter zum Wirken brachte. Der mir schon so lange tief in der Seele verankerte Geist dieses großen, noch lebenden Katalanen. Hier kannst du ein Stück dieses Landes kennen lernen und tief erfahren. Antoni Tàpies selbst hat in diesem ebenfalls selbst gewählten Haus seine gestifteten Werke an diesem Ort ausgestellt und arrangiert. Ein Teil seiner riesigen Bibliothek ist hier deponiert und verleiht dem Werk seine eindrucksvolle, entsprechende Tiefe. Ein kleiner Filmraum lädt uns ein, den Meister selbst über sein Werk und seinen Kunstalltag sprechen zu hören und ihn als schon sehr gereiften Mann in Aktion kennen zu lernen. Seine großen Arbeiten haben hier einen ehrwürdigen Platz und können ihre Wirkung ungehindert schön entfalten. Es sind nicht sehr viele, aber genug, zu erfahren, dass dieser Mann die Kunst Spaniens in seiner Zeit bedingungslos revolutioniert hat. Hier ist etwas zu erkennen, an diesem Ort herrscht eine Stille jenseits von Zeit und Raum, die uns umfing und in ihrer Art die ganze Reise rechtfertigte. Ein Mann widmet sein Leben der Kunst, und wir dürfen Zeuge sein, dass hierin auf diese Art genügend Sinn liegt, um nicht mehr fragen zu müssen. Sein Werk ist sehr ernst. Er verwendet kaum Farbe und arme, oft wuchtige Materialien. Auch seine mich schon lange begleitenden Schriften sind von einer generösen und aktiven Ernsthaftigkeit geprägt. Vielleicht geht es erst einmal nicht anders in einem solchen Land. Er hat ihn ausgedrückt, diesen zum Teil kämpferischen, blutigen Ernst seiner/ unserer Geschichte. Wir dürfen atmen vor der Kulisse leichter Architektur am Meer, gebaut von der Generation seiner Kinder. Serge Poliakoff, Emden 4/07
Eine Reise zu Serge Poliakoff nach Emden. Eigentlich kaum als Reise zu bezeichnen, da der Weg von Hamburg gerade mal 2,5 Stunden Autofahrt war. Nach dem Ausstellungsbesuch fühlte ich mich jedoch erneuert wie nach einer weiten Reise. Es war der riesige Abstand von dem Niveau der kulturellen Alster-Umgebung der Hansestadt zum künstlerisch spirituellen Niveau dieser herrlichen Ausstellung des Werkes von Poliakoff. Zugegeben, es passiert auch anderes in der Hamburger Kunstszene. Kürzlich hat Jonathan Meese in den Deichtorhallen enormen, geradezu kathartischen Wind - leider vor viel zu wenig Leuten - entfacht. Auch mit Hans Haake wurde in derselben Halle mal etwas anderes, die Kaufleute herausforderndes, in die Stadt geworfen. Allerdings der Tenor des die Stadt bestimmenden Alsterbildes entwickelt sich mehr und mehr einerseits zum platten sehr unhanseatischen Alstervergnügen (die ehrwürdigen Stadtväter hätten sich mit recht von diesem billigen, geistlosen Vergnügen abgewendet), und andererseits zu einem erschreckend langweiligen Kunstkonservatismus. Anders nur zwei Autostunden von Hamburg entfernt in Emden. Kaum Besucher. Genau wie damals 2001 bei der grandiosen Ausstellung von Emil Schumacher. Eine stattliche Auswahl von Poliakoffs Oeuvre wurden in diese von außen unschöne Kunsthalle geholt, die erst von innen ihre Vorzüge offenbart: Sie lädt den Besucher ein, in unterschiedlichen Lichtverhältnissen in verschieden großen, geformten und zu behängenden Räumen eine wunderschöne, konzentrierte Ausstellung zu erleben. Die Stille der Größe dieses viel zu wenig bekannten Malers kommt hier herrlich zur Entfaltung und Wirkung. Wir dürfen seiner Kunst begegnen. Wir können verharren. Wir dürfen uns ungestört verneigen. In Ruhe und durch die Bildwirkung bestimmte Aktivität. Keine Pädagogisierung, keine lauten Gruppen, keine aufdringlichen Führungen, kein Muff. Lichte und leicht verschattete Räume (die Poliakoff für seine Bilder bevorzugte) offenbaren uns die selbstbewusste und zugleich äußerst sensible Malerei dieses großen Meisters, dessen Kunst sich im Feld zwischen Byzanz und der Nähe zu den Konstruktivisten und der lyrischen Abstraktion äußert. Seine Kraft trifft auf ruhige Art ins Herz und fordert nachhaltig auf, das eigene Leben neu wahrzunehmen und zu gestalten. Mehr zu den so schönen Bildern zu sagen wäre vermessen angesichts des gelungenen Kataloges, den ich wie einen Schatz mit nach Hause genommen habe. Ein liebevoll gestaltetes Werk mit exzellenten Drucken auf angenehmen und passendem Papier, intelligenten, feinsinnigen Texten, die einfühlsam und bescheiden hinter Poliakoff’s Kunst zurücktreten, sie im Wort aufleben lassen und unterschiedlich erleuchten. Ebenso läuft ein hingeworfener Zusammenschnitt von kleinen Filmsequenzen, die uns Einblick in das entschiedene Leben dieses Riesen der Malerei gewähren. Seine Verwurzelung in der Musik, die in seinen Bildern so deutlich herauszuhören ist, sein erdiger Charakter und seine stattliche Männlichkeit wird uns hier in schlichten, dokumentarischen, belassenen Szenen aufgezeigt, berichten von den Schichten unter der kraftvollen Ruhe seiner Bilder und runden den Eindruck angenehm unprätentiös ab. Weihnachten 04 / München, Köln
Hier wurde ich still. Hier schien mir die Kunst unpersönlich im weiten Sinne. Wie geht das zu- wo doch gerade die Religion des Christentums uns zum Gegenteil, der Ichhaftigkeit aufgerufen und getrieben hat? Allerdings: die erwähnten Bilder sind in ihrer Schönheit von einer fast unerschütterlichen Ernsthaftigkeit.
Die Frage nach dem Sinne jeglicher "Kunst für alle" stellt sich, da doch "alle" nur das wahrnehmen, was sie wahrnehmen sollen, wollen oder müssen. Sie nehmen nicht wahr im Dienste der eigenen Veränderung, sondern sie erkennen nur wieder oder entdecken etwas wie auf der Jagd, oder sie lassen sich sehend belehren. Menschen ohne jegliche Vorkenntnisse hätten so gesehen eine große Chance, von der Kunst berührt zu werden. Nur die gehn' ja gar nicht erst hin.
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