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Emil Schumacher, Kunstquartier Hagen 10/09
Mal sehn, ob’s gelingt, hier im voll besetzten Café Balzac in der Harburger Einkaufsmeile am Samstagnachmittag
17Uhr im grauen Herbst. Im Kunstquartier/ Hagen war es leer, leer von Menschen in Räumen dichter, überwältigender
Vitalität der Bilder von Emil Schumacher. Ich wage ich es jetzt, mich seiner Kunst im Wort anzunähern, um ihr meine
Ehre zu erweisen.
Eben war ich im Park bei den Bäumen. Ihre herbstliche, atemberaubende Schönheit hat mein Ich auf der Stelle
vernichtet. Ihre Kraft, ihre Demut, ihre Geduld, ihr Stolz, ihre tiefe Ruhe, das Wunder ihrer Blätter,
dessen Zittern und Schweben, der Zubodentanz dieser sich ausschließlich hingebenden Wesen! Verspielt sich
bewegendes Gezweig, das Wunder der sich richtenden, neigenden Äste, das sich durch den Waldboden hinziehende
Wurzelwerk dieser monumentalen Stämme. Umfangen von dem Leben spendenden Puls dieser Naturwesen blicke ich
auf ein Stück Rinde eines Stammes und weiß plötzlich, was ich über Emil Schumacher schreiben möchte.
Vor zwei Tagen haben wir eine kleine Reise nach Hagen gemacht. Die nachhaltigen Eindrücke zweier herrlicher
Ausstellungen des Werkes von Emil Schumacher 1998 in Hamburg und 2001 in Emden haben uns mehr als neugierig
gemacht: das dieses Jahr verwirklichte Vorhaben des Sohnes von E. S., ein Museum in Hagen, ein eigens für das
Werk seines Vaters in dessen Geburtsort im Ruhrgebiet gebaut und eingerichtet. Das müssen wir sehen!
In einem für diesen Zweck entworfenen, festen und zugleich lichten Bau konnten wir nun unsere Teilhabe am
Lebenswerk dieses großen deutschen Malers abrunden, da wir hier neben Werken aus allen Epochen besonders
Arbeiten aus seinem Spätwerk schauen konnten. Zudem wurden Ergebnisse der vielseitigen Auseinandersetzung des
Meisters mit anderen Werkstoffen und Techniken präsentiert, welche die großen Bildtafeln angenehm erweiterten
und umspielten.
Ich möchte über die großen Bilder schreiben. Sie sind es, die mir sofort in den Kopf kommen, wenn ich an
Schumacher denke. Ihre würdevolle Kraft, diese mich nicht los lassende Wirkung ihrer so tiefen Farben! Was ist
es nur, dass so wenige Menschen hingehen und das uns zugleich so enorm fesselt, dass ich gleich wieder hinfahren
möchte und es atmen!
Was ist es, dass Emil Schumacher sein ganzes Leben nicht geruht hat, sich bis zum Ende immer wieder von diesen
Farbbewegungen hat mitnehmen lassen, um sie uns mitzuteilen!
Es sind ja eigentlich keine Bilder, die hier an der Wand hängen.
Eher, - wie mein Stück Rinde -, sind diese Bildtafeln Wesen mit eigenem, pulsierenden Charakter,
der mich auffordert, mich zwingt, mich zurückhält, mich einlädt, mich erniedrigt, mich erfreut, ermutigt,
ermahnt.......
Es sind präsente Wesen, die kein Wenn und Aber zulassen. Du musst sie so nehmen, wie sie sind oder weiter gehen.
Ihre Energie berührt mich dualistisch: zugleich voller Dynamik und Stille, ich nehme Hingabe und zugleich
Widerstand wahr, Ruhe und Bewegung, Hass und Liebe, Leben und Tod.
Einige Bilder lassen mich auch lächeln oder beschwingt atmen. Es sind die wenigeren. Im Ganzen
fühle ich mich hier eher dem Werk eines ernsten Mannes gegenüber, der vorwiegend nach dem zweiten Weltkrieg
gearbeitet hat, dem, wie er sagt, 10 seiner besten Jahre gestohlen wurden. In diesem für eine künstlerische
Seele erniedrigenden Raub fruchtbarer Jahre jugendlicher Schaffenskraft sehe ich auch die Prägung des
Malstils von E. Schumacher.
Er ist der Sohn eines Schlossers aus dem Ruhrgebiet. Während des 2.Weltkrieges hat er in der Rüstungsindustrie
als Grafiker gearbeitet. Zum Glück musste er kein Soldat sein und seine Lebenskraft an den Krieg verschenken.
Er hat seine Manneskraft aufgespart, angestaut, gehortet, komprimiert und kondensiert. Schmerz und Verlust,
nicht gelebte Vitalität, unterdrückte Wut, Verzicht – all dies temporär nach innen genommen.
Die Abneigung dieser Generation, Emil Schumacher ist 1912 geboren, gegen den Naturalismus in der Bildenden
Kunst durch den überzogenen und propagierten Naturalismus des Naziregimes ist verständlich und ebenso klar wie
die Abneigung gegen jedes ideologische Konzept. Die Bewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts haben sich, bei
aller Hochachtung vor ihrem ungeheuer mutigen und bedeutsamen Einfluss auf die Befreiung und Vorwärtsentwicklung
der freien Kunst aus den Fesseln der tradierten Formen, nicht selten programmatisch bis prophetisch
geriert. So hat Emil Schumacher z.B. die Bauhauskünstler als die „Eckenmaler“ abgelehnt und sich schon gar
nicht der Abstraktion verschrieben.
Was blieb diesen Malern nach der zweifachen Unterbrechung der Entwicklung der Moderne durch die beiden Weltkriege.
Die nonverbale Kraft, die sich auf diesem Erbe in der Gestik Emil Schumachers entlädt, ist von einer ungeheuren
Wucht, die es wohl in dieser Dichte nicht wieder geben wird und die mit dem lapidaren Begriff des Informel nicht
abzudecken ist.
Diese zt. gewaltigen Farbmassen, die er seinen Farbfeldern einverleibt, die zudem der Liebe zur Schönheit der
Farbe und zum Material verpflichtet bleiben!
Es entstehen erhabene Felder, die über sich hinaus weisen, Spuren, die uns über Farbe und Linie weit hinaustragen,
in den Raum jenseits von Zeit und Kampf.
Seine emotional geladene Arbeit mit dem Material erkennen wir auf dieser Ausstellung auch an dem uns frei
gegebenen Blick in sein Atelier. In den Farbmassen an seiner Staffelei, die er bewegt und ungestaltet
zurückgelassen hat, vermute ich eine kämpferische Auseinandersetzung. Ein Mann, ein Hüne der Materie. Dieser
fast groben Seite seiner Malerei steht die wunderbare Wirkung der Farbe zur Seite, ihr oft nahezu zärtlicher,
zumindest hoch bewusste Auftrag, die absichtsvolle und zugleich so kluge Verteilung der Materie auf diesen
großen Flächen. Und die Linie! Am besten spüren wir ihr nach ohne Worte und vernehmen die Verbindung zur Welt
über sie wahr. Er verliert sich eben nicht in der Farbwelt oder im Material, sondern bannt immer auch die
lebendige Gegenständlichkeit in seine Bildwelt.
Wenn es so etwas gibt, wie eine männliche Malerei, so möchte ich mich hier entschlißen, sie in seiner zu sehen.
Wunderbare Manneskraft, die sich gehalten entlädt, mutig, kompromisslos, auffordernd, die mich als Frau führt
und schützt. Es tut so gut, aus der Generation unserer Väter, die uns nach dem Krieg schweigend erzogen haben,
einen entschlossenen, zukunftsträchtigen Beitrag als Antwort auf die Geschichte zu erhalten.
Die Arbeiten auf Papier beweisen seinen sensiblen und feinsinnigen Charakter. Spontaneität und Leichtigkeit
bergen auch hier zugleich denselben Schatz an kluger Erfahrung wie die großen Bilderwesen.
Die an den Wänden dieser Ausstellung still zitierten Gedanken vom Maler zeugen dann zusätzlich von seiner
feinen Beobachtung der aufsteigenden, musischen inneren Absichten, die nicht im mindesten vorgenommen und in
dieser Wahrhaftigkeit mit dem Wort nachempfunden sind.
Emil Schumacher ist Zeit seines Lebens bis in sein Spätwerk hinein reiner Maler geblieben, ohne je auszuweichen,
ohne gefällig, schwärmerisch, dogmatisch oder psychotisch zu werden. Er hat sich keiner Bewegung, erst recht
keiner Idee oder gar Religion angeschlossen. Diese durchgehaltene Aufrichtigkeit ohne Strenge sehe ich als den
Schlüssel zu der ungeheuren Energie von der Schönheit seiner Malerei, die bei mir höchste Beglückung auslöst.
Hierzu fällt mir ein Gedanke von dem Schriftsteller Franz Jung ein "die Mauern müssen bersten vor Glück."
Die leidenschaftslose Leidenschaftlichkeit der Malerei von Emil Schumacher ist in meinen Augen eine Höchstleistung
für einen deutschen Künstler. Ich möchte ihn einen Meister des farbigen Schwertes nennen.
Abgesehen von dem unschätzbaren Verdienst des schlagenden Beweises, dass die Malerei eben ganz und gar nicht tot
ist, worüber schon so viel gedacht und geschrieben wurde, hat Emil Schumacher mit seinem Werk auf die große
Chance unserer heutigen Zeit verwiesen, nämlich dass eine vom Chaos bedrohte Welt nur noch jenseits jeden Konzeptes
zur Umkehr zu bewegen ist.
Schade, dass unsere Schulklassen, Malkurse und Rentnerscharen in den Ausflugsbussen nicht auch einmal in ein so
herrliches Museum gebracht werden! Nur, wie können wir die Menschen locken? Vielleicht nützt es ja, hier
im Café über diese Gedanken meine tiefe Bewunderung für diesen Meister in den Raum zu entlassen.
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