DOLOR 7/10

Soll ich denn überhaupt schreiben? das Café als Zufluchtsort, an dem ich ungestört schreiben kann? will ich denn? was suche ich heute schreibend? schreiben, um zu schreiben? so wie ich tanze, um zu tanzen, zu zertanzen, was sich nicht sagen lässt, nach Ausdruck und Gestalt ruft? Oft habe ich ein Motiv.
So wie ich kürzlich die Seiten füllte mit ‚a woman’s notes’ - 200 große Seiten in einem stürzenden, fast gewaltigen Schreibfluss: gestautes, verdrängtes und bewahrtes Gefühl, angesammelte und aufgehobene Emotionen und Gedanken um das Thema herum:
‚Mein Leben als Frau’, ‚die Frau in mir’ oder ‚das nicht lebende aber leben wollende Weibliche in mir’. So habe ich in gläsernen Facetten mein Leben bespiegelt. Und immer wieder brach sich der Schmerz Bahn. Obwohl es so unendlich vieles gibt, das würdig genug ist, als das es Erwähnung und mehr verdiente, landete ich häufig genug beim Schmerz. Und erst recht jetzt, nachdem ich diese Zeilen der Wahrheit über mein Leben als Frau abgeschlossen habe, macht sich der Schmerz in mir breit, durchzieht Leib und Seele, schwemmt meine Träume herauf, holt Bilder und abgelagerte Schichten von Qual, Schmerz, Verzweiflung, Angst und Not ans Licht. Erst recht jetzt, nachdem ich über mein einzelnes, scheinbar schon so langes Leben geschrieben, sozusagen im Wort Schichten abgetragen habe und so mein Inneres etwas durchscheinender geworden ist, weniger sich anklagend geriert, nun bereiter für......? ja, wofür eigentlich? für die von mir so geliebte Wahrhaftigkeit? was ist denn das? wenn ich dieses Wort ausspreche, aufschreibe, entzieht sich auf der Stelle seine Bedeutung, sein Sinn, von dem ich doch so überzeugt bin, der mir sogar heilig ist.........?

Vielleicht muss noch weiter gegraben werden. Mein einzelnes Schicksal mit den aus der persönlichen Lebensgeschichte in die Gegenwart hinein reichenden Verzweigungen kann es nicht allein sein, das mir Freude, Trauer, Erheiterung, Kummer, Leidenschaft, Zorn und vor allem Schmerz bereitet. Schmerz, Schmerz mit begleitender Unzufriedenheit und dem immer wieder kehrenden Empfinden der eigenen Unzulänglichkeit zeigt sich nun erst recht. Und ich ahne: würde ich weitere Exegesen über mein vergangenes Leben nieder schreiben - es fiele mir leicht, Bücher zu füllen...... - es brächte mich nicht weiter - weiter - was heißt denn das nun wieder: weiter!
Wohin denn? zur Wahrheit? von der ich nicht weiß, was sie ist? kann es denn einen Weg dorthin geben? Wir haben doch inzwischen von so vielen Meistern vernommen, dass es keinen Erleuchtungs- Weg gibt und dass die Annahme eines solchen eine böse Falle ist, aus der heraus die unendlich vielen Konzepte geboren werden, damit nur ja immer und immer wieder Futterplätze für das hungrige Ich geschaffen werden.
Also der Schmerz- nun seit meinen ‚a woman’s notes’- im brennenden Bewusstsein, dass seine Wurzeln jenseits meines derzeitigen Lebens gelegt wurden.

So habe ich vor kurzem im Juni, dem schönsten Monat des leichten Lichts und einer so reichen, frischen Blütenvegetation einige zarte Blumenblätter auf Aquarellpapier mit Uhu eingerieben und festgeklebt. Schon dieser seltsame Akt-, ohne sie zuvor zu pressen, wie wir es als Kinder gemacht hatten-, junge, taufrische Blütenblätter in ihrem farbigen Saft mit giftiger Klebe aufs Papier zu heften, glich einem Mord. Zu lauten, emotional geladenen, hoch rhythmischen Flamencoklängen rieb ich diese sanften, so geliebten feinen Gebilde aufs harte, vielfach verleimte und daher sehr widerstandsfähige Papier, wie um ihre Schönheit wenigstens im Schmerz zu bannen.

------- Haben eventuell die Inquisitoren und Henker der Hexen ähnliches verspürt, wenn sie die schönsten der weisen Frauen in ihrer jugendlichen, prallen Weiblichkeit dem Feuer oder dem Fallbeil übergaben?
Wenn sie jungen, feinen Wesen des urweiblichen Geschlechts glühende Eisen um deren reine Alabaster- Haut als Korsett legten? wenn sie ihnen auf die grazilen, sanften oder auch herrlich kraftvollen Finger Daumenschrauben setzten, um Geständnisse zu erzwingen, welche sie dann sadistischer weise erneut dazu berechtigten, die nun schon erniedrigten und entstellten Frauen weiter zu verurteilen, zu entrechten, zu quälen und am Ende zu ermorden? ------

Ist meine Handlung, feinste, lebende Blütenblätter mit Uhu aufs Papier zu drücken, bis der Saft und die leisen Wölbungen endlich nachgeben und unter der trocknenden, härtenden Masse nicht mehr schreien können, mich nur noch bewegungslos und stumm unter der klaren, dichten Schicht mahnend anschauen, nicht ein sadistischer Akt des langsamen Mordens? Ursprünglich wollte ich ’schöne’ Gartenbilder erarbeiten- ganz zu unserer Freude und spirituellen Heiterkeit, dass wir unsere Flamme an ihnen neu entfachen könnten. Und dann ist mir dies geschehen!
Die geklebten, jetzt konservierten Blütenblätter habe ich dann mit gitterartigen, vielfach schwarzblauen Stäben und Linien umgrenzt, rechte Winkel, einschließend und ausgrenzend zugleich. Nichts von Schutz, eher weggesperrt, endgültig im eigenen Saft vernichtet.
Nach einigen Tagen habe ich dann in einem zweiten Durchgang nach einem erneuten Hochschwemmen eines bodenlosen Schmerzes einige dieser Blätter mit Texten versehen. Ein Traum von einer armbreiten, tiefen Hautabschürfung auf meinem Rücken, gezogen in einer ochsenblutroten, breiten Wunde über die ganze Wirbelsäule löste aus, dass ich in winziger Schrift mit Feder und schwarzer Tusche in die Zellen zwischen die Gitterstäbe meinen Schmerz artikulierte, Empfindungen und Gedanken zur Geschichte des Schmerzes der Frauen sowie, in Bezug und Folge, zum grausamen und oft tödlichen Schreckensgespenst der Geschichte der abendländischen ‚Heiligen Familie’.
In kleinster Schrift mit feiner Feder, so als würde mir kein Platz mehr bleiben, kein Raum zum Atmen, um dann in äußerster Not wenigstens die Qual noch heraus zu schreien, als Zeugnis sozusagen. Vielleicht auch, damit die Nachwelt eine Chance auf Wandlung erhält? So erfahre ich zurzeit, dass unser Schmerz von weit her kommt und dass es nicht genügt, in unseren Familien aufzuräumen oder dort gar nach Verantwortung zu suchen.

Und zugleich kann und will ich nicht aufhören, mich tief und mächtig nach der Schönheit zu sehnen! Es ist die einzige Sehnsucht, die ich mir noch gestatte und von der ich weiß, dass sie nicht zu vernichten ist, durch keine Folter der Welt, schon gar nicht durch Erziehung. Sie drängt zum Licht, das sie ja ist, durch jeden Schmerz hindurch. Es ist die Natur des Schmerzes, sich in Liebe zu verwandeln.
Oder können wir vielleicht den Schmerz gar nicht mehr hinter uns lassen? Bei der Geschichte, an deren winziger gegenwärtiger Spitze wir uns zeitlich gesehen befinden? Die unendlichen, tollwütigen Grausamkeiten unserer Vergangenheit fordern ihren Tribut. Nicht nur in abgestandener Denkmalspflege und schon gar nicht in verdrängendem Kulturgehabe von gigantischem Ausmaß.
Die Notwendigkeit der Hinwendung zum Großen Weiblichen ist so augenscheinlich wie nie. Die weiterhin entrechtenden Machtverhältnisse unserer Gegenwart mildern nur geringfügig den Schmerz der Frauen...............und der Männer. So sehr die Frauen sich heute auch schon selbst verstümmeln- jede 2. Frau lässt an ihrem Körper eine ‚Schönheitsoperation’ vornehmen-! So sehr wir die Erde auch ihrer Natur weiterhin berauben! In dem letzten Text meiner Tagebuchnotizen zur Kunst erwähnte ich meine Sehnsucht nach der Darstellung ‚schöner’ Frauen. Ja, die ist immer noch und immer wieder da, aber eben zurzeit in der Warteschleife eines reißenden Schmerzes. Ich habe keine Ahnung, wie lange diese Zeit noch anhalten will. Aber dann! Aber dann werde ich Bilder schönster Frauen malen. Befreite, tanzende, sich hingebende, weibliche Wesen in allen Farben und zugleich- im hellen Licht männlichen Bewusstseins. Ein ganz leiser, fast demütiger aber ebenso dringender Wunsch durchzieht mich im lebendigen Kontrast zu diesem mich immer wieder ergreifenden Schmerz.