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Tristan und Isolde, Bremen 12/07 Gestern eine kleine Reise nach Bremen. Die groß angekündigte Ausstellung der Bremer Kunsthalle zum 100.Todesjahr von Paula Modersohn- Becker: “Paula in Paris“. Eine Auswahl ihrer Bilder der Pariser Jahre, durchzogen mit Werken der sie zu dieser Zeit beeinflusst habenden Künstler. Die großen Augen der vielen Selbstbildnisse voller Wachheit in Angst. Eine mutige, junge Frau, die sich aus einer asexuellen Ehe nach Paris flüchtet. Mit Vorsicht behaupte ich, ihr Talent sei weniger, ihr Mut als Frau sehr groß. Der eng pastose Farbauftrag atmet nicht. Die leicht groben, gerundeten Formen gehen einem differenzierten Gemüt auf die Nerven. Die selten gebrochene Farbe berührt mich eher trübe als heiter. Der „shop“ bläht dieses rundliche ambiente zu einem braven Verkaufschlager der kulturellen Flachware auf.. Rotierende Druckmaschinen werfen ihre Porträts auf Wunsch für Wände aller Art aus, nebst dem neuerdings bekannten Jahrmarktskleinkram, deren Verkauf jetzt nahezu jeden Ausstellungsbesuch begleitet und die gnadenlose Melodie des Jedermann- Geschmacks leiert. Zudem wird der möglich zu entdeckende Zauber der Bilder bei stiller Betrachtung durch einen pädagogisch perfekt gelenkten Rundgang vereitelt, und gelangweilt gehe ich von dannen. Wo bleibt der Esprit, der Charme, der Geist, die Erotik? Sie ist doch eine Frau! Darum hat sie gekämpft, und das ist ihr Verdienst. Aber im Genialen ihrer Bilder liegt er wohl nicht. Und dann die Bestätigung: ein Haus weiter. Im Theater wird „Tristan und Isolde“, Wagners Oper seines mittleren Alters, aufgeführt.Da ich zeitig mit der Betrachtung der Ausstellung fertig war, habe ich Hans’ Ruf in die Oper nach dem ersten Akt wahrgenommen und mit ihm die beiden letzten erlebt: und wie! erlebt! Hier tobte das Leben in Leidenschaft! Mein Eindruck war so gewaltig, dass ich jetzt noch in einem seelischen Chaos lebe. Hier wurde mir die mich passiv stimmende Ruhe von Paula M.B.’s Bilder begründet. Wagner hat im Tristan seine Kunst bis an die äußersten Grenzen der Ausdrucksmöglichkeiten getrieben, während die Kunst Paula’s an einer noch unerlösten Hemmschwelle verharrt. Wagner lässt uns durch den seidenen Faden seines Grenzganges die Wandlung ahnen, die uns zu tief ersehnten Ufern führen kann. Wagner hat in einem Brief geäußert: “Hoffentlich wird die Aufführung mittelmäßig. Wenn sie gut wird, werden die Menschen wahrscheinlich verrückt.....“. Ja, ich hatte oft das Empfinden, die Menschen müssten aufstehen und schreien, an bestimmten Stellen toben, rufen und trampeln. Hier wird die Geschichte unserer Liebe aufgezeigt. Die Ohnmacht der romantischen Liebe. Die nur im Tod münden könnende Sehnsucht. Und zwar, wie Parkin sagt, im Tod der Seele. Das ist entscheidend. Mir ist, als zerflöge ein Vorhang meiner Wahrnehmung in 100tausend Scherben. Die ganze Geschichte der verzweifelten Suche nach Liebe in der Paarbeziehung löst sich auf in einem einzigen Scheingebilde. Isolde schreit und schreit, zurecht singt sie oft weniger als dass sie schreit, die Ohnmacht der Sehnsucht heraus in das Nichts, ohne dass sie eine Antwort erhält. Einzig dem gemeinsamen Liebestod wird sich in Schmerz und Leid hingegeben. Da es scheinbar keinen anderen Weg gibt. Dieses sich Drehen in der Qual der Sehnsucht ohne Ausweg zieht sich durch die ganzen 4 Stunden wie ein nicht enden wollender Aufschrei durchs Gemüt. Das ist die abendländische Geschichte der romantischen Liebe von Mann und Frau, der immer wieder, bis heute, alles geopfert wird. Die Menschen trennen sich nach den größten Liebesschwüren, ohnmächtig zu verstehen. Sie gehen in die Einsamkeit, leben kalt nebeneinander her, die Frauen werden zu Furien, die Männer zu sächlichen Begleitern. Viele Menschen essen sich zu Torsen, erstarren vor den Bildschirmen, vergnügen sich im aufgepeitschten Konsum oder, wenn sie ihn sich nicht leisten können, verkaufen sie ihre Seele, um nur in die Lage zu gelangen, sich dieser Sucht anheim zu geben. Die Worte von Wagners Formulierung des Tristanmythos gingen eine mich tief beeindruckende Verbindung mit der Melodielineatur ein – niemals kitschig oder sentimental! Auf diese Weise wurde im Zusammenklang mit der wunderbaren Orchestermusik der Bogen des emotionalen Ausdrucks so enorm gespannt, dass das Kippen in eine neue Dimension zu schimmern schien: dass aus der Sehnsucht nach Liebe und Tod die Sehnsucht nach dem Ruf des Erwachens werden könnte, aus der Sehnsucht nach der romantischen Liebe die Sehnsucht nach Erkenntnis. Der Mythos des Leidens könnte zur Bewusstwerdung des Traumes führen. Wie hören, schauen, empfinden und verarbeiten die Menschen diese Aufführung? Kann man sie einfach nur mitschwingend goutieren? Sie war nur schwach besucht. Der Weihnachts- markt um die Ecke und die familiären Adventsbegegnungen ziehen stärker als dieses zum Aufbruch rufende Musiktheater. Ich verneige mich tief vor dieser großen Kunst von Richard Wagner und bin zutiefst beschämt, dass ich mich mein Leben lang nicht darum bemüht habe, das linksintellektuelle Vorurteil zu hinterfragen, dass Wagner der Makel der NS-Nähe anhafte. Ich hatte nicht geahnt, welch großer Künstler sich dort für die Aufarbeitung unserer schwer lastenden Geschichte ins Zeug gelegt hat und kein Risiko um der Wahrhaftigkeit willen gescheut hat. Wie reich ist unser Land mit einer derartigen Kunst! Sie ist mit dem Mythos des Leidens, der Verwirrungen durch das Ja zu Sehnsucht, Liebe und Tod bis an die Grenzen der künstlerischen Möglichkeiten gegangen. Wagner hat sich mit dem Tristan in einen 4-stündigen Riss fallen lassen. In diesem Werk sehe ich eine fundamentale Vorbereitung für die Entstehung der psychologischen und spirituellen Einsichten des 20.Jhts. Wer sich mitnehmen lassen möchte von der Frage nach dem 'Wer bin ich?', hat hier eine Chance erhalten. Um sich von der Erkenntnis der hinter diesem Mythos liegenden Wahrhaftigkeit der Liebe berühren zu lassen, von der Liebe, die dann nicht nur scheinbar sondern wirklich verzaubern kann, die nicht zu erleiden ist, sondern mit Freude erlebt werden kann. Meine Sehnsucht soll einzig die nach dem Feuer der Erkenntnis sein und eine Absage an die ziehende Lust am Leid der Qual. Diese andere Sehnsucht liegt im Schmelzen des Eises von Isolde verborgen. Mit dem Auto zurück, vorbei am Weserstadion. Hier sitzen, rufen, schreien hunderttausende Menschen regelmäßig und pflegen ihre Angst vor der Schönheit dieser Eisschmelze. Nebenan schreit Isolde sich zu Tode. Wie seltsam. Danke. |
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