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MdM Salzburg 3/08
Endlich, Schreiben. Ich trage mein Heft durch den Sturm des nassgrauen Hamburger Wetters geradlinig ins Café Balzac wie einen Schatz, der mir
Gewissheit gibt.
Und, wie seltsam schön – kaum lasse ich die Tinte fließen, formen sich die Wörter und strukturieren das Rechteck des
Papiers, berühre ich sie, die ersehnte Stille, die hinter dem Jagen durch den Tag immer da ist und geduldig darauf wartet, dass ich sie lebe.
Kaum schreibe ich, löst sich der Zaun, der mich vom Raum der Stille trennt. Zwar überwacht mein Ich noch eine Weile diesen Umbruch, aber
bald gibt es auf, ich weiß es, durch die liebevolle Hinwendung auf das zu Beschreibende.
Heute möchte ich über einen Besuch des „Museums der Moderne“ in Salzburg sprechen, „MdM Mönchsberg“, das
Hans und ich auf dem Rückweg vom Skilaufen im winterlichen Weiß der Lungauer Bergwelt besuchten.
Dieses einheitliche Städtchen konservativen Charakters hat sich ein Kunsthaus für ‚ moderne Kunst’ gebaut, an einen
Felsenberg, dem Mönchsberg, schön gelegen, die eine Seite fest gestützt durch den Fels, die andere Seite offen über das Tal der
Stadt blickend, sich mit gebender Geste öffnend oder auch auffordernd, da weithin sichtbar in Nachbarschaft zu Schloss und Kirche.
Neben zwei Ausstellungen in Vorbereitung zu erspähen, - Francis Bacon und Bill Viola -, gab es dann eine Tatsache zu erleben, die als Gegenpol
zu dem leicht ermüdend gestrigen Stadtcharakter genügte, um sich mit dem Geist der großen Stille aufzuladen, jenseits von Loden und
Festspielangebot der gediegenen Klasse. Und das im Quadrat!
Hiroshi Sugimoto, der große japanische Fotograf, hat hier an weiße Wände vor silbergrauem Fels seine großformatigen
Fotografien gehängt. Er rahmt sie selbst: Akkurate Fensterglaskästen, deren Holzrahmen mit Blei beschichtet so gut zu dem Felsgestein der
Umgebung sprachen, hielten so herrlich gradlinig, fast heilig nüchtern, Distanz zum Dirndl – und Ostereitrubel der Geschäftsauslagen
in der „Altstadt“.
Jede seiner sich vor uns ausbreitenden Fotografien atmet die fernöstliche Ästhetik und ist doch so sehr dem europäischen Raum
verpflichtet, der ja eben die Fotografie über seine Kulturgeschichte und deren Entwicklung der Malerei in unsere Zeit entlassen hat. Das Geheimnis
seiner Motive führt mich vom Objekt fort in den Raum der Stille, den die Japaner von Geburt an und schon früher mit sich führen, und
den auch sie dennoch immer neu erobern müssen. Hier wird er berührt in schwarz-weißen Fotos. Sugimoto verzichtet, wie seine Zenmaler
– Vorfahren, auf Farbe, und doch wird unsere Realität von ihm zum Blühen gebracht, zur Blüte ihres Atems.
Die Werke sind herrlich fein durchgearbeitet, von der Idee, über die Retusche bis zur bewussten Rahmung, dass ich fast geneigt bin von
übertriebener Akkuratesse zu sprechen. Aber sie ist nur seine notwendige, sich von selbst ergebende, technische Meisterschaft, um uns diese
sensationelle Sanftheit seiner erarbeiteten Formen zu schenken, die meine Gedanken beschwichtigt und beruhigt. Obgleich naturalistische Elemente mit
ausgeprägtem Charakter spielt es am Ende keine Rolle, ob Mensch, Seestück oder mathematisch bedingte Form. Der Geist der Stille siegt
beim analytischen Versuch meines Ich und fängt ihn einfach ab, sodass nur noch ein tiefes Mit-den-Bildern-Sein bleibt.
Durch die Berührung meiner entstandenen Worte mit der Stille von Sugimotos Werken werde ich erneut still. Wenn’s doch nur ohne Bilder
und Worte ginge!
Es ist die Tatsache seiner Kunst, die Grenze von Tod und Leben zu beschreiben, diesen ersehnten Horizont, an dem sich löst, was gemeinhin
durch die Perspektive gehalten wird, Umso faszinierender, da Hiroshi S. ja mit dem technischen Mittel der unmittelbaren Abbildbarkeit arbeitet!
Sugimoto bildet ab, er verwendet eine alte Großbildkamera des ausgehenden 19. Jahrhunderts und nennt sich selbst einen der letzten Fotografen.
Die digitalisierte Fotografie, die eingreifend arbeitet, interessiert ihn nicht. Er beschreibt wie ein Schamane am Objekt selbst dessen Nicht-Existenz,
indem er es zeigt. Um dieses künstlerische Wunder zu erzeugen, verfolgt er diverse Ideen.
Im ‚Hotel Sacher’ erkundigten wir uns bei der Besitzerin nach der Adresse des „MdM“. Sie fügte ihrer Wegbeschreibung
hinzu „... wenn’s das denn unbedingt anschaun müssen“.
Wir haben übrigens lieber in einem kleineren Hotel gewohnt. Ich ahne, dass Mozart uns zugestimmt hätte.
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