John Berger (*1926) über J.M Turner (1775-1851)

-Turner und der Barbar Shop -
In einigen bemerkenswerten Situationen konnte Turner seine Visionen durch wirkliche Ereignisse ausdrücken, deren Zeuge er gewesen war. .... – er war sechsundsechzig Jahre alt – befand er sich während eines Schneesturms auf einem Dampfer und malte nachher die Erfahrung. ... Es scheint, als wollte er beweisen, dass das Leben – wie unerbittlich auch immer – seine Vision bestätigte.
Als ein Freund Turner mitteilte, seine Mutter habe das Bild gefallen, bemerkte Turner : ‘Ich habe es nicht gemalt, damit es verstanden wird, ich wollte vielmehr zeigen, was es mit einem solchen Schauspiel auf sich hat : ich brachte die Matrosen dazu, mich am Mast festzubinden, damit ich die Szene beobachten konnte; ich war vier Stunden lang angebunden, und rechnete damit, nicht zu überleben, aber ich fühlte mich verpflichtet, den Anblick festzuhalten, für den Fall, dass ich davonkommen würde. Aber niemand hat das Recht, am Bild Gefallen zu finden.‘
‘Aber meine Mutter hat so etwas selber durchgemacht, und das Bild hat ihr alles wieder vor Augen geföhrt.‘
‘Ist deine Mutter ein Maler?‘
‘Nein.‘
‘Dann hätte sie an etwas anderes denken sollen.’
Turners Mut muss beträchtlich gewesen sein. Der Mut, mit dem er sich als Künstler vor der eigenen Erfahrung verantwortete, war vielleicht sogar noch größer. Seine Aufrichtigkeit dieser Erfahrung gegenüber war so groß, dass er die Tradition zerstörte, der anzugehören er so stolz war. Er hörte auf, Totalitäten zu malen. Der ‘Schneesturm‘ ist die Summe all dessen, was von einem Mann gesehen und erfasst werden kann, der an den Mastbaum dieses Schiffes gebunden ist. Darüber hinaus gibt es nichts. Das macht die Idee, dass das Bild irgend jemandem gefallen soll, absurd.
....Er war allein, umgeben von unerbittlichen und gleichgültigen Gewalten. Das, was er
sah, konnte nicht mehr von außen gesehen werden. Der Glaube an diese Möglichkeit war -...
- verloren gegangen. Teile konnten nicht mehr als Ganzes behandelt werden. Es gab nur alles – oder nichts.

aus : John Berger, Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens; Verlag Klaus Wagenbach Berlin


John Berger (*1926) über Amedeo Modigliani (1884-1920)

Modigliani begann jedes Bild mit Kurven: der Kurve einer Augenbraue, der Schultern, eines Kopfes, eines Knies, der Knöchel. Und nach stundenlanger Arbeit, Korrektur, Vervollkommnung und Suche hoffte er, die doppelte Funktion der Kurve wiederzufinden und zu bewahren. Er hoffte, Kurven zu finden, die zugleich Buchstabe und Fleisch sein konnten, die so etwas wie den Namen einer Person ausmachen würden für die, welche die Person kannten. Der Name, der beides ist – Wort und physische Gegenwart. ANTONIA. ...Fassen wir jetzt den langen, oft leidenschaftlichen Prozess ins Auge, durch den er von den anfänglichen Kurven zum vollendeten, schwingenden, statischen Bild gelangte. Was sucht er intuitiv in diesem Prozess? Er sucht einen erfundenen Buchstaben, ein Monogramm, eine Form, die der vergänglichen lebendigen Gestalt, die er anschaute, Dauer verleihen würde. Das Gelingen einer solchen Form war das Ergebnis zahlreicher Korrekturen und immer neuer Vereinfachungen. Anders als viele Künstler fing Modigliani immer mit einer Vereinfachung an, und im Prozess des Zeichnens komplizierte sie sich durch lebendige Form. In seinen Meisterwerken wie dem Akt ‘Nu Assis a’la Chemise (1917), Elvira Assise (1918),.......,........., bekommt die Dialektik von Vereinfachung und Komplexität etwas beinahe Hypnotisches: Was unsere Augen wahrnehmen, schwingt unaufhörlich wie ein Pendel zwischen diesen beiden Polen. Und genau darin liegt Modiglianis bemerkenswerte, visuelle Originalität. Er entdeckte neue Vereinfachungen. Oder, um es vielleicht genauer auszudrücken: er erlaubte dem Modell, ihm – in diesem Leben und in dieser Stellung – neue Vereinfachungen anzubieten. Wenn das geschah, dann wurde eine Form – jener Teil eines vereinfachten erfundenen Buchstabens, der einen Arm auf einem Stuhl oder einen auf der Hüfte ruhenden Ellenbogen oder ein Paar übereinandergeschlagener Beine meinte-, diese Form, die zum ersten und einzigen Mal während des Zeichnens in solchen Sitzungen zutage trat, zum Schlüssel, der sich im Schlüsselloch dreht, und eine Tür öffnete sich weit und zeigte das Leben der dargestellten Glieder selbst. .........Seine Farbe drückt auf sinnliche, geheimnisvolle Weise (wie hat er nur dieses Glühen und Blühen erreicht?) das Gegenwärtige, das Berührbare, die räumliche Ausdehnung aus, und sie ist auch emblematisch. Die Leuchtkraft des Körpers wird zum emblematischen Feld der Intimität. Es ist zugleich der Körper und die Aura dieses Körpers, die ein anderer liebevoll wahrnimmt. Ich formuliere es so, weil der andere nicht notwendig oder ausschließlich ein Liebender im sexuellen Sinne sein muss. Die Körper, die Modigliani malte, sind transzendenter als die von Tizian oder Rubens. Sie haben vielleicht eine gewisse Affinität zu den Figuren Botticellis, aber Boticellis Kunst war gesellschaftlich, sein Symbolismus und seine Mythen gehörten der Öffentlichkeit, während die Modiglianis einsam und privat sind. ....... Sie sind anwesend. Sie sind zurückgerufen worden, und sie warten. Sie warten mit solcher Geduld, mit solcher Ruhe, dass man fast sagen könnte, sie warten mit Hingabe und voller Verzicht, und worauf sie verzichten, das ist die Zeit. Sie sind still wie eine Küste vor der endlosen Bewegung des Meeres. Sie sind da für den Augenblick, wenn alles gesagt und getan sein wird. Und diese Distanz, die nicht eine Frage der Überlegenheit, sondern der Spannweite ist – in dem Sinne, wie ein Dach die Geschehnisse in einem Hause überspannt – bedeutet, dass ihre Anwesenheit die Qualität der Abwesenheit enthält. Das alles ist nur der erste Schritt. Beim zweiten – sobald sie nämlich in das Bewusstsein des Betrachters eindringen, und darauf warten sie ja -, werden sie gegenwärtiger als die unmittelbar Anwesenden......

aus: John Berger, Das Sichtbare und das Verborgene, Carl Hanser Verlag, 1990; Hier: Das ABC der Liebe / Modiglianis Alphabet der Liebe