* Es weihnachtet * 12/12 *

"Das is' doch schon mal 'was: neue Wohnung, neues Auto, neue Frau....." Mit einem ironischen Lächeln bemäntelte Worte der Verzweiflung wehen vom Nebentisch zu mir herüber wie eine scheue Entschuldigung für einen guten Fang. In einer Woche ist Weihnachten. Café Balzac, Lüneburger Straße Harburg, nur noch bis zum 20.12.12 geöffnet, dann schließt auch dieses Etablissement. Auf den Coffee-to-go- Pappbechern sitzt ein Weihnachtsengel und flötet Happy Christmas. Auch Parfümerie Douglas wie schon zuvor der Schmuckladen Christ verschwindet in Kürze aus dieser Straße. Einer altehrwürdigen Bürgermeile wird in zielstrebiger Gelassenheit der Hals umgedreht. Der Sog diverser Billigläden allerdings hält sie dennoch über Wasser. Am Leben erhalten darf es nicht genannt werden, da ein Drittel unseres reichen Industrielandes schlicht gar nicht anders einkaufen kann als zum Beispiel in einer untergehenden Straße, die dem Schrott gewidmet ist. Vor den Bäckereien mit süßer Fertigbackware kann dann zukünftig schlechter Kaffee getrunken werden. Caféhausersatz ohne Atmosphäre. Die wohlhabenden Bürger im Hanseviertel am Jungfernstieg merken all dies nicht, da sie Menschen dieser Straße gar nicht zu Gesicht bekommen. Die Scheinzufriedenheit der Leute dieser Ein- Euro- Einkaufswelt und die angstbesetzte Zufriedenheit der Citoyens aus der Innenstadt teilt unsere Bevölkerung in zwei Klassen. Die eine will ihren Wohlstand mit allen Mitteln sichern, die andere strebt ausschließlich nach eben diesem. Alles dreht sich um Materie. Wie eine stillschweigend von jedem akzeptierte Sucht. Ganz natürlich. Ihrem Ursprung, dem großen Weiblichen, in Form von weisen Frauen und Heilern, ist in uralten Zeiten von unseren Kirchenvätern die Luft abgeschnürt worden. Hexenverfolgung, Kerkerhaft, Folter von Klugen und Weisen, die uns heute so dringend fehlen. Wahnhafte Ausrottung immer wieder. So lauert die erniedrigte Weisheit in der Mutter Erde, die für das Weibliche steht, und harrt der Befreiung. Ihre Qual und ihr Schmerz werfen riesige Schatten. Sie verkörpern sich in Hetze, Gier, Angst, Neid, Sucht, Verzweiflung, Mord und Todschlag. Und es nützt nichts, dass unsere Prominenz das große weiße Spendentuch aus Mitleid raushängt und sich für diesen verlogenen Edelmut, der sie nichts kostet, in der Öffentlichkeit beklatschen lässt. Im Gegenteil, diese üblen Maßnahmen sichern den Mainstream der korrupten Moral unserer gegenwärtigen Gesellschaft-, der Verantwortlichen und der Mitmacher. So wird die wachsende Angst weiter nagen und sich mit der Zunahme von Egozentrik und verschlagender Verheißung vergrößern. Die Sucht nach Materie kann sich erst dann wandeln, wenn auf die Entstehung ihrer Bedingungen geschaut und die große Sünde erkannt wird. In dem Maße, wie wir die Erde zerstören, versuchen wir durch Anschaffung äußerer Güter den Verlust wieder wett zu machen. Ein eiserner Teufelskreis mit selbstmörderischer Schlinge. Es ist ein wirklich kleiner Trost, dass die Reichen nicht glücklich sein können, da es schlicht nicht möglich ist. Wer sein Glück in der Materie sucht oder in sonst irgendeinem äußeren Phänomen, ist auf dem Holzweg. Die leuchtenden Augen bei der Übergabe der Geschenke zu Weihnachten berichten von der Ahnung der Gnade der Erde. Aber es ist nicht die vergängliche Materie, die uns fehlt, sondern die Weisheit der Mutter Erde, die wir verletzen und radikal zerstören. Die Dummheit der geprägten Überzeugung, dass unser Glück vom Stofflichen abhängt, sitzt fest und tief in unserem Blut. Und der Papst gießt weiterhin ungestraft Öl in diese giftige Flamme des verdorbenen Bewusstseins. Der Greis gibt sich widerlich modern und twittert seit kurzem ganz zeitgemäß seine stinkende Moral in der Welt herum. So mordet er die Seele der Menschheit erneut auf infame Weise. Nach Gleichberechtigung zu schreien, nach Gleichbehandlung aller Menschen, nach Reinigung der Meere, nach Beendigung der Massenmorde unserer Tiere, nach Schonung von Wald und Erde. Das alles kann nicht mehr genügen. Es ist spät, sehr spät, und wenn Umkehrung noch statt finden soll, müssen wir jetzt handeln. Ja, natürlich, das sehen viele, es hat sich herum gesprochen. Und schon erhalten die mächtigen Staatsreligionen erneut Zulauf. Zumindest Weihnachten gehen viele Menschen in dieselbe Kirche, die sie im Verlauf des Jahres belächeln, ignorieren und kritisieren. "Mein Sohn wird ganz still, wenn er die Orgel zu Weihnachten in der Kirche hört," so ein Vater eines sonst unruhigen Kindes. Welche ohnmächtige Prägung. Lascher Herdentrieb, der vorübergehend gefährlich beruhigt. Oder die Menschen werden härter, rabiater, krimineller. Andere Wege scheinen nicht möglich. Dabei ist es so einfach. Die Weisheit für eine Lösung liegt vor uns, auf unserer eigenen Straße. Nein, noch näher dran. Sie ist in uns.Wir sind diese Weisheit. Es bedarf nichts als Vertrauen in diese phänomenale Einsicht. Das Leid des Menschen beruht allein auf dem Irrtum, dass er annimmt, er wäre sein Körper. Was eben nicht stimmt. Ich bin nicht mein Körper. Ich habe nichts zu tun mit meinem Körper. Die Identifizierung mit dem Körper treibt uns Menschen in eine ständige Besorgnis um den Erhalt und die "Gesundheit" des Körperlichen, die gleichgesetzt wird mit der Abwesenheit von "Krankheit" und! mit Glück. So gesehen müssten alle reichen, körperlich "gesunden" Menschen glücklich und alle körperlich "kranken" und armen Menschen unglücklich sein. Was nun jeder beobachten kann, das eben das einfach nicht stimmt. Diese Offensichtlichkeit wird ums Verrecken nicht anerkannt. Wir wollen uns immer weiter belügen und einfach nicht erkennen, dass die Wahrheit, die Glückseligkeit, nach der wir doch alle trachten, nichts mit dem Stofflichen zu tun hat, weder mit unseren Körpern noch mit irgendeinem außer uns liegenden stofflichen Phänomen. Lieber untergehen, lieber leiden, lieber saufen, fressen und krank werden, was wir doch eigentlich verhindern wollen. Schlinge eines Irrsinnskreises, die es zu durchbrechen gilt. Die hautnah vor uns liegende Katastrophe der Mutter Erde, als Ergebnis einer Fehleinschätzung der Bedeutung von Stofflichkeit und Materie, birgt in sich die Chance, hinzuschauen und aus dem Schlaf zu erwachen. Die Identifizierung mit unserem Körper aufgeben, der Wahrheit ins Auge schauen. Hilfe. Wie soll das gehen? Das 21. Jahrhundert liegt uns zu Füßen. Die alte Art für das Glück zu kämpfen, wie es z. B. der Freiheitsrebell, mein Vorfahre Dr. Georg Kerner, so hervorragend unter Einsatz seines Lebens geleistet hat, muss abgelöst werden von einem Kampf ganz anderer Art. Politische Freiheitskämpfer sowie echte Künstler aller musischen Felder der vergangenen Jahrhunderte haben in ihrer radikalen Hingabe an ihre Überzeugung wertvollste Vorarbeit geleistet. Sie haben uns über ihr Werk hinaus gezeigt, dass der Kampf im Außen begrenzt ist und uns nicht die Freiheit bringen kann, die sie sich erträumt hatten. Nicht selten sind sie am Ende ihres Lebens trotz oder auch wegen der inneren und äußeren Verschmelzung mit ihrem Auftrag jämmerlich untergegangen. So war auch der erwähnte Dr. Georg Kerner kein glücklicher Mann, sondern ist am Ende als stets getriebener Husar dem Ahnensog verfallen und ist früh gegangen. Im Erbe dieses revolutionsbegeisterten Philanthropen sehe ich nun meine Aufgabe auf neuen Feldern. Quantenphysiker, Philosophen und Weise der spirituellen Welt werfen uns eine Fülle von einzigartigem Material herüber, was wir nur annehmen und uns lediglich zu ihm bekennen bräuchten. Die Schwierigkeit besteht darin, zu erkennen, dass wir nichts tun müssen außer unser Ich zu töten. Der Mensch der äußeren Tat ist Geschichte. Der Kampf um eine Verbesserung der Welt muss ein neues Gesicht erhalten. Wir sind aufgefordert unsere Kraft in die geistige Umsetzung dieser Erkenntnis zu werfen. Zweifel an dieser Tatsache ist nichts als überflüssiges Denken, dem der Geist nicht widerstehen kann, da er nicht stark genug ist. Unsere mentale Widerstandsfähigkeit wird wichtiger sein als äußerer Aktionismus, als das Vertrauen ins gesprochene Wort und erst recht in irgendeine Moral. Die Beschaulichkeit des gemütlichen Weihnachtsfestes darf mit der Stringenz eines starken Geistes in eine Flamme des Schwertes verwandelt werden.