Hingabe 9/13

Schon wieder ein Cover der art mit einem ganzseitigen Porträt Gerhard Richters. Ich reiße es sofort ab. Ich kann die gleichbleibend konservative, neuerdings nach und nach gar reaktionäre Gesinnung des Kunstmagazins nicht mehr ertragen und nehme mir vor, nun leider auch die art abzubestellen.
Gerhard Richter ist sich selbst am nächsten und schätzt sein künstlerisches Werk wohl am besten ein, wenn er immer wieder in unerträglich naiver, lapidar kokettierender Sprache behauptet, ihm sei eben "nichts besseres eingefallen" und er habe immer "ein schlechtes Gewissen" wegen seiner Kunst oder dass er "ein armes Kerlchen sei mit seinem Talent gegenüber Tizian z.B." Ich ahne, dass er selbst am ehesten weiß, dass er seinen Kleinmut zu Markte trägt und am Ende seines Lebens sagen wird: Alles Lüge. Seine zitierten Aussprüche im verkürzten Seglerjargon, der Lockerheit vorgibt und verzweifelten Zynismus vertuscht.
Alle Welt hofiert das schmale Malertalent Richters zu Grunde. Sie stellen seine Bilder seit vielen Jahren in einer Endlosschleife in riesigen Räumen der größten Galerien unserer Erde aus und zementieren mit deren Mittelmäßigkeit den ignoranten Geschmack der nach Betäubung schreienden Zeitgenossen. Schade, ich mochte die Bilderwelt Richters einmal gern in seiner bedrückten Einsamkeit und des sich in ihnen spiegelnden ohnmächtigen Verzichts auf Größeres. Aber er hat sich zu der Gigantomanie des Kunstbetriebes aufpeitschen lassen. Ich vernahm ihn in einem Interview, als er lamentierte: "Wo ist nur meine schöne Einsamkeit geblieben." Die schlichte Sprache der Lobeshymnen in angesehen Kunstmagazinen beweist dieses Dilemma. Kunstkenner auf hoch dotierten Posten rühmen das vielleicht sympathische und nur zu gut verständliche Werk eines sich hinter einer einfältig depressiven Lebenshaltung versteckenden Künstlers, der nun gar als bester deutscher Künstler des 20sten und 21sten Jahrhunderts gefeiert wird. Ja, weil Richter gerade mal noch sein Greisenalter im explodierenden neuen Jahrhundert behaupten kann, indem er z. B. 2005 das Kirchenfenster des Kölner Doms erwürfelt, neuerdings riesige Apparat gesteuerte Streifenbilder produziert oder jüngst familiäre Urlaubsfotos von der Nordseeinsel auf den Tisch deponierte, als er Besuch von der art- Redaktion und dem Direktor des Münchner Lenbachhauses in seinem Atelier empfing, und meinte: " >> ich dachte, da könnte man vielleicht was draus machen."
Das Phänomen Gerhard Richter ist nur so zu verstehen: Gerhard Richter ist kein Künstler. Er produziert Bilder für Menschen, die keine Kunst mögen aber gern ins Museum gehen und mitreden wollen. Er malt so, wie jedermann sich die versöhnliche Kunst und nun auch die abstrakte Kunst vorstellt. Für Menschen, die einen Nationalhelden brauchen. Keine Infragestellung, keine Verweigerung, kein Humor, keine Poesie. Gefälligkeit bis zum Umkippen. Alle sind sich einig und meinen dasselbe. Die tötende Langeweile wird auf ein Podest gehoben. Erschlagen ziehe ich von dannen und werde schrecklich an die Einigkeit und Einheitlichkeit einer Kunstvorstellung erinnert, der sich einst alle beugen sollten.
Nun möchte ich aufhören mit dieser Art Betrachtungen, die ich wie ein Netz über das Dasein unserer Erde und Gesellschaft werfe. Es ist ein uferloses Unterfangen. Meine kritischen Beobachtungen dürfen sein, nicht aber mein Urteil. Es lähmt und macht mich leiden. Ist nicht auch Gerhard Richter geführt? Ist die weltweite Prämierung seiner Kunst nicht einfach entstanden, ohne dass jemand es sich vornahm? Ist es möglich, dass Richters Leben in der Tiefe von seiner Treue zur Tante bestimmt wurde, die im dritten Reich wohl der Euthanasie zum Opfer fiel? Hat er seine Künstlerseele vielleicht gar aus Liebe zur Tante geopfert? Kann ich wissen, warum und wozu seine "Kunst" sich durchsetzt und warum die Massen sich einlullen lassen, einlullen sogar von "Kunst" ?

Weil wahre Kunst aus dem Herzen entsteht und so nur zeitlos sein kann. Da sie sich an das Herz des Menschen wendet und seine Flamme entzünden möchte. Da sie zu Wahrhaftigkeit aufruft und zu Wandlung beiträgt. Weil Wandlung nur durch das brennende Feuer des Schmerzes erfahrbar ist. Da nur das zugelassene innere Chaos die Reifung der Seele eines Kindes zu einer gefestigten Seele eines Erwachsenen bewirken kann. Und ich weiterhin als eine Freiheitsrebellin mich jeder ignoranten Beschwichtigung aus Angst und Dummheit widersetzen und nicht im Kanon eines sentimentalen Wiegenliedes einstimmen werde, dessen Melodie uns in einen vernichtenden Schlaf einweben will. Weil ich genau spüre, dass der innere Wunsch nach Freiheit und meine Glut für dieses Anliegen mit zunehmenden Alter noch intensiver lodert und ich erkenne, dass zu all diesem gar nicht ich selber gelangt bin.
Sondern dass es mich hierher geführt hat. Ja es, das Schicksal, eine im Kosmos zusammengesetzte und sich in mir konzentrierte Energie. Und dass es eben nicht nur mir so ergeht, sondern jedem Menschen, einerlei, was er tut, denkt, in die Welt setzt oder unterlässt. Einerlei, ob er tanzt, musiziert, philosophiert, im Büro arbeitet, Toiletten säubert, keine Arbeit hat, stiehlt, mordet, flieht oder Kriege führt. Jeder Mensch, wie auch jedes andere Wesen der Erde, ist genau eben so veranlagt und handelt, wie der große Plan es vorgesehen hat. Und das zu jeder Stunde jeden Tages seines Lebens, wie lang, kurz, gesund, krank, reich oder arm es auch ist oder war.
Diese durch Physik und Weisheitslehre gleichermaßen erforschte Tatsache bedeutet nun nicht, dass wir nicht vital und aktiv sein sollen. Wir sind weiterhin aufgefordert, zu beobachten, zu zweifeln, zu kritisieren, zu handeln und auch einzugreifen, wenn wir es für richtig halten. Unsere überzeugte Tat ist von der Einsicht in eine innere Führung überhaupt nicht abgeschnitten. Auch eine überzeugte Tat wäre wiederum geführt. Unsere Handlungen können sehr wohl einer eigenen Absicht entspringen, aber das Ergebnis fällt nicht unbedingt so aus, wie wir es wünschen oder erwarten, was wir ja zur Genüge erfahren und wissen. Es geht bei der Hingabe um Einsicht, das Annehmen des Lebensauftrags, die Zustimmung zum eigenen Schicksal und zum Schicksal der Menschheit, so wie es ist, sich zeigt und geriert. Damit ist keine Passivität gemeint, auch keine dumpfe Ergebenheit. Vielmehr erfordert diese Haltung höchste Wachsamkeit und eine feine Aufmerksamkeit für den rechten Weg, eine bewusste Haltung gegenüber Leben und Tod. Eine solche Haltung ist nicht ehrgeizig, nicht verhaftet eitlem Stolz, naiven Enttäuschungen oder Schuld und Scham. Sie führt uns in die Freiheit.
Dass es so viele Jahre meines Lebens gedauert hat, zu dieser einfachen Erkenntnis zu gelangen! Zwei Bücher musste ich schreiben, deren Auseinandersetzungen mich nun am Ende zu dieser Entdeckung geleiten. Dass alles, auch das, was ich in diese beiden Bücher schrieb, nicht von mir gemacht wurde. Dieses Phänomen, ich bemerke es immer wieder. Zum Beispiel jetzt: Meine Finger laufen in Geschwindigkeit über die Tasten, ohne dass ich auch nur ahne, woher diese entlassenen Worte eigentlich kommen. Habe ich sie mir vorgenommen? Wer hat sie mir eingeflüstert? Was ist es, dass ich dieses alles aufschreibe und gern den Menschen zum Lesen gebe, da ich ahne, dass es ein Fünkchen in sich birgt, das die Sehnsucht nach Glück entfachen könnte, das sich doch berechtigterweise jeder wünscht? Wie ich mich beim Schreiben dem inneren Drang einfach hingebe und das Ergebnis dieses Dranges durch meine Finger über die Tastatur entlasse und es dann wie von fremder Hand geführt auf dem Papier sichtbar wird. Meine Ahnung, dass es ganz einfach ist, eben diesen Prozess immer zuzulassen, bei jeder Tätigkeit, bei allem, was mir geschieht, zu jeder Zeit. Und dass ich dann glücklich wäre, da es keinen Grund mehr zum Leiden gäbe.

Den langen Umweg bis zu dieser späten Einsicht will ich mir verzeihen.
Man könnte behaupten, dass die Menschen früher weniger getrieben und fähiger zur Hingabe waren, dass sie sich leichter und demütiger in ihr jeweiliges Schicksal fügten als die ichbezogenen Menschen der heutigen Zeit. Aber diese Qualität unserer Vorfahren hatte einen Preis. Ihre Demut war nicht rein, sie beugten sich in Angst. Und diese Angst existiert weiter, bis heute. Sie wurde bei der Abwendung von der Kirche nicht bedacht und erst recht nicht angeschaut. Die bedrohliche Angstgetriebenheit der Jetzt- Zeit nimmt pathologische Formen an. Die kanalisierte Sucht nach entschleunigender Entspannung verschärft nur noch die stressbedingte Enge. Einzig das Hinschauen jedes Einzelnen auf die innere Abhängigkeit von kindlichen Wünschen kann zum Umdenken führen. Da das altehrwürdige Korsett unserer Ahnen aus Kirche, zwingender Moral und entsprechend blinder Demut heute fehlt, ist jeder auf seine kleine Welt geworfen. Und hier liegt der Schlüssel. Es muss eine neue Demut her, eine, die auf Liebe und Einsicht in die Bedingtheit eines jeden Phänomens basiert. Wie leicht wird mir bei diesem Gedanken.

Und wie wenig klug erscheint es mir in diesem Licht, eine ermüdende Kunstproduktion zu bedauern. Wie kann sie denn verkehrt sein, da sie doch geschehen ist? Und überhaupt, wer ist es eigentlich, der von irgendeiner Kunst erschlagen wird. Ist es nicht nur mein kleines aufgeblasenes Ich? Das sich anmaßt, die Welt zu richten und zu verändern mit seinen winzigen Absichten?

Ist die große Weite, die sich hinter diesem Ich aufspannt und mein Herz weit macht nicht unendlich geräumig? Und will sich dieser göttliche Raum bei dem Lamentieren über irgendwelche Kunstäußerungen nicht ausschütten vor Lachen, so dass ich endlich erzittere vor meiner eigenen Anmaßung?

Sigrid
September 2013