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Roland Barthes (1915-1980) über Cy Twombly (*1928)
Schrift
...... Von der Schrift bewahrt TW die Geste, nicht das Resultat. Selbst wenn man das Ergebnis seiner Arbeit
(das Werk, das Gemälde) ästhetisch konsumieren kann, selbst wenn die Produktionen von TW in eine Geschichte
und eine Theorie der Kunst eingehen (was sie nicht vermeiden können), so ist das Gezeigte doch nur eine Geste.
Was ist eine Geste? Etwas wie die Zugabe eines Aktes. Der Akt ist transitiv, er will ein Objekt, ein Resultat
hervorrufen. Die Geste oder Gebärde ist die unbestimmte und unerschöpfliche Summe der Gründe, Triebe, Faulheiten,
die den Akt mit einer Atmosphäre (im astronomischen Sinn des Wortes) umgeben. Unterscheiden wir also die Botschaft,
die eine Information erzeugen will, das Zeichen, das eine Einsicht hervorbringen will, und die Gebärde, die den ganzen
Rest (die 'Zugabe') produziert, ohne eigentlich etwas produzieren zu wollen......
In der Geste hebt sich somit die Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung, Motiv und Ziel, Ausdruck und
Appell auf. Die Geste des Künstlers – oder der Künstler als Geste – bricht nicht die Kausalkette der Akte
(das, was der Buddhist das Karma nennt – der Künstler ist nicht ein Heiliger, ein Asket), aber er rüttelt
an ihr, er wirft sie neu aus, bis er ihren Sinn verliert. Im Zen nennt man dieses unversehene
(gelegentlich ganz feine) Brechen unserer Kausallogik (ich vereinfache) ein Satori: dank einem
geringfügigen, lächerlichen, abwegigen, bizarren Umstand erwacht das Subjekt zu einer radikalen Negativität
(die keine Negation mehr ist). Ich betrachte die Schriftzüge von TW als solche kleinen Satori : ausgegangen
von der Schrift (einem typischen Kausalfeld : man schreibt, sagt man, um zu kommunizieren) schicken sich
nutzlose Splitter, die nicht einmal interpretierte Buchstaben sind, an, das aktive Sein der Schrift, das
Gewebe ihrer Motivationen, selbst der ästhetischen, zu suspendieren : die Schrift findet nirgendwo mehr
Unterkunft, sie ist absolut überflüssig. Beginnt nicht an dieser äußersten Grenze wahrhaft die Kunst, der
'Text' , all das 'umsonst' des Menschen, seine Perversion, seine Verausgabung ?....
Kultur
Durch das Werk von TW hindurch gehen die Schriftkeime, von der äußersten Seltenheit bis zur irren
Vervielfältigung: es ist wie ein grafisches Jucken. In ihrer Tendenz wird die Schrift somit Kultur.
Wenn die Schrift insistiert und explodiert, dann kommt sie an die Idee des Buches heran. Das Buch schlechthin
ist es, das im Werk von TW angelegt ist. Und zwar das alte Buch, das mit Anmerkungen versehene Buch: ein
hinzugefügtes Wort überschwemmt die Ränder, die Zeilenzwischenräume: es ist die Glosse. Wenn TW dieses eine
Wort schreibt und wiederholt : Virgil, so ist das bereits ein Kommentar zu Vergil, denn der Name, mit der Hand
geschrieben, beschwört nicht nur eine ganze (übrigens leere) Idee von der antiken Kultur ; er erinnert auch
an eine Zeit altmodischer, stiller, müßiger, diskret dekadenter Studien: englische Colleges, lateinische Verse,
Pulte, Lampen, feine Bleistiftschriften. Das ist die Kultur für TW: eine Gemächlichkeit, eine Erinnerung, eine
Ironie, eine Pose, eine Geste: Dandy.
Link
Man hat gesagt: TW, das ist wie mit der linken Hand gezeichnet, gezogen. Die französische Sprache ist
rechtslastig: was beim Gehen wankt, was Umwege macht, was ungeschickt, gehemmt ist, das nennt sie link, und
aus diesem moralischen, urteilenden, verurteilenden Begriff hat sie einen rein denotativen Ausdruck für eine
bestimmte Körperseite gemacht: hier
hat das Subjektive, auf dem Niveau der Sprache, das Objektive begründet...Diese etymologische Geschichte sagt
uns hinlänglich klar, dass TW, indem er eine link (oder linkisch) scheinende Schrift produziert, die Moral
des Körpers angreift: eine sehr archaische Moral, da sie die 'Anomalie' an eine Schwäche und die Schwäche an
eine Schuld knüpft. Dass seine Schriftzüge, seine Kompositionen gleichsam 'link' sind, dies verweist TW in den
Kreis der Ausgeschlossenen, der Randständigen, wo er sich, wohlgemerkt, mit den Kindern, mit den Siechen wieder
findet. Der Linke (oder der 'Linkische') ist eine Art Blinder: er sieht nicht richtig die Richtung, die
Tragweite seiner Gesten; lediglich seine Hand führt ihn, das Verlangen seiner Hand, nicht sein instrumentelles
Geschick: das Auge, das ist die Vernunft, die Evidenz, die Empirie, die Wahrscheinlichkeit, die Kontrolle, die
Koordination, die Imitation; als exklusive Kunst der Schau war unsere gesamte Malerei einer repressiven
Rationalität unterworfen. In gewisser Weise befreit TW die Malerei von der Schau; denn der 'Linke' (der
Linkische) löst das Band zwischen der Hand und dem Auge; er zeichnet ohne Licht (so tat TW in der Armee).
aus: Roland Barthes, Cy TWombly, Merve Verlag, 1978, S.10-12
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