Julius Bissier (1893 - 1965)
Werner Schmalenbach (*1920)
J. B.: „Mein gewolltes Leben war immer einbeinig, mein ungewolltes Leben dagegen war immer eine totale Sache.“ (S.113)
W.S. (Werner Schmalenbach über Bissier):
Das ‚Ungewollte’ der Tuschen bedeutete nicht, dass sie dem Künstler einfach als Glücksfälle in den Schoß fielen. Sie entstanden aus einem schwer zu beschreibenden Miteinander von Passivität und Aktivität, von Abwesenheit und Anwesenheit, von Entspannung und größter Anspannung, von unbewusstem Antrieb und bewusstem Tun. (S. 113)
J. B.: „Wenn ich seit nunmehr bald 3 Jahren innerlich mit dem ‚sauberen’, d.h. von Literatur und Personellem gesäuberten malerischen Konstruktivismus kämpfe, so liefert meine innere Stimme immerfort den Beweis, dass der Schnauzli in mir es ablehnt, es nicht frisst.“
W. S.: Es sind nicht zuletzt die geometrischen Elemente in Bissiers Kunst jener Zeit (1950) ....., die klar demonstrieren, dass dieser Maler nicht zur Geometrie geboren war...... Bissier bemüht sich, die Formen auch dann, wenn ihre Gestalt eine geometrische ist, ‚leben’ zu lassen, ‚atmen’ zu lassen. Niemals sind sie in ihrem Umriss erstarrt, sondern lassen immer etwas offen: durch ihre nicht ganz strenge Geometrik, durch den leisen, malerischen Verlauf ihrer Flächen, durch ihr labiles Schweben im Bildraum und durch gänzlich ungeometrische Nachbarformen.
W. S.: Ganz offenbar befand sich der Künstler, als ihm die reiche Beute der farbigen Monotypien in den Schoß zu fallen begann, in jenem glückhaften „Zustand des Empfangens“, den er als die Voraussetzung des künstlerischen Gelingens für sich erkannt hatte. Das Tagebuch berichtet von
J.B.: „abermals gnadenreichen Arbeiten. Ein Blatt strahlender, festlicher, blumenhafter als das andere. An solchen Tagen voll innigsten Dank an das Schicksal (25.Februar 1948).“ „Gestern die beiden besten Blätter des Jahres. Gnade(16.März).“ „Kraft heißt, dass man an sein Ziel glaubt. Gnade heißt, dass man’s erreicht. Demut heißt, dass man nicht darüber hinaus will. Liebe heißt, dass man nicht sich selbst bekriegt.“ (S.100)
J. B. am 15.März 1941 an einen Freund:
„ Seit einem Jahr bedrückt mich die allgemeine Lage so, dass keine Tuschen mehr ‚gekommen’ sind, weil ich die Fähigkeit verloren habe, mich in den Zustand des Empfangens zu versetzen...........“
W. S.: Über Bissiers Schaffen in den dreißiger Jahren lag der schwere Druck der politischen Geschehnisse, deren Bedrohung in den Kriegsjahren - nun in der Abgeschiedenheit des Dorfes Hagnau noch zunahm. Bissier hatte sich mit seiner Kunst auf einen Weg begeben, der ihn, wäre er nach außen sichtbar geworden, ernsten Gefahren ausgesetzt hätte........... (S.85)
J. B.: „Ich fühle immer mehr das Erbe meiner Vorfahren. Die Forderung, dass Kunst sakral, ritual sei, wird bei der intensiven...Beschäftigung damit immer klarer, fester, eindeutiger.......
Was aber ist sakral? Die Immanenz der schlechtweg religiösen Haltung. Was aber ist religio? Worin besteht die religiöse Immanenz dieses Kunstwerkes? Sind nicht alle Formen der religio bei allen Stilen möglich? .....“ (S.123)
W. S.: Von Geburt homo religiosus: der Satz gilt nicht wegen, sondern trotz Bissiers Herkunft aus religiös geprägtem Milieu. Von diesem Milieu hat er sich unter schweren inneren Kämpfen frei gemacht...................
Die Reinheit......stand ihm nicht, wie so manchem Zeitgenossen, als präfiguratives Formprinzip zur Verfügung............Sie musste mit jedem einzelnen Bild errungen und erlitten werden und gewann nur dank dieses widerspruchsvollen Prozesses, auch wenn er im Bilde beendet und überwunden war, also nur durch ihre individuelle, in jedem Augenblick bestehende Gefährdung ihren hohen geistigen Wert. (S.123/24)
aus: Julius Bissier / Werner Schmalenbach
1974 Verlag M.DuMont Schauberg, Köln
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