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GEDANKEN ZU FUKUSHIMA 3/11
Am 8. März 2011, dem 100. internationalen Frauentag, fragte die taz 100 Frauen nach ihren Wünschen, von denen einige in der Presse erschienen. Zwei von ihnen trafen, da sie tiefer in mich hinein fielen als die immer gleichen fordernden Wünsche nach der Frauenquote in Wirtschaft und Politik oder eben nach der zurecht verlangten Gleichbehandlung von Mann und Frau auf allen Ebenen:
" Ein Lied, nicht angestimmt von der Göttin Nemesis, der Göttin des gerechten Zorns, sondern durch Tara, der Göttin des unendlichen Mitgefühls. Wen Tara mit ihrer Stimme berührt, errettet sie aus verzweifelter Lebenslage und gewährt ein langes und gutes Leben. Durch ihren Gesang steht sie den Geretteten bei und gibt ihnen ihre Würde zurück. Tara, die Göttin des Mitgefühls, berührt selbst diejenigen, die durch das Leid anderer unberührbar scheinen. Wider Willen erfahren die Peiniger und Despoten, dass Taras Gesang ihr Herz aus Eis zum Schmelzen bringt; sich ihre Verachtung, Gier und Tyrannei in Mitmenschlichkeit verwandeln kann." (Edith Wolber, Sprecherin des deutschen Hebammenverbandes)
"Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann würde ich es flüstern. Und hoffen, dass es trotzdem gehört wird in einer Zeit, in der alle immer schriller, lauter, infantiler auftreten, weil es sich nur noch so Aufmerksamkeit ergattern lässt, in der nur die moralisch entgrenzte und politisch verrohte Position Sichtbarkeit erlangt." (Carolin Emcke, 43, Journalistin)
Diese beiden Wünsche berühren, wie ich finde, eine Ebene hinter den augenfälligen und zurecht reklamierten Ungerechtigkeiten. Es ist doch eine seltsame Tatsache, dass trotz der enormen Verbesserung der Bedingungen für uns Frauen in den letzten 100 Jahren das tiefe Leiden nicht wesentlich abgenommen hat. Wie das innere Leid ebenso allgemein nicht wirklich abnimmt mit der Zunahme von Freiheit und Wohlstand. Vielleicht waren Angst und Einsamkeit des Einzelnen sogar noch nie so groß wie heute. Die Flucht ins Suchtverhalten auf allen Ebenen nimmt groteske Züge an.
Natürlich finde ich es wunderbar, dass viele Frauen sich zu Wort melden, in Wirtschaft, Politik und Kultur ebenso tätig werden oder sind wie die Männer. Ich liebe es zu sehen, wenn Frauen große Orchester leiten, renommierten Kunstsammlungen vorstehen, dass den allein erziehenden Müttern Schutz und Sicherheit geboten wird und vieles andere mehr.
Dennoch bin ich überzeugt von einem riesengroßen ABER:
Meistens geht es der Frau lediglich um eine Gleichschaltung zu den Männern. Dass sie dieselben Rechte wie der Mann erhält. Dass sie dieselben Posten wie er einnehmen kann. Sie will wie er leben und arbeiten. Mit einem ebenso großen Gehirn, mit derselben Logik, mit der ihm entsprechenden Kraft. Damit ist es aber nicht getan. Wenn Frauen sich wie Männer verhalten und ebenso wie diese z.B. Ämter und Posten bekleiden, wird ja nicht unbedingt deshalb etwas verändert. Allein diese Tatsache ist ja nicht das Wesentliche. Es bedeutet nur, dass die Frauen nun ihr Recht bekommen, was wichtig und mehr als in Ordnung ist. Warum berührt es mich nur so unangenehm, wenn sich Frauen rechthaberisch und beklagend ereifern, wenn sich Damen in hohen Posten so männlich gerieren. Bin ich meinen Ahnen treu, die sich Ja- sagend und selbstverleugnend auf die Seite der Männer geschlagen haben? Warum ist es mir peinlich, dass sich viele von ihnen so unweiblich kleiden und so wenig charmant gestikulieren und sprechen. Nein, es ist etwas anderes. Es geht nicht um die Frau sondern um das Große Weibliche, dieser Urkraft allen Lebens. In unserer patriarchalisch orientierten, von Ratio und Vernunft geleiteten Gesellschaft wird das Urweibliche immer noch gefürchtet und gemieden. Die 2000 Jahre unserer abendländischen Geschichte mit zutiefst christlichem Weltbild haben scheinbar unverwüstliche Wurzeln geschlagen, im einzelnen sowie im Kollektiv. Die Partei der Politiker, die uns regiert, beruft sich namentlich auf das Christentum. Und wir wissen doch, dass im Namen der christlichen Kirche das Weibliche immer und immer wieder erniedrigt und ausgerottet worden ist. Die Verteidigung der Vormachtstellung der männlich orientierten Weltsicht wird vom Papst und den europäischen Regierungen weiterhin aggressiv verteidigt. Hinter dieser Haltung verbirgt sich die Angst vor dem Feuer, vor Wandlung. Wandlung aber würde das große Weibliche offenbaren. In ihm zeigte sich dann die fordernde Glut. Die kompromisslose und zugleich schützende Kraft der Erde, der tiefe Grund alles Lebendigen, das Alogische, Emotionale, die Nacht, das Dunkle, die Sexualität, das unendliche Mitgefühl. Um das geht es. Es ist so einfach. Nur es lässt sich so schwer um diese Werte kämpfen. Es ist nichts für eine plakative Verteidigung, nichts zum lauten Anprangern oder Verkaufen. Diese abgedrängten Werte des Urweiblichen wuchern in uns. Ihre enorme Kraft lässt sich nicht vergraben. Den eigenen Wurzeln beraubt, gepeinigt von Angst und Verlangen treiben wir Ego- besessen in den Rausch der Materie. Wir suchen ausgerechnet in der hinfälligen Materie den verloren gegangenen Wert des Urweiblichen, der Mater, der großen Mutter. Unser suchtartiges Konsumverhalten geriert sich derart gigantisch, dass wir zynischerweise für diese "Liebe" unsere Erde opfern.
Die Vernichtung der Mutter Erde ist global in vollem Gange. Seltsamerweise machen die Profitgier und der Machthunger der Menschen nicht Halt vor der eigenen Zerstörung.
So werden unzählige Atomkraftwerke geplant und gebaut. In Japan ist erneut ein katastrophales Unglück über die Menschen gekommen von noch nicht absehbarem Ausmaß. Ein deutscher Journalist berichtete heute morgen im Rundfunk, er hätte gestern neben einer Japanerin im Flugzeug gesessen, die von einem Bekannten ihres Onkels berichtete, der eine SMS an seine Angehörigen gesandt hat mit den ausschließlichen Worten"good- bye." Er war einer der Techniker, die weiterhin im AKW Fukushima arbeiten, um den aktuellen drohenden Schäden beizukommen und eine mögliche Katastrophe zu verhindern. Augenblicklich stiegen mir Tränen in die Augen und ich beschloss, wenigstens diesen Text zu schreiben. Wie lange sollen wir denn noch warten? Wollen wir wie die Lemminge in den Tod treiben? Tokio ist bedroht. Es ist eine Metropole von 35 Millionen Einwohnern. Die kann man nicht einfach evakuieren. Möglicherweise wird sie in den kommenden Tagen mit einem zweiten Hiroshima- Effekt überflutet. Alle Flugzeuge aus Japan, die in Europa landen, werden bereits auf Strahlenbelastung hin überprüft. Die Kühlung der überhitzten Atommeiler wird nur noch unzureichend durch die Luft vorgenommen. Die Männer, die weiterhin im Zentrum des Unglücks arbeiten, haben nach meiner Vorstellung Kamikaze- Ahnen, die es ja in Japan zu Hauf gibt. Der uralte Moralkodex der Samurai, dass Leben und Tod gleich viel wert seien, hat nicht nur die Auffassung der Erziehung der Japaner bis heute geprägt. Das bringt uns zum Verstummen. Hinter der unerschrockenen, scheinbar klugen Auffassung der Samurai von Leben und Tod verbirgt sich in meinen Augen neben dem aufrechten Mut eine lebensverachtende Mentalität, eine Egal- Haltung, die etwas Selbstmörderisches an sich hat.
Schon oft habe ich mich gefragt, wo wohl diese uns leicht befremdliche Mentalität der Japaner herrührt, wenn sie in allen Lebenslagen höflich und bescheiden agieren. Dass sie lächeln, wenn wir vielleicht lieber ein Gesicht schneiden würden. Die dem Moralkodex der Samurai und dem Zen- Buddhismus verpflichtete Erziehung hat in Japan bis heute Tradition. Nun stelle ich mir vor, wie Kinder und Jugendliche sehr früh mit dieser strengen Auffassung von Leben konfrontiert werden. Dass eine erst reifende Seele schon mit dieser pflichtbewussten Haltung, einer durch feste und unendlich sich wiederholende Übungen und strenge Regeln belegten Erziehung, vielleicht vom individuellen Probelauf fern gehalten wird. Dass wachsende, sich wandelnde junge Menschen die Gelegenheit zur Kristallisation des je eigenen Charakters auf diese Weise verpassen. Wozu auch die notwendigen Emotionen gehören!
Es ist ja von den Japanern bekannt, dass sie extrem Profit orientiert sind, dass sie in der Geschichte der Kriege unvorstellbar grausam gewesen sein sollen, dass sie keine Angst vor dem Tod haben, dass die Selbstmordrate in Japan sehr hoch ist.
Ich habe Japaner kennen gelernt, die ein umfangreiches Wörterbuch einer Fremdsprache auswendig(!) gelernt hatten aber keinen zusammen hängenden Satz sprechen konnten. Die schwarze Gürtel in den Kampfkünsten trugen aber keine selbstsichere, gar kritische Behauptung über die Lippen brachten. Die in einem noblen Restaurant zu üblen Bedingungen gearbeitet hatten und sich von ihrem Chef schweigend, ja zustimmend, ausnutzen ließen. Sie haben so gern unflätig in unseren Sesseln gesessen, da sie von Kind an in bestimmter Haltung am Boden sitzen mussten. Sie erschienen uns wie hilflose Kinder ohne Empfinden für die eigenen Belange. Wenn sie dann in ihrer jeweiligen Kunst für uns sichtbar wurden, verblasste jegliche Einschätzung. Eine Wucht aus Präzision und geschliffener Kraft verschlug uns die Sprache. Sie trugen meist schon mit etwa 26 Jahren mehrere schwarze Gürtel. Nur einen zu erlangen war für uns nahezu unvorstellbar. Sie erschienen uns einerseits fast unmündig und andererseits zu allem fähig. Nun die einmaligen kulturellen Schätze dieses Inselvolkes!! Die Wunder der Dichtung, der Malerei, der Schrift, der Keramik, der Bewegungskünste, der Küche, des Designs, der Schwert- Schmiedekunst, der Architektur, der Gärten! Ein Arsenal der feinsten, intelligentesten Phantasietätigkeit von höchstem Niveau, das auf der Stelle mein Herz in Beschlag nimmt. Auf den Wegen all dieser Künste gilt der Geist des Zen. Wenn ich an die japanische Kultur denke, sehe ich uns Europäer immer noch wie Barbaren. Kann es nun sein, dass einer, wenn auch noch so verfeinerten, aber zu früh und zu rigide aufgebürdeten Erziehung entgleisende Bewegungen folgen müssen? Dass eine nicht statt gefundene Entwicklung sich rächt? Dass auch hier, wie bei uns, eben aus anderen Beweggründen, die Unterdrückung von Emotionen zu einer nicht zu verstehenden Gigantomanie führt?
Die Techniker von Fukushima werden schon jetzt wie Helden gefeiert. " Wir sind Samurais," sagte eine kleine Japanerin lächelnd. Der Opfertod ist ja auch uns Christen nicht fremd! "Lieber ich als du," ein moralisierendes, Jesu angedichtetes, selbstverleugnendes Verhalten, das unser Weltbild, zumindest unbewusst, verdreht und gefährdet hat. Er soll angeblich für uns gestorben sein und uns beispielhaft dazu aufgefordert haben, uneigennützig und opferbereit für unseren Nächsten da zu sein. Die lügenhafte Verdrehung der Bedeutung des Todes Jesu am Kreuz ist ein Schreckensgespenst schlimmsten Ausmaßes, das immer noch wuchert wie ein giftiges, alles Leben vernichtendes Geschwür.
Die Schelte auf unsere Politiker, die offenbar nicht in der Lage sind, eigene, innere Töne von Gefühl und Verantwortung zu spüren, gilt natürlich auch uns selbst. Sie sind, wie so viele unserer verrohten Menschheit, hilflos abgeschnitten von ihren Emotionen. Diese sind aber die Voraussetzung von Einsicht. Wahre Erkenntnis ist einfach nicht übers Gehirn zu erlangen. Wenn unsere führenden Politiker nicht weiter wissen, wird ans christliche Gebet gemahnt. Damit ist der Kreis der Ohnmacht dann geschlossen.
Der 11. September 2001 hat uns doch eine Verwundung riesigen Ausmaßes vor Augen geführt. Durch sie wurde uns offenbart, dass jeder einzelne von uns mit allen Wesen dieser Erde verbunden ist. Dass mit dem Reißen des Schleiers von Sicherheit und Ordnung zugleich auch die kollektive Seele zutiefst gestört wird. In dieser Tatsache lag, und liegt heute erneut, eine Chance. Die Chance, sich auf bisher nicht gekannte Art, dem Leben ohne Kompromisse zu verpflichten. Das Mitgefühl für diejenigen, die jetzt leiden müssen, kann uns zu einer tiefen Bereitwilligkeit führen, das Leiden in der Welt zu beenden. Wenn wir allerdings stattdessen in die Kirche gehen und um Hilfe bitten, fällt die bleierne Tür hinter uns ins Schloss und es wird sich nichts ändern. Wie sich ja in den letzten zehn Jahren nach dem 11. September 2001 nichts geändert hat. Der Wahnsinn ist sogar noch angewachsen. Die Zerstörung der Erde, die ja die Vernichtung der Materie, des Urgrundes, bedeutet, ist so gnadenlos voran geschritten, dass es dringender denn je Stimmen braucht, die Einsicht vermitteln.
Aber ach! Selbst aus der Not dieser qualvollen Lebenssituation von unendlich vielen Menschen werden noch mediale Rate- Quiz- und Spenden- Spielchen heraus gequetscht! Die wohl weiterhin stattfindende, bewusste Vernichtung der Erde, Stadthalterin und Symbol des Urweiblichen, führt zu einer unübersichtlichen, tödlichen Dominanz des Verstandes. Der Verlust des Grundes, des Bodens unter unseren Füßen, ist der schmerzhafte Antrieb zu immer weiter anwachsender Ausbeutung und genusssüchtiger Konsumgier. Ist der Gigantomanie der triebhaften Ich- Betonung eventuell nur noch durch Katastrophen zu begegnen? Noch hat sich Fukushima nicht beruhigt. Und wir sind inzwischen nicht mehr nur Zuschauer. Ich wünschte mir so sehr Stimmen, die den Menschen Einsicht vermitteln würden. Nämlich dazu, dass wir in der Tragödie der Katastrophe die Herausforderung annähmen, endlich hin zu schauen und aus der Trance zu erwachen.
REGEN 8/10
(für Alberto Giacometti)
Der Hochsommermonat August im grauen Regen.
Keine Sonne, keine Wärme, kein blauer Himmel, keine blühenden Wiesen, keine Schmetterlinge, kein leiser Wind, kein göttlicher Schatten in der Hitze des Tages, keine warmen Abende vor dem Haus bei kühlem Wein, keine Gespräche am gurgelnden Ufersaum, kein Blätterrauschen der Silberpappel über unserer Bank am großen Strom.
Kilometerlange Autokolonnen schieben sich im Wochenendstau am heiligen Freitagmittag über die Autobahnzubringer des Stadtrandes. Es regnet in grauen Strömen. Radionachrichten zum Elend in Afghanistan, zur überschwemmenden Flutwelle in Osnabrück und allerlei ungereimtes Zeug zum Zustand unserer verwirrten Nation. Der Wetterbericht alle 10 Minuten. Straßenzustandsbericht ebenfalls alle 10 Minuten. Wenn wir nur genug spenden, wird’s ja wieder gut. Wir müssen uns nur gedulden, dann wird das Wetter schon wieder besser. Der Stau ist auch irgendwann zu Ende. Die Katastrophen werden schon bald wieder vergessen sein. Und dann ist das Leben wieder schön.
Eine Neurose unendlicher Qualität ergreift das Volk. Gerade seitdem die Lebensqualität bei uns nun so hoch ist, dass der Komfort nichts mehr zu wünschen übrig lässt, verstärkt sich unser neurotisches Gehabe um so mehr. Demgegenüber erscheint mir rückblickend die Zurückhaltung und Bescheidenheit der Nachkriegszeit nun doch nicht so schlecht. Zu dritt hatten wir Kinder uns einen Marsriegel von unserem Taschengeld gekauft und ihn, gerecht zerteilt-, irgendein Kind besaß, von allen beneidet, ein Fahrtenmesser-, wie ein Luxusessen irgendwo und geheim am Rande der Großstadtstraße vertilgt. Der Mangel entlockte Phantasie, Frohsinn und Gemeinschaft, humorvolle Frechheit, Mut und Individualität.
Was ist nur aus dem zunächst gesunden Bestreben des Wiederaufbaus geworden! Die geschürte Gier wächst sich zu fatalen Formen aus. Die Wegwerfgesellschaft hat uns fest im Griff. Es ist nicht mehr leicht, irgendetwas als einmalig zu erleben, wenn es schon angepriesen, vermarktet oder gar nachgeworfen wurde. Es wird immer schwerer, sich zu freuen, zu feiern, wenn man alles hat:
Nahrung in Überfülle, Gesundheit, Arbeit, ausreichend Geld, ein schönes Haus, einen Partner, Interessen, wohl gesonnene Nachbarn, Religionsfreiheit, Wahlrecht als Frau, relative Sicherheit durch Recht und Demokratie.
Wenn nun alles noch besser, noch reicher, noch freier würde, mit noch mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Zeit, mehr Liebe, mehr Sex, mehr Reisen, besserem Wetter, größeren Autos, mehr Wissen, mehr Zeit. Was dann?
Nichts würde sich verändern, nichts! Jede Sekunde würde gleichermaßen verwundbar sein, gleich stark gefährdet, von dir augenblicklich zerstört zu werden. Die Jagd nach dem Glück, dem Geld, der Liebe, der Sonne, der Freiheit würde nur noch stärker entlarvt. Dadurch, dass die meisten Menschen unserer Erde von diesem Wohlstandskuchen gar nicht profitieren, wird die Verblendung nur noch größer. Das scheinbare Wohlergehen der satten Menschen wird zum Maßstab der eigenen Überzeugung und, zum Maßstab von all denen, die an ihm nicht teilhaben.................
Und du kannst es an den Gesichtern von uns Wohlstandsmenschen ablesen. Eine Ahnung von der Lebenslüge führt zu den verzweifelten Events aller Art in kleinen und großen Kreisen, den Spendenaktionen, den Gipfeltreffen, den Reformversuchen. Die verkrampfte, reaktionäre Haltung von Kirche und Familie steht in einem seltsamen Kontrast zu unserer hoch entwickelten Industrie- und Wissenschaftswelt, zur aktuellen Erkenntnis, dass Physik und Spiritualität sich auf wunderbare Weise begegnen.
Draußen Regen von anhaltendem Dauercharakter. Als wolle dieser Regen mich ermahnen, zuzulassen, zu formulieren, auszuspucken, um hinter, darunter, tiefer, viel, viel tiefer, wesentlicher, profunder zu schauen.
Was ist denn dort hinter dem Regen? Hinter diesem kalten, grauen Hochsommertag? Ja natürlich, hinter und über den Wolken ist die Sonne. Wie oft habe ich im Flugzeug im hellen Licht der Sonne gedacht: Ausgerechnet unter dieser Wolkendecke verbringst du dein Leben!
Und schon rumpelte der Metallvogel abwärts in das Hamburger Grau.
Aber...........................
In mir taucht ein Bild auf. Eine Fotografie von Henri Cartier- Bresson: grau, fast einheitlich grau, nahezu ohne Kontraste, ein aufrechtes, schmales Format, nicht groß. Alberto Giacometti geht diagonal durch das Bild, von der Mitte heraus nach rechts unten. Seinen Regenmantel bis über die Ohren hoch gezogen, seine brennende Zigarette in einer Hand, die andere in der Manteltasche. Sein Gang ist nicht schnell aber bestimmt. Es regnet. Giacometti auf dem Weg in sein Atelier. Dort wird er seine göttlichen Hände gebrauchen. Er wird seinen unscheinbaren Mantel ablegen und sogleich an einem begonnenen Bild in Grautönen weiterarbeiten. Vielleicht wird er auch eine einsame Figur entstehen lassen, eine gehende oder eine stehende.
Es ist wohl eines der letzten Fotos von Giacometti vor seinem Tode.
Er ist mit seinen Skulpturen und Bildern für uns in den Riss der Einsamkeit gegangen. Nicht mönchisch, sondern in der Überzeugung, dass die eigene Sterblichkeit das einzige ist, dem man vertrauen kann,- auf der sich sein radikales Werk gründet.
„Die Art und Weise, wie Giacometti die unerbittliche Wahrheit an der äußersten Grenze des menschlichen Interesses ausgedrückt hat, lassen die Verzweiflung an der Gesellschaft oder den Zynismus, die sie hervorgerufen hatte, weit hinter sich“ (*).
Ein Strahlen geht von der Szene dieser Fotografie aus.
Wie der Kunst von A. Giacometti fehlt diesem Foto nichts.
Und die Schönheit des grauen Regens vor dem Fenster des Cafés umfängt mich in Liebe.
(*) Nach John Berger, Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens, S.113
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