Videostills 12/08

In zwei Tagen ist das Jahr vorüber, und ein neues 2009 wird beginnen und wiederum enden, und dann so weiter, einige Male und das so genannte Leben ist  beendet. Dieses ist so derartig kurz, dass es auf der Hand liegt, dass es etwas geben muss, – auch besonders was den Menschen angeht -, das größer, umfassender, profunder ist. Man merkt es sofort, schon wenn man nur darüber nachdenkt, oder besser noch, wenn man auf die Ebene hinter den Dingen umschaltet, z.B. beim Schreiben.
Die Feder tanzt, die Worte fließen, die Leute um mich herum schwatzen, die Musik läuft, die Zeit umfängt uns rennend, unterlegt uns wie ein Laufband, das uns fortwährend von der Vergangenheit in die Zukunft transportiert, und – wie seltsam schön -, all dies in einem deutlich wahrzunehmenden Raum, der von all diesem und durch nichts berührt wird. Nicht beeinflussbar steht er uns zu Gebote wie eine stille Rose und wartet nur darauf, von uns betreten zu werden. Machen wir  diesen wagemutigen und zugleich so leichten Schritt, stellt sich auf der Stelle Schönheit ein, Stille jenseits des Lärms, Weite hinter der Bedingtheit jeder Identifikation, die dann liebevoll belächelt werden kann wie ein unmündiges Kind. Wenn ich mich so zu diesem Raum bekenne, ist es ähnlich schön wie in der Natur. Allerdings geht es eben auch ohne die Natur, denn auch diese ist in all ihrer wunderbaren Schönheit doch leider nur ein Spiegel, und es ist nicht damit getan, sich in ihr aufzuhalten.
 Hier ist die Umgebung chaotisch, bunt, unruhig, ungeordnet, menschlich verzerrt und ruft im Gegensatz zur Natur auf, sich nicht parallel sondern konträr zu ihr zu konzentrieren. Und genau dazu hilft mir z.B. das Schreiben. Automatisch mit dem Ansetzen des Stiftes und der zwingenden Gleichzeitigkeit des Wortflusses, der aus der Tiefe aufsteigt, gelingt mir der Eintritt in den stillen Raum. Beim Aufschauen sehe ich meine Umgebung jetzt wie einen kosmischen Reigen vor meinem geistigen Auge, und das sonst leicht entstehende Fremdgefühl durch allerlei Identifikationen und Bespiegelungen wird zu einem freundlichen Distanzgefühl, das durch ein mitmenschliches Lächeln begleitet wird. Besonders schön wird dieses Phänomen unterstützt durch die große Frontscheibe, die bis auf den Gehweg gezogen ist und die Passanten konträr und zugleich ergänzend zum Geschehen im inneren Raum, von rechts nach links und von links nach rechts in unregelmäßigen Zeitabständen horizontal vorbeiziehen lässt und so den kosmischen Reigen in seiner Vielschichtigkeit ausdifferenziert und irgendwie abrundet.
Vielleicht nehme ich das nächste Mal meine Kamera mit und stelle sie unmerklich in dieses Ambiente. Um mein Kunsttagebuch in Videoform zu erweitern, wäre die Aufnahme dieser Situation des Schreibens im Café fast notwendig, da sie doch seit längerer Zeit zu meinen intensiven künstlerischen Ausdrucksformen zählt.
Dieses im Augenblick von mir benutzte, bisher aber sehr selten verwandte Schreibtagebuch zum Thema Foto/Film wurde am 25.Juni 2005 von mir begonnen und zuletzt am 30.8.08 eingesetzt. Heute möchte ich über meine Tätigkeit an und mit meinen Video-Tagebüchern schreiben. - Mir fällt gerade noch ein, dass die Geräuschkulisse um mich herum evtl. meine eigene Geräuschkulisse (der Gedanken) ersetzt und daher eine Art dämpfende Aufgabe übernimmt, sie entbindet mich sozusagen der eigenen Störung. - Meine seit etwa 2 Jahren vorgenommenen Tagebuchvideos, - bisher mit einer sehr kleinen digitalen Fotokamera -, setze ich immer noch in der gleichen Art ein:
„zu Hause,“ -  was bedeutet in meiner „Galeriewohnung“, da sich in ihr die meisten meiner Arbeiten befinden und angesehen werden können oder „Atelierwohnung“, da ich hier an meinen Hauptwerken arbeite, aber eben auch z.T.  hier wohne, - ist der Ort des Filmgeschehens meiner Videos. Die Inhalte kreisen um meine Kunst herum, um die Zeit vor, nach oder ohne die großen Bilder. Wenn ich einmal andere Filme mache, z.B. über Hans’ neues Dach, o.ä., stelle ich schon bei der Arbeit fest, dass sie nichts zu tun hat mit dem, was ich will, was heraus muss und was mich in diese fast süchtige Haltung fallen lässt, wenn ich Kunst mache. Ich nenne es einmal so, weil es nicht ins Wort zu fassen ist, was mich da treibt und was ich da eigentlich mache. - Picasso hat einmal auf eine Frage nach diesem Phänomen geantwortet. „ich weiß es nicht, und wenn ich’s wüsste, würde ich es nicht sagen“ – Also die Videos, sie sind nicht dokumentarisch, sie umkreisen eher meine künstlerische Produktion, sie orten mich, sie erden und zentrieren mich, sie setzen mich erneut frei für anstehende Werke, sie lassen brennende Fragen in den Brunnen der Erkenntnis fallen, sie stellen Fragen oder beantworten auch welche, sie geben mir Handlungshinweise, sie beruhigen und verlangsamen ein zu schnelles Tempo meiner künstlerischen Vorhaben, sie entheben mich der tosenden Gedanken, sie zwingen mich zum genauen Hinschauen ohne allzu genau hin zu sehen, sie flüstern mir Wahrheiten zu, die ich ohne sie nur erahne und durch sie dann plötzlich erkenne, sie machen mir Spaß, sie bremsen eine sich anbahnende Identifikation aus, sie erlauben mir, meine große Liebe zur optischen Welt zu händeln, sie geben mir Gelegenheit, den Augenschein der Dinge ernst zu nehmen, die mir keine Ruhe lassen.
Dabei entstehen oft so seltsam schöne, mich reizende Bilder, stelle ich  beim erneuten Ansehen dieser kleinen Filme fest, dass ich vor kurzem anfing, Einzelbilder auszudrucken, sprich ‚filmstills’ zu erstellen. Kurzbezeichnungen mit manchmal kleinen zeichnerischen Zutaten schließen diese Blätter ab, die dann bisher in eine Mappe wandern. Am reinsten gefallen diese eher ‚armen’ Bilder mir in ihrem rohen Zustand, was hier bedeutet, als einfache ausgedruckte Din-A4 – Blätter von schlichter Qualität. Zum Schutz stecke ich sie in Klarsichthüllen, was mir eigentlich überhaupt nicht gefällt. Aber sie sind in ihrer Art sehr instabil und eben Originale, sie würden sich nur schwer wiederholen lassen, da die geringe und eher zufällige Druckqualität jedes Mal unterschiedliche Ergebnisse hervorbringt. Die vom Drucker vorgegebene Farbwelt wirft immer wieder überraschend unvorhergesehene Ergebnisse aus -, auch Fehldrucke sind mir sehr willkommen -, dass sie ein höchst spontanes Spiel mit den Bildern zulässt und eine von den Filmen selbst unterschiedliche Auffassung des gefilmten Sujets herauf beschwört, was mich so enorm fesselt, dass ich fast süchtig  nach dieser Tätigkeit bin, und noch gar nicht weiß, warum eigentlich. Ich mach’s erst einmal, es wird mir dann später ein Licht aufgehen.
Eine eigenwillige Auseinandersetzung mit den Bildern der so genannten Wirklichkeit, die ich gerade eben erst erlebt und gefilmt habe, setzt dann bei dieser erweiterten Arbeit mit denselben Bildern ein, die den fast geheimnisvoll werdenden Inhalt in eine neue Ebene hebt und noch einmal in anderer Gestalt auf die ohnehin mich immer schon faszinierende Fragwürdigkeit des fotografischen Abbildes verweist. Es wäre zu einfach, es mit dem Gedanken der Verfremdung abzutun. Hier geschieht etwas geheimnisvolles, was mit der Virtualität der Wirklichkeit zu tun hat.
Hans hat großes Vergnügen an diesen filmstills, da er zum Glück kein Liebhaber  des fixierten Bildes, sondern eben ein Wahrheitssucher ist, dem natürlich ein eher unausgesprochener Abdruck der äußeren Wirklichkeit mehr Aufklärung über sie bietet als ein scharfes und kompositorisch astreines Hauruck-Bild aus dem Urlaubrepertoire. Er meint, „diese Bilder wären näher an der Zeitlosigkeit dran, beinahe wie ein Lebenshauch einer flüchtigen Begegnung.“
Es ist nun überhaupt nicht Meine Idee, Videostills ernst zu nehmen. Filmstills gibt es ja schon ewig, und eben auch berühmte. Wer kennt nicht das letzte Bild aus ‚Casablanca’ mit H.Bogart und I.Bergmann, oder viele andere mehr, früher auch oft auf den wunderbaren alten Filmplakaten eingesetzt.
Auch in moderner Form haben z.B. Cindy Sherman oder Pipilotti Rist hinreißende Videostills gezeigt. Diverse Maler arbeiten seit langem mit ihnen, wie ehemals die Maler mit Fotografien.
Es ist immer wieder interessant, wie plötzlich, - ohne es vor zu haben-,  eine künstlerische Tätigkeit entsteht, sich ergibt, und auf einem Mal tut man etwas ähnliches wie Zeitgenossen, weiß aber augenblicklich noch nicht genau, warum. Modeerscheinung? oder tiefer gesehen ein ernst zu nehmender Trend, der uns  voran bringen könnte?
Also, die Videostills haben es mir vorerst angetan, allerdings bisher nur sammelnd. Ebenso wie die Tagebuchvideos, Filmchen von 5 – 11 Minuten Länge. die ich in Form von CD- Roms sammle.
Wenn sie je angesehen werden sollten, wäre meine Idee, ein kleiner schwarzer Raum, und viele dieser Filme sollten dann dort im Zeitraffer gezeigt werden. In einem zweiten evtl. nicht ganz schwarzen Raum würde ich Filme abspielen, mit  Musik und Texten im Original.  Ich stelle mir das Abspielen dieser Kurzvideos nur für Liebhaber vor, also evtl. in einer entlegenen Ecke einer Ausstellung. Sozusagen als Hintergrundsmusik für meine Malerei, die sich an eine größere Betrachtergruppe wendet und mehr Masse zu bieten hat. Die kleinen Filme haben außerdem naturgemäß einen eher erzählenden Charakter, was sie stark von den meisten meiner Bilder unterscheidet.
Eventuell müssen sie auch gar nicht betrachtet werden, wenigstens nicht solange ich lebe, da sie ja Tagebuchcharakter haben. Dann müsste ich mir allerdings dringend eine Form der Kurzvideos einfallen lassen, die eher zu betrachten, also von allgemeingültigerer Art, wären, da ich so extrem gern mit ihnen und den Videostills arbeite, was ja nur heißen kann, dass ich durch sie ganz nah an der Wahrhaftigkeit dran bin, die sich durch mich ausdrücken möchte und was daher meine Pflicht wäre, mit ihnen zu arbeiten. 
Was sie mir nun wirklich bedeuten und warum  sie mich derartig treiben, weiß ich noch nicht. Allerdings erhellen sie mein Dasein, geben mir Halt und entfachen große Vitalität, warum auch immer.
Louis Malle hat einmal gesagt, er habe über das Filmen zur Wirklichkeit gefunden. Vielleicht hilft es mir bei der nicht ruhenden Frage „wer bin ich“.
Die Faszination dieses Mediums, das so verbreitet ist wie nie zuvor, hat sich der trivialen und massenhaften Verbreitung zum Trotz nicht abgenutzt und taucht in unendlich divergierender Form immer wieder und weiterhin auf. Die Schnelligkeit der Bildaufnahme bis zu seiner Wiedergabe ist auf ein Minimum geschrumpft und kann nur noch durch das Wegwerfen der Kamera getoppt werden.
Das Sammeln und Ansehen alter Fotografien bringt das Leid der Verhaftung an die Vergangenheit. Aber wenn sich vor mir im Café junge Puppen einer Mädchengruppe mit dem Handy fotografieren und sich sofort hinterher in diesem Bild anschaun, sind sie nach dieser Tätigkeit heiterer als vorher. Als hätten sie sich selbst hinters Licht geführt....................oder haben sie sich der Schwere des Daseins einfach über das Bild enthoben?
Video  -  ich sehe
still    -  sei doch einfach still


Danae 10/08

‚Joven’, sagte Hans, als ich fortging zum Schreiben und mich kleidete, ein wenig á la mode der jugendlichen Unkultur, die mir Spaß macht, da sie so herrlich unkonventionell ist. Schichten divergierender Kleidungsstücke ergeben so oft eine Art Vogelscheuchen- Look, der von apart/sexy bis spleenig/schlampig geartet sein kann. Auf jeden Fall ermöglicht er dem weiblichen Geschlecht sich zu entfalten, etwas zu erproben, zu wagen, zu zeigen oder zu verstecken; je nach Tagesverfassung und aufzusuchender Umgebung. Es ist einfach so, dass wir etwas Spaß daran haben und dass genau dies erlaubt ist. Unsere Mütter, die wir noch in uns haben, beeindrucken uns nicht mehr mit ihren christlichen Tränen, die sie vergossen, als sie uns in hautengen Hosen oder geheimnisvoll revolutionären, tiefschwarzen Maulwurfsjacken sahen. Endlich wissen wir, dass ihre Tränen ihnen selbst galten, ihrem verpassten Leben als Frau, ihrer ungelebten Sexualität, dem unerotisch geprägten Habitus ihrer Körperlichkeit, der sich in unfreien Bewegungen äußerte, in angehaltenem Atem, in gesenktem Blick. Die noch als junge Frau durch die weiblich nuancierte Mode der 40er Jahre genossenen Kleider wurden im Alter abgelegt und es wurde eine geradezu frappierende Verwandlung augenscheinlich. Fließende Röcke aus sich schmiegenden, wärmenden Stoffen wurden zu klein- oder großkarierten, gerade geschnittenen Hosen mit Bügelfalte und führten zur Betonung der älter werdenden Figuren durch groteskes Herausstellen ihrer Schwächen. Zudem wurden Accessoires aus Urzeiten neu verlegt und von den ehemals ‚Schönen’ sich selbst verleugnend eingesetzt, um sich nun endgültig dem kirchlichen Verbot der freien Sexualität zu beugen und dem Gebet zuzuwenden, das aus der hoffenden Hinwendung auf ein helleres Leben nach dem Tode heraus sprach.
2000 Jahre haben wir Frauen uns immer und immer wieder in diese Schiene gepresst mit unterschiedlichem Gesicht oder uns vernichtet, indem wir uns gegen diese einzige Möglichkeit des Ja-Sagens aufgelehnt haben.
Hier und jetzt, in dem Bewusstsein dieses für die Weiblichkeit harten, historischen Prozesses des christlichen Abendlandes, können wir das Wenige, die über Jahrhunderte hart erkämpfte Freude daran, eine Frau zu sein, nun einigermaßen einfach leben, z.B. in einem ‚Zwiebeldress’ im Café sitzend und schreibend.
Meine derzeitige bildnerische Arbeit spiegelt die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen wider. Die Bewusstwerdung dafür, dass unserer westlichen Zivilisation im Übermaße das ‚lunare Prinzip’ gefehlt hat und immer noch fehlt, ist zurzeit in mir hochlebendig. Das ‚solare, männliche Prinzip’ hat durch Kirche und Politik dafür gesorgt, dass seine Macht bisher nicht wesentlich unterlaufen wurde. Diese Haltung ließ sich nur mit tödlichen Mitteln gegen die rebellischen und mit drohenden Geboten für die angepassten Frauen aufrechterhalten.
Dieser Motor ist immer noch in vollem Gange. Schau’ doch, wie sehen unsere alten Frauen aus! Statt würdevolle, weise Alte sehen wir  lasch in Beige gekleidete Mannfrauen, wie sie von ihren weichen Männern Händchen haltend beim Einkaufsbummel begleitet werden. Und abends dann  geben sie sich der Massenbetäubung unserer Fernsehkultur hin, die in dem Maße trivialer wird, wie die Konsumsucht die Herzen verengt. In der Gier nach der Materie, die ja schließlich immerhin zur sichtbaren Zerstörung der Erde führt, ist  der pervertierte Wunsch nach dem fehlenden ‚lunaren Prinzip’ vergraben, in dem sich die Erdung ausdrückt, die uns so bitter fehlt in unserer tödlich fortschrittsgläubigen Zivilisation, die keine Unterdrückung und Ausbeutung radikalster Form scheut!

DANAE, Thema meiner derzeitigen Malerei. Seit Jahrhunderten haben namhafte europäische bildende Künstler, wie Tizian, Rembrandt, Slevogt, Klimt u.a., sich mit diesem hinreißenden Mythos auseinandergesetzt. Und nun hat’s mich wirklich enorm gepackt. Es ist mein Thema, evtl. mein Lebensthema: die Frau, ihr Weggesperrtwerden durch das ‚solare Prinzip’, hier durch den Vater, der sich vor ihrer Frucht fürchtet. Trauer, Verzweiflung und dann in tiefster Not die Hingabe an das göttliche Licht, hier an den Goldregen des Zeus, den sie in ihren Schenkeln aufnimmt. Die Verwandlung setzt ein, die Frau  erwacht und wird sich erneuern durch Hochzeit, Geburt, Kraft und Leben.
In mir brodelt es gewaltig.
Nun ist es überdies so eigenartig aufwühlend, dass ich seit einigen Jahren in dem erweiterten Bewusstsein lebe, dass ich die kleine Liebe nicht mit der großen verwechseln will. Es kann mir nicht um die Befriedigung der Lust, der Hingabe an den Mann gehen und damit basta. Nein, es geht mir um die Berührung der Stille hinter unseren Paarbeziehungen über die sexuelle Öffnung. Und hier geschieht etwas Ungeheuerliches:
Es gibt Auffassungen der Paradies-Legende aus der Zeit vor Christi Geburt, die besagen, dass Eva keine Sünderin war, wie unsere Kirche behauptet, sondern eine Heldin und dass sie Adam den Apfel als Heilige gab und so dafür gesorgt hat, dass sie beide zur göttlichen Erkenntnis fanden und dass die Schlange die sexuelle Kraft repräsentierte, die Eva zu diesem Schritt ermutigt hat. Maria-Magdalena, die Geliebte von Jesus, war eine Hohepriesterin der Liebe, die in der Lehre des Isis-Kultes der Ägypter ausgebildet worden war. So konnte sie Jesus stärken, ihn über die gewonnene Energie durch die tantrische Praktizierung der kleinen Liebe kräftigen, um den schweren Weg zu gehen, der ihm auftrug, die göttliche Liebe an die Menschen zu vermitteln und die daraus resultierenden Folgen zu ertragen. Maria-Magdalena war eben keine Hure, wie uns die Kirche sagen möchte, sondern die Weiblichkeit pur in allerschönster, weitester und höchster Form, von der wir heute nur noch ein blasses Bild erahnen können.
Aber immerhin, in uns gibt es keine Ruhe, bevor nicht das ‚lunare Prinzip’ zu seinem Recht findet. Das immer wieder zu Boden geknechtete Weibliche ist so wunderbar stark, dass es sich nicht wegrationalisieren lässt und im Zweifelsfall zur weiteren Zerstörung führt, und endlich den ihm gebührenden Platz erhält, um gemeinsam mit dem ‚solaren Prinzip’ zu verschmelzen und  zu leuchten.
Ich werde nicht müde, la luna in meiner Kunst zu rühmen. DANAE soll den goldenen Regen des Zeus in sich aufnehmen und nicht glauben, dass sich dieses Licht mit dem Gold  des Geldes verwechseln ließe, was in dem Bild von Max Slevogt  verdeutlicht wird.
‚Joven’, ja klar, jede Frau kann nicht anders als aus oben genannten Gründen die Erotik aufrecht zu erhalten, solange sie kann. Die wahre Erotik ist dem Schöpferischen verpflichtet, was im „Gastmal“ von Plato durch Diotima vorgetragen wird,  nicht umsonst von einer Frau!
Auch wenn in unserer Gesellschaft die Erotik zur blanken Sexualität verkümmert, lässt sich la luna nicht klein kriegen.
Die Aufrechterhaltung dieser Kraft treibt oft die merkwürdigsten Blüten in manchmal höllisch pervertierter Form.
Dennoch gilt meine Sympathie jeder dieser weiblichen Eskapaden, da sich in ihnen doch eigentlich nichts als die Sehnsucht nach der Hingabe der DANAE äußern möchte.


ma rose 8/08

Spätsommerliche Sonne beherrscht den Raum unserer Stadt. Vor dem Café sitzen Leute, die ihr ‚Zigarettchen' in Ruhe ‚genießen' können. Innen im Café sitze ich zurzeit solo; den Menschen tut die Sonne gut. Das Wetter ist heute wie ein Erwärmungsbad für die Seele. Lange war unser Hochsommer grau, kühl, nass, - jetzt baden wir in Licht und Wärme, dürfen die noch sommerliche Natur wahrnehmen und unsere Seelen ein wenig aufrichten. Als hätte mich die Erde wieder, - allerdings auf einer neuen Ebene -, eine 3-Monatskrise liegt hinter mir und wird mir bewusst.
Eine neue, frische Wahrnehmung liegt mir zu Gebote, weiter, tiefer, stiller. Wie wohltuend, dass ich wieder schreiben möchte! Als hätte ich mir stillschweigend verboten, im letzten viertel Jahr etwas schriftlich zu fixieren.
Was dabei für meine Bilderwelt herausspringen wird, ist nicht absehbar, da ich noch nicht spüre, was da als neues Geschenk herausgearbeitet werden möchte. Innerhalb der Krise habe ich eine Reihe von Rosenbildern mit ‚Begleitmusik' erarbeitet:

1. 8mal eine Rose in Öl auf Leinwand, aufrechtes, mittelgroßes Format, - Serie 18/R-.
2. eine Mappe mit 40 Blättern, Tuschpinselarbeiten in Chinatusche auf Japanpapier, Zeichen und Texte-, mit dem Titel "ma rose".
3. eine kleine Anzahl homevideos auf CD-Rom, eine Art Tagebuchporträt.
4. einige, etwa Din/A4-große Zeichnungen mit Texten, die bei Hans am Tisch entstanden, wie so viele meiner kleineren Arbeiten.

Mein Traum wäre es, diese Produkte in einer bescheidenen, weißen Galerie versammelt auszustellen: die Ölbilder an die Wand, die Zeichnungen einleitend oder auf lockernd dazwischen. Eine Bildernische stelle ich mir vor, die an ihrer hinteren Wand mit einem Flachbildschirm versehen ist. Auf ihm sollen in gleichmäßigen Zeitabständen meine Tuschpinselarbeiten sichtbar werden, dazu der jeweils entsprechende Text, von mir zuvor auf Tonband verlesen, zu hören sein. Das Tryptichon der Serie "R", ein im Einzelbild etwas kompaktes Format, könnte in nicht allzu großer Entfernung zu dieser Bildernische hängen. Die kleinen Tagebuchvideos stelle ich mir auf einem im Grundriss quadratischen, eher kleinen Sockel mitten im Raum vor. Dort sollen sie, etwa in Bauchhöhe, leise vor sich hin plätschern/ plappern. Bei größeren Räumlichkeiten wäre eine schöne Alternative zu der Bildernische, alle Blätter der Tuschpinselmappe an einem nahezu unsichtbaren Perlonband kurz vor der Wand mit Holzwäscheklammern anzuklammern und dann jeweils unter jedem Blatt dessen Text, jetzt in zurückhaltender Computerschrift zu wiederholen, dass durch eine leise Zuordnung die Texte auch rückschließend auf den Blättern wahrgenommen werden können. (Sie sind zum Teil schwer zu lesen). Dazu den Gesamttitel mit den übergeordneten Daten.
Nun haben Hans und ich vor, zu der kürzlich vorgenommenen Neuaufwertung seiner Praxisräume und seinem Entschluss, weiterzuarbeiten mit offenem Ende, eine kleine Feier zu veranstalten: evtl. der Titel "25 Jahre, und es geht weiter". Zu diesem Anlass eine entsprechend kleine "Rosenausstellung", mit dem Titel" ma rose". Hierzu würde ich dann wohl vornehmlich die Bilder auf Leinwand und die Zeichnungen zeigen.

Das ganze Geschehen der Arbeit mit der Rose rankt sich – wie könnte es anders sein – um das zarte Thema der Vergänglichkeit. Schon vielfach in der Kultur- und Kunstgeschichte der ganzen Erde bemüht, habe ich diese Thematik im vergangenen Zeitraum so intensiv empfunden, dass es heraus musste, mit den entsprechenden Gestaltungen. Hans hat's auch erwischt. Wir sind ständig mit diesem fundamentalen, schönen Stoff beschäftigt, in unterschiedlicher Form. Etwas peinlich ist uns dabei, dass erst jetzt, wo's knapp wird mit der Zeit -sprich: scharf zu erkennendes Lebensende-, das Thema beginnt zu brennen. Dabei wär's so wunderbar, hätte man schon als kleines Kind gelernt, dass die Endlichkeit dieses körperlichen Daseins so empfindlich begrenzt ist, so ungeheuer verletzlich und uns sekundenschnell gefährdet. Diese kaum zu fassende hohe Verletzlichkeit unseres irdischen Daseins ist eigentlich wie ein Beweis dafür zu erkennen, dass es auf den Bestand und die Erhaltung dieses fleischlichen Daseins nicht ankommen kann! Und dennoch besteht unsere Kultur- und Religionsgeschichte, ja sogar weitgehend die Geschichte der westlichen Philosophie, aus dem wohlgemeinten Bemühen, genau dies auf mehr oder weniger tiefe, amüsante oder verzweifelte Art und Weise zu fixieren und uns immer und immer wieder mit diesem angestrengten Vorhaben zu überschütten, sodass wir schließlich derart imprägniert sind, dass es fast unmöglich scheint, dort auszubrechen.
Seit etwa einem Jahrhundert hat sich nun auch im Westen etwas daran geändert. Mit dem Aufkommen der fundamentalen Psychologie, der Hinwendung zur östlichen Philosophie von großen Künstlern, Ärzten und Philosophen, mit der Öffnung des spirituellen Raumes unseres festgezurrten Abendlandes, entsteht für uns eine neue Möglichkeit, aufzuräumen mit dem eingeübten Wegschauen vom Tod, vom minütlichen Sterben mit der Schönheit der Vergänglichkeit. Die große, äußerliche Gegenbewegung im Sog des Materialismus ist allerdings derart radikal, dass die Anforderung an den einzelnen scheinbar so hoch ist, dass sie sich in diesem neuen Bewusstsein wiederum zu Gruppen zusammenschließen und nicht merken, wie sie dem alten Moloch erneut auf den Leim gehen, - gerade auch in spirituellen Kreisen mit ‚Niveau'!
Aber: es ist möglich, JETZT !

In dem tiefen Wunsch, dass ‚meine Rosen' einen kleine Beitrag zu dieser Möglichkeit liefern, sehe ich jetzt auf diese Arbeit zurück.
" die vergebliche Anstrengung unserer Dämonen,
deiner Gegner, liebste Rose, -
gegen die tödlichen Schwerter deiner Dornen,
im weißen Licht
deines schwarzen Blutes "

Die späte, lichte Wärme treibt uns noch die schönsten Rosenblüten aus in unserem Garten.


Kunst und Leben 1/08

Die Zeit wird immer kostbarer. Welch' kosmischer Witz! Wovon wir wenig haben, meinen wir, würde es kostbarer. Da wir das Seltene lieben, weil es einziger, origineller ist, bezahlen wir auch mehr dafür. Dafür gibt es ganz schlichte Beispiele, wie z.B. im Fischhandel die Schillerlocke. In meiner Kindheit galt sie nahezu als Fischabfall und lag auf jedem alltäglichen Tisch zum Abendbrot wie eine Tomate. Heute gilt sie als Delikatesse, da sie nahezu abgefischt ist. Ähnlich mit dem damals vulgären Rotbarschfilet, gab's an jeder Pommesbude, heute ist es caro.

Und die Zeit wird knapper gegen Ende des Lebens, was auch den jungen Menschen zurzeit sehr präsent zu sein scheint. Und auf einmal kommt dieser Drang, noch schnell wichtiges tun zu wollen, schnell noch das kreative Potential nutzen, was mir geschenkt ist, schnell noch in der Liebe handeln, was mir immer noch so schwer fällt und ich gleichermaßen so sehr ersehne. Und in diesem Zusammenhang kam mir soeben beim einleitenden Tagebucheintrag des Datums der Schreibgedanke, ab heute, ab jetzt, immer neben das Datum den Ort und die Zeit zu setzen. Da nicht nur die Tage, sondern jede Sekunde in jedem Licht zählen und in dieser Einzigartigkeit kostbar sind.

Welch' ein Witz, wenn ich hinter mich trete und mein strampelndes Ich betrachte, wie es jetzt, kurz vor Schluss der Vorstellung, zetert! Diese psychologische Zeit, an der wir all unser Planen und Erinnern messen, es gibt sie gar nicht. Wie es mir klar wird, wenn ich das eifernde Geplapper der neben mir sitzenden jungen Frauen wahrnehme. Eine klagt und beschwert sich und zieht die anderen in ihre Klage mit hinein, dass der Sog in die Ichhaftigkeit schließlich in die Befriedigung der Egos mündet und eine dumpfe Atmosphäre entsteht, die nichts mit Ruhe zu tun hat, schon gar nicht mit Stille. Die Stille ist ohne Zeit, sie ist der Raum, in dem Zeit stattfinden kann, ohne dass sie ihm schadet. In ihm gibt es keine Angst vor dem Ende irgendeiner Zeit, einer Lebenszeit, einer Hochzeit, einer Freizeit. Aus diesem Raum der Zeitlosigkeit heraus ist es einerlei, wo genau ich bin, ob ich die Minuten und Sekunden zähle, ob ich jung oder alt bin, gesund oder krank, reich oder arm. Die Frauen sind fort, das Geplapper ist jetzt ersetzt durch eine Gruppe leerer Sessel mit Stille auf ihnen. Was war? Was ist? Nichts ist, sagt der Weise.

Mein alter Wunsch nach einem Dreh' eines Kurzfilms aktualisiert sich gerade: Vorübergehende Passanten im eigenen, ihnen entgegengehenden Schritt zu filmen und dabei einfach die Tonaufnahme laufen zu lassen. Es werden dann Gesprächsfetzen aufgenommen, die sich leise bis laut ins Bild hinein und dann umgekehrt von laut, lachend etc. bis leise verschwindend wieder aus dem Bild heraus schleichen. Und es bleibt: die Stille,...., bis zum nächsten entgegenkommenden Passanten.
Wieso wird eigentlich so wenig über das Ich der Künstler geschrieben? Man sagt zwar, er hatte ein schweres Leben, oder er war unterhaltsam oder sie war eine depressive Frau, die im Irrenhaus gelandet ist. Rilke sagte von sich, wenn er ein Werk vollendet hätte, käme die Zeit, in der er es einlösen müsste, mit dem realen Leben.

Dieses Phänomen erlebe ich in unterschiedlicher Form immer wieder und zunehmend intensiver. Da die Kunst der Wahrheit dient, ist die Künstlerpersönlichkeit in der Regel hinter seinem Werk her. Wenn ich z. B. positive, offene, leichte Bilder schaffe, kommt nach einer kurzen Hochphase in der Regel die Gegenbewegung, die ich dann dummerweise werte und mich schlecht mache, mich anzweifle. Anstatt endlich einzusehen, dass diese durch den Vorgriff auf Wahrhaftigkeit ausgelöste Krisen goldwert sind! Gold wert auf dem Weg der Erkenntnis. Denn ich war schon immer daran interessiert, dass nicht nur mein Werk, sondern mein ganzes Leben in dem Licht der Wahrhaftigkeit baden darf, dass jeder kleinste alltägliche Akt in dieser Erkenntnis ausgeübt wird. Nicht hier Kunst und da Absturz, wie es, besonders in Europa, vielfach gelebt wurde – van Gogh, Kirchner, viele Surrealisten,Schubert, Hölderlin, Wols, Kippenberger, Yves Klein, u.a.m. – geniale Künstler, die ihr Ich einfach missachtet haben. Die alte ostasiatische Idee für die Kunst als Weg zum Licht, und natürlich für den ganzen Organismus, was sonst. Haben etwa Jesus, Papayi o.ä. am Tage weise gelehrt und sich abends besoffen?

Also meine Seele, sammle Kraft, um dich an der Kunst, die entstanden ist, zu entzünden. So kann sich der Weg zum Licht fortsetzen, ohne die Gefahr des Scheiterns, was so vielen Künstlern die größten Sorgen macht. Nein, das Scheitern fällt flach, wenn du den Schock für das Ich, der durch das entstandene Werk ausgelöst wurde, einsetzt für die Entzündung am Feuer, das durch das Werk über dich selbst entfacht wurde. Du lässt diesen Schock – Angst, Trauer, Zweifel, Wehmut, Zerstörungslust – in die Endlostiefe deines seelischen Schachts fallen, ohne diesen Fall zu stören, ohne sich ihm im mindesten zu widersetzen. Damit aus dem Nullzustand des sich am Ende auflösenden Falls eine neue Flamme des spirituellen Lebens entstehen kann, die dich zu neuen Ufern bringt. Sie öffnet dir immer wieder den Raum, in dem es keine Zeit gibt und in dem wir lächeln können. Dieses Lächeln ist kostbar wie ein Schatz, kostbarer als jede Sekunde meines begrenzten Lebens.

Dieses ist der Weg des Feuers und des Schwertes und ist mit Flachware als so genannter Kunst nicht zu beschreiten. Denn wenn Kunst nichts weiter auslöst als Gefallen, hat sie überhaupt keinen Sinn, weder für den Betrachter noch für mich. Sie muss beunruhigen oder zumindest zutiefst berühren, und wenn sie 'schön' ist, muss sie vor Schönheit Mauern einreißen. So gesehen ist mir das Leben wichtiger als die Kunst. Es käme also darauf an, nicht die Kunst ins Leben zu integrieren, sondern das Leben in die Kunst.




...die Jahre fliegen dahin, und es gibt nur eins, dies in Gelassenheit hinzunehmen, nämlich mit Ramana Maharshi zu fragen:

"NAN YAR ?"  ("Wer bin Ich?"),

sonst nichts, gar nichts.

Alles, was wir sonst noch unternehmen, und sei es noch so erweiternd, bereichernd oder erheiternd, kann uns nicht wirklich zur Quelle bringen. Es gibt durchaus Tätigkeiten, die näher dran sind – oder zumindest durch ihre Eigenart prädestinierter sind als andere, Zustände zu evozieren, die eher verwandt sind mit dem Fallenlassen der oben gestellten Frage in den tiefen Brunnen unserer Seele. Natürlich denke ich ans Tanzen, Lieben, Malen, Musizieren, in der Natur Sein, Schreiben u.a.m. Aber stimmt das denn? Diese Tätigkeiten beherbergen zwar die Schönheit der Ekstase, diese kopflose Zuständlichkeit, die uns leicht macht und in die große Liebe eintauchen lassen kann. Aber ist es Das denn? Wieso gab und gibt es Weise und Erleuchtete aller Art und an Orten aller Couleur?  Könnte mir nicht ebenso das wesentliche Licht aufgehen, während ich einen Apfel zerschneide, die Tür öffne oder sonst was? Ist es nicht sogar eine Falle, sich vornehmlich mit angeblich der Ekstase förderlichen Tätigkeiten zu beschäftigen? Was ist, wenn ich nicht mehr tanzen kann? mich nicht mehr bewegen kann, um mich in einem Darshan  an der  Flamme eines Erleuchteten zu wärmen? Ist es nicht gerade auf diesem terrain von Wichtigkeit, sich in Demut zu bewegen? Nichts ist abscheulicher als Leute mit erhobenem Kinn, nur weil sie tanzen, Kunst produzieren o.ä. Wenn es gelänge, hellwach  und aufmerksam bis in die feinsten Wahrnehmungsnerven zu sein, bräuchte man also nichts zu tun oder könnte irgendetwas tun?

Vielleicht sitze ich deshalb so gern in Cafés. Hier brauche ich nichts zu tun und bin doch vollkommen beschäftigt. Die Freiheit von Gedanken, die wir uns alle so sehnlichst wünschen, sei nur in Gnade zu erfahren, sagen uns diejenigen, denen es geschehen ist. Ist es also einerlei, was du tust? Merkwürdig immer wieder, dass diese Erwachten dennoch behaupten, du könntest das Getrenntsein aufgeben, wenn du nur für eine Sekunde still sein würdest, meint den Verstand und jegliche Konditionierung abwerfen. Übungen unterschiedlicher Art  werden uns angeboten. Wieso? Führen sie uns an der Nase herum? Gangaji sagt, wenn man erwacht ist, sei das Herz so voll, dass man zu den Menschen sprechen muss, aus Liebe.
Das kann ich ein wenig verstehen. In kleiner Form ähnelt mein Motor, Kunst zu machen wohl diesem notwendigen Verlangen, sich mit der Verbindung zu dem Großen an die Menschen zu wenden. In einigen Fällen gelingt es mir, die Menschen mit meiner Kunst zu erreichen, aber.....

Es ist etwas Schönes und Schmerzhaftes zugleich: meine Schrift. Seit meiner Kindheit bis heute: alle mögen meine Schrift, auch Menschen die wenig mit meiner Kunst anfangen können. Könnte ich nur so malen wie ich schreibe. Wo ist der Unterschied? Beim Schreiben transportiere ich einen Inhalt aus dem Innern aufs Papier. Die Schriftgestalt ergibt sich sozusagen von selbst. Nicht ein einziges Mal denke ich über ihr Gelingen nach und erfreue mich sogar selbst an ihrem Fließen, ähnlich wie beim Tanzen. Meine Schrift ist, wie der Tanz, mein Geliebter. Sie gibt mir die Möglichkeit, lebendig zu werden, Inneres zu äußern, was sonst verborgen bliebe und unbeachtet wieder versinken würde.

Beim Malen müsste ich – wie beim Schreiben- die Technik viel stärker als bisher nur als Transportmittel benutzen, noch weniger auf die Qualitäten von Farbe, Farbträger etc. achten.

Möglicherweise verstehe ich immer mehr, dass die Zen-Maler keine Farbe genommen haben, nur schwarze, aus Holzkohle angeriebene Tusche auf weißem Papier mit einem Pinsel, der dem inneren Ausdrucksverlangen sehr sensibel zu Gebote steht. "Arme" Materialien, die nicht ablenken vom Inhalt, der geäußert werden will, die in der Lage sind, für den größten inneren Reichtum gerade zu stehen.

Ob ich eines Tages nur noch in dieser Sparsamkeit arbeiten werde?

Es macht mir bisher immer wieder sehr viel Freude, z.B. ein Rot anzurühren und es mit einem satten Pinselstrich auf die Leinwand zu streichen. Es ist so erotisch, so reich, so voller Leben, aber ist eben zugleich sehr fordernd, Beachtung fordernd. Energien werden freigesetzt, Feuer wird entfacht, und möglicherweise wird die große Stille zu sehr beeinträchtigt. Vom Raum des Brunnens, in den die Frage, "NAN YAR" fallen soll, -  deren Auslösung ja eben auch das Anliegen meiner Bilder ist, wird evtl. zu sehr abgelenkt.

Hab gerade 2 Triptychen erarbeitet. Das erste mit nur Einmalspuren, der eben gestellten Forderung entsprechend. Dann beim 2. wurden es wieder einmal unendlich viele Spuren, Überlagerungen, Schichten. Ist denn die westliche Schichtenmalerei Ohnmacht vor der dichten Aussage? Ist der ganze Amseln Kiefer so zu sehen? Aktivismus statt Konzentration auf Wahrhaftgkeit? oder kann jeder Strich der Überlagerungen in vollster Hingabe ein in den Brunnen gefallener Strich der Frage von NAN YAR sein?

Wieder diese Fragen ohne Ende.

Sei still. Male in Demut in deinen Grenzen und frage: WER MALT?


Fall 11/07

Wie selten ich schreibe! und wo ich’s doch so unendlich gern tue! Wie wenige Menschen ich spreche und kenne! Wo ich’s doch so unmäßig gern möchte! Wie selten wir in der großen Liebe sind, obwohl ich doch so unermesslich darauf brenne, zu lieben! Schon als Kind war mein Herz größer als alle meine anderen Körperteile! Also,......Ich weiß, ich weiß, ich soll die tödliche Frage nicht stellen: Warum? Sie führt uns in die Irre, in den Sumpf des Begreifens und hindert gleichzeitig am Erkennen! Und nur darauf kommt es an, NUR  darauf.

Es gibt eine einzige Frage, die wahrhaft gestellt werden kann: Wer bin ich? oder auch: was ist es, was du wirklich willst? Beim Nachsinnen dieser Frage, ohne zu denken, kommst du unweigerlich zur Quelle des Seins, du berührst dort die Liebe, die große, die Ruhe des Herzens. Alles andere wird blass in seiner Notwendigkeit gegenüber dieser Frage.

Im Aufschreiben dieser Worte spüre ich, wie meilenweit ich noch von der Berührung mit dieser Wirklichkeit entfernt bin!

Aber eben beim Malen oft nicht:
Es ist  ein neues Triptychon entstanden: 150x100, schwarzer Grund, weiße Geometrie, rote gestische Spuren, Grafitkritzelei und 3 Worte, ja/danke/bitte. Spannung und eine enorme Ruhe beim Arbeiten in mir. Noch 2 weitere 80x100, nur mit Ja, sonst wie das Triptychon. Allerdings ist bei dem einen die rote Spur dichter, fließend, wie ein Blutregen. Schmerz, immer wieder Schmerz, der Schmerz! All die herausgefundenen Gründe in meinem Innern, in meiner Geschichte, in der Geschichte von uns allen! Seit 20 Jahren wühle und arbeite ich an diesem Phänomen!

Bei der erneuten Lektüre von Om.C.Parkin’s Buch ‚Auge in Auge mit dir selbst’ ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass dieser Schmerz, all die Facetten dieses Schmerzes, (Verstrickungen, Ängste, Wünsche, Traumata, Defizite, Verluste, Schuld ) auf einen großen Schmerz zurückzuführen sind. Oder anders gesagt: der große Schmerz der Trennung, über das verlorene Paradies – der Schmerz über das Getrenntsein von der großen Liebe – bleibt. Und er ist es, den die guten Therapeuten, die ja Heiler sind, im Auge haben, mehr oder weniger bewusst. Nur dieser Schmerz interessiert mich heute. Mach dich bereit, mein Herz, für die Erkenntnis! "Erkenne das Feuer und bewahre es, bis du brennst" Dies ist ein Spruch von 25 Sprüchen auf Blättern meiner gerade entstandenen Mappe "fall". Die Amerikaner sagen zum Herbst "fall", was mir so sympathisch ist. Es passt sehr zur Mappe, zumal, da sie am 9.November fertig wurde und dieses Datum trägt - 1938 die Reichskristallnacht vom 8.auf den 9. November -, die Blätter wurden am 8. Nov. fertig gestellt. Eine Woche habe ich an ihnen gearbeitet. Sie sind in gewisser Weise hart, da sie ohne Umwege auf den großen Schmerz oder eben auf die große Liebe hinter ihm, verweisen.

Am 8. und 9.11. war draußen graues Sturmwetter. Ich habe ohne Licht und ohne Musik gearbeitet und war von innen wie erleuchtet. Tiefe und Klarheit, Feinheit und Sicherheit flossen durch mich hindurch. Es war ein Erlebnis, das mich mit großer Dankbarkeit erfüllte. Umso größer war dann der Kontrast im Alltag, als die Gegenkräfte mich wieder in die alten Bahnen zwingen wollten.

Es war eine Auseinandersetzung mit dem Sterben. Mit dem Tod möchte ich mich befreunden, als meinem Meister, ihn annehmen ohne zu argumentieren. Wie die Millionen Blätter zur Zeit, die von den kleinen und großen Bäumen fallen, einfach fallen, ohne den leisesten Widerstand, schweben, wirbeln, tanzen, je nachdem, aber immer fallen und dort, auf der Erde in den Kreislauf übergehen, in dem sie ja schon sind.


Schreiben 11/06

Der Titel für dieses Tagebuch müsste "Café Balzac" sein, da  ich genau wusste, nur hier werde ich es verwenden:
Diese Straße, Lüneburgerstaße, ehemals Einkaufsmeile Hamburg-Harburgs, hat Morbides, ist zeitgemäß heruntergekommen und drückt so gut das Sterben aus, das ich so dringend erlernen möchte. Nebenan, in Bahnhofsnähe, ist jetzt das Phoenixcenter aufgezogen und stillt die aktuellen Konsumbedürfnisse ohne flair, gleich neben den riesigen Phoenixhallen vom Mäzenpabst Harald Falkenberg, der hier seine große Kunstsammlung beherbergt, von dem die Leute hier leider nichts wissen. Sie rümpfen nur die Nase über den verwahrlosten Zustand dieser Straße und erheben sich über die Leute, die hier noch verweilen. So ist eine Hierarchie wieder hergestellt, und alles hat seine Ordnung, unter der das Feuer lauert, um sich weiter in die Arroganz der Herzen zu fressen. Die Schönheit dieser sterbenden Zeile, in der noch gekämpft wird, Unternehmen von Rang und Namen neben Ein-Euro-Shops, die Unsicherheit über das Morgen der schönen, alten Bürgerhäuser, Menschen aller Couleur.
Hier kann ich schreiben.
Von draußen dringt Baulärm, der den Sound vom Ausschank übertönt und zusammen mit dem Geschwätz der jungen Ausländer meinen Gedankenfluss zur erneuten Anstrengung treibt, auch beim Schreiben hinter das Gehirn zu gehen, um die Wörter zu finden, zu kleinen Gebilden zu formen und so eine Korrespondenz zu initiieren, von Hier zu Jetzt.
Wie wunderbar, wenn die Linie der Schrift aus der Feder auf das Papier fließt und gleichzeitig eine Transformation stattfindet, die leicht und still macht. Es formt sich Energie in Wörter, die sich dann aneinanderreihen zu Gedanken, Sätzen. Was passiert? Es will etwas heraus, aus dem Körper, was sich zwischen dem Inneren und dem Äußeren reibt und dann abgelegt wird, in den seelischen Bereich. Diese Ablage geschieht unbewusst. Daher ist der Ort dieser Ablage einem Chaos vergleichbar, evtl. sogar einem Papierkorb. Wenn der dann voll ist und nichts mehr hineinpasst, will er geleert werden. Es gibt dafür mehrere Möglichkeiten: auf pervertierte Art Oberflächengespräche führen, streiten, schreien, schimpfen. Allerdings wird dadurch kein Seelenfrieden erzielt, nur vorübergehende Verschiebungen. Das Abgelegte ruft nach Aufhebung durch Gestaltung. Erst durch die intuitive Gestaltung, der Neuordnung und Neuformung wird Ruhe geschaffen und Raum für neue Eindrücke. Es ist eine Art Lust dabei im Spiel, die Wärme erzeugt, da Energie aufgebracht wird. Es ist eine unangestrengte Konzentration auf die Ebene hinter dem Ich. Mir ist jetzt z.B. bewusst, dass ich über das Schreiben schreibe, weiß aber in diesem genauen Moment nicht, welcher Gedanke gleich diesem folgen wird und hatte auch beim Ansetzen dieses Eintrags noch keine Ahnung von diesem Text. Der Prozess ähnelt dem des Malens oder Zeichnens, wenn ich ihn als wertvoll erachte. Das Tun ist dann eine Art lustvolles Nichttun, bei dem etwas entsteht, was sich in dir zeigt, dem du dann eine Form gibst  und bei dem du gleichzeitig zuschaust. Das Gehirn wird sanft angestrengt, eher durch die Konzentration leise angeregt zu fließen. Es gibt da auch ein plötzliches Innehalten, wenn ich spüre, dass die innere Verbindung zum gerade sich formierenden Worte nicht stattfindet. Mit der Zulassung der sich ergebenden Worte ist ein gleichzeitiger Beobachter präsent, der aber derart in Schach gehalten wird, dass er nicht zum ausbremsenden Kritiker wird. Durch diesen Prozess wird Energie freigesetzt, Atmung wird ins Fließen gebracht, es entsteht eine Leichtigkeit. Wenn ich nach einer Schreibeinheit zurück auf die Straße gehe, bin ich erfrischt und freundlich. Während ich schreibe, nehme ich die Atmosphäre um mich herum meditativ wahr. Alles darf sein, wie es ist, nichts stört mich, da ich nicht auf der Ich-Ebene verweile.

Schon seit geraumer Zeit habe ich ein tiefes Verlangen, zu schreiben. Wenigstens im Café. Hier erlaubt mir der Rahmen auf so unverhohlene Weise, mich zwanglos mit nichts zu beschäftigen, außer schauen, sitzen, den kosmischen Reigen einfach wahrzunehmen, ohne eine Erwartung im Nacken und in dieser Einbettung eben zu schreiben. Wenn Es kurzfristig nicht mehr fließt, bewegt sich die Umgebung weiter und ich kann in Ruhe innehalten, um mich zu gegebener Zeit wieder dem Überfließen zuzuwenden, um ihm Gestalt zu verpassen. 
Schön wäre natürlich, wenn sich beim Leser dieser Texte die Stille einstellen würde, die mich beim Schreiben befällt wie ein wunderschöner Nebel. Das wäre mein Herzenswunsch. Neulich sprach mich ein schlichter Mann hier im Café an und drückte genau diese Ansteckung aus. Er hatte die Texte gar nicht gelesen mir aber beim Schreiben zugeschaut........


danach 2/06

Dieses Mal war die Wirkung des abgeschlossenen Werkes auf mich gewaltig:
Zunächst segelte ich noch in der Schwingung der Einheitlichkeit des Tuns aufgehoben, das sich mit dem Feuer der Liebe beschäftigt hatte. Sehr häufig, so auch heute, war ich beschwingt nach Beendigung des Bildes und wie ein Kind zufrieden mit meiner Arbeit. Aber dann, wie so oft, holte mich der Gegenschlag ein. Aus einer Nichtigkeit heraus riss ich die soeben erlebte Schönheit in Stücke, (nicht das Bild), vernichtete die goldene Atmosphäre der Liebe, und leitete eine Krise ein....
Später, im grauen, dunklen Gegenstrom gefangen, besah ich mir mein Werk und verharrte beschämt vor meinem eigenen, lebensbejahenden Bild und schwieg verzweifelt. Der Feind hört eben immer mit. Jede Arbeit muss von meinem dummen Ich erst eingelöst werden. "Ein wahrer Künstler begegnet seinen Figuren erst, nachdem er sie geschaffen hat" (Elias Canetti).
Also will ich mich vor dem Strom verneigen, der da durch mich geflossen ist und mir dieses Stück beschert hat, bei dessen Umsetzung dieses Mal die Zeit so wunderbar stillstand für 9 Stunden im Stück .


Danae 12/05

Goldregenblätter fallen in den Schoß des Blau. Die zutiefst deutsche Farbe, Blau. Das Blau der gotischen Himmel, das Blau des Mantels von Maria, das Blau der blauen Blume der Romantik, das Blau des Blauen Reiters. Der vom Vater verbotene Schoß der Danae empfängt die sexuelle Kraft des großen Zeus, die Männlichkeit pur, in Form von Goldregen, und die Hochzeit ist vollzogen. Der goldene Himmel des Mittelalters fällt in das Blau der Sehnsucht und verwandelt sich nur scheinbar. Die Farbe des Goldes fällt in das blaue Meer. Auf seinem Urgrund hätte das gesunkene Metall eine Chance zur Verwandlung. Der Schoß der meisten Frauen im Abendland ist nicht von Lust, sondern von Sehnsucht geprägt; Blau statt Rot.


Plato 2/05

Gestern lese ich, dass schon 5 Jahrhunderte v.Chr. Plato gedacht hat, dass die Idee in Verbindung mit dem Sein größeres Gewicht hat als jegliches Ding. Auch auf die Natur wird diese Ansicht bezogen. So ist der Baum z.B. in seiner materiellen Existenz unwesentlich. Er existiert, ob lebendig oder tot, nur in seiner Wesenhaftigkeit. Von hier aus lehnt Plato den Wert der bildenden Kunst weitgehend ab, da er von der abbildenden Kunst ( Mimesis) ausgeht. So gesehen stellt er die Malerei sogar noch hinter das Handwerk. Bei einem Hersteller z.B. eines Stuhls ist immerhin noch eine Idee vorangegangen. Der Maler eines Stuhles bildet doppelt ab: er schafft ein Abbild der Realisation der Idee des Stuhlherstellers. Es wäre so keine Verbindung zum hinter der Objekthaftigkeit des Stuhles existierenden Wesentlichen im Bild des Malers zu finden, der jetzt nur noch den doppelten Schein darstellt. Kunst wäre nur von Wert, wenn sie das Wesentliche darstellt.
So Plato, dann hätte doch unsere moderne Malerei, begonnen mit Turner, eine gute Chance bei Dir? Und ich: könnte endlich den inneren, widerstreidenden Dialog aufgeben, bilde ab, nimm die sichtbare Objektwelt mit hinein,- bilde nicht ab, verlasse Dich ausschließlich auf deine aufsteigende Intuition. Was ist es nur, das immer wieder in die fotografische Dimension zieht? Es kann sich doch nicht nur mit der europäischen Zentralperspektive begründen lassen, die sich in unserem christlichen Abendland mit dem subjektiven, zentralistischen Weltbild manifestiert hat - und sich noch nach Jahrhunderten nach ihrer Infragestellung immer und immer wieder durchsetzt. Man sehe sich die ganz junge Generation an: Figurative Ölmalerei ohne Ende! Ist es ein möglicherweise ernstzunehmendes Bedürfnis nach abbildhafter Form, was ja auch in Ostasien, bei Kindern, bei primitiven Völkern auf ihre je eigene Art geäußert wird? Und man sehe sich den verschwenderischen Umgang mit der Porträtfotografie in spirituellen Kreisen an! Wo doch gerade das Wesentliche nicht im naturalistischen Abbild gezeigt werden kann, was ja nun auch wirklich schon diverse wichtige Künstler geäußert haben?
Also was nun? Informel? Nicht denken? Einfach Malen? Oder was?
Die Bewusstheit dieses Problems ist hochgespannt und bereit erneuert zu werden, sich einer Wandlung zu unterwerfen. So gesehen ist die Erfindung der Fotografie nicht, wie André Bazin sagt, "die eigentliche Sünde der abendländischen Malerei", sondern hat eher ihre Erlösung eingeleitet.


Hans 2/05

Der Gedanke, dass alles Illusion ist, eben auch alle Musik, alle Bilder, jedes Wort, jede Bewegung, führt mich in eine Qual sondergleichen. Wie kann ich mich denn überhaupt noch des Lebens erfreuen, meine Kunst noch ernst nehmen?
Antwort von Hans: "Sei still und male"