Weihnachten, Berlin 12/07

Die Zeit rennt, und es gibt nichts, was diese Bewegung brechen könnte. Erbarmungslos bist du dazu verdammt, zu fallen, zu fallen, zu fallen. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, dieser Bewegung zu entgehen, und das ist die der Annahme dieses Sturzes. Sage Ja zum Fallen in den Endlos- Brunnen des Sturzes, des Absturzes aus der Scheinwelt in die Welt des Bewusstseins. Bist du bereit zum Sprung in die Leere? Hast du den Mut zum Totalrisiko? Bringst du die Disziplin auf für ein wahrhaft spirituelles Leben? Bist du süchtig nach Erkenntnis? Bist du bereit, die Anhaftung an all die schönen  und hässlichen Dinge und an die Gedanken deines Traumes loszulassen? Wie ein Ertrinkender mit den Armen nach Rettung im eiskalten Wasser schreit, muss deine Seele nach dem Feuer der Erkenntnis flehen und wimmern. Sei bereit, sei bereit meine Seele, für das Feuer der Liebe. Sei nicht mehr länger, was du siehst, denkst fühlst, sondern sei der Raum, in dem dies geschieht und erfreue dich an dem kosmischen Reigen deines kurzen, stofflichen Daseins, um von ihm, wenn es Zeit ist, wie ein Blatt vom Baum, ohne Gram und Angst, lächelnd Abschied zu nehmen, um dann zurückzugleiten in den Urgrund, in dem du ja schon bist. Wie leicht- in diesem Licht gesehen- ist jegliche Art des sogenannten Lebens. Den Schmerz erleben wir nur, wenn wir durch Gedanken an unsere Geschichte und seine Bedingungen Hürden und Zäune errichten, die sich vor die Schönheit stellen und in Wahrheit so machtlos sind. Denn ihre Macht kann durch einen einzigen Streich der Liebe fortgeblasen werden. Ein Lächeln, ein Blick in Kinderaugen, eine athmende Besinnung im Tanz genügen, um all diese Barrieren spontan zu stürzen.
Wie wenig selbst oder gerade bei vielen anerkannten Künstlern unserer Zeit die Berührung dieser Ebene mit ihren Werken stattfindet! Ein Beispiel dafür war die  documenta12 in Kassel. Ist es nicht die heilige Aufgabe der Musik, der Dichtung, der bildenden Künste, dem Menschen durch diese Berührung Linderung zu verschaffen, oder besser, seine Flamme durch das Feuer neu zu entfachen? Die Flamme am Leben zu halten, die jeder, mehr oder weniger verschüttet, in sich trägt und die sich entzünden kann, wenn der sie beherbergende Organismus bereit ist?

Auf meiner Weihnachtsreise nach Berlin war ich vornehmlich in zwei Ausstellungen. Im 'Haus am Waldsee' wurde Norbert Bisky ausgestellt. Einige Werke seiner Lehrer, Georg Baselitz und Jim Dine zeigten umso deutlicher durch ihre kraftvolle Präsenz, wie eigenwillig stark entfernt sich die Bisky-Bilder vom wahren Feuer gerieren. Sie sind technisch genial gearbeitet. Er ist ein hochtalentierter Könner. Die menschlichen Figuren in perfekter Ton-in-Ton-Malerei plastisch ohne zu zögern, mit lauten Farben ins Scheinleben naturalistisch evoziert, blieben völlig in diesem stecken und bringen daher nun wirklich nichts Neues. Außer dass sie, wie jetzt so viele junge Künstler, drastisch und betroffen von den Schreckensszenarien unserer korrupten Welt erzählen. Ja, erzählen, in naturalistischer Manier.
So gesehen ist Jonathan Meese eigentlich derjenige dieser Generation, der weiter ausholt mit seiner Idee des "overkills", die uns zur "Herrschaft der Kunst" katapultieren soll. In seinen monströsen Aktionen herrscht ein  auffordernder Wind, der eine Art Katharsis beim betrachtenden Teilnehmer auslöst.

Nichts davon bei Bisky. Sehr ähnlich geht’s mir bei dem, wenn auch wesentlich differenzierteren, ebenfalls erzählenden Neo Rauch. Die Sucht nach dem Festzurren unserer Geschichte beweist sich in der extremen Honorierung dieser narrativen Jungkünstler, die interessanterweise ihre Wurzeln in der ehemaligen DDR haben, wo ja die wahrhafte Freiheit der Kunst lange genug verboten war. Von daher sind sie persönlich entschuldigt, nicht aber ihre shooting-star-Hofierung  und die gigantische, zerstörerische Bezahlung ihrer Werke.

Wie wars nun dagegen in dem herrlichen Mies-van-der-Rohe-Bau an der Potsdamer Straße, in der Nationalgalerie? Hier wird zurzeit eine große Jannis-Kounellis-Ausstellung gezeigt. Das große, umglaste, auf Stahlpfosten gestützte Raumquadrat des Parterres der Galerie wurde von Kounellis mit über lebensgroßen, grauen und zugleich rußgeschwärzten, blaugrauen, schweren Stahlplatten zu einem Art Labyrinth bestellt, in das er dann einzelne bekannte und neue Werke hineinplaziert hat. Der anerkannte Riese der Arte-Povera, der seit jeher mit armen Materialien arbeitet, schafft hier einen Raum, der mich ganz und gar mitnahm und in mir diverse Sensationen auslöste. Die  Schönheit der sparsamen Farbe, die Zusammenstellung des Materials aus Alltags- und besonders Arbeitswelt, die wenigen Worte, die Verweise auf Geschichte , sowie seine/unsere Wurzeln ins alte Hellas, entlockten mir ekstatische Emotionen, die sich in bleibende Flammen verwandeln und mein Feuer der Wahrheit wieder neu entfachen konnten.
Wenn Jannis Kounellis, der Odysseus Griechenlands, sich auch seit Jahrzehnten in bestimmter, bewährter Weise auf die von uns schon oft vollzogenen Assoziationen beruft, hüllt mich doch sein kämpferisches, intensives künstlerisches Vorgehen derart ein, dass die Wucht seiner Aussage über seine Materialschlachten weit hinausweist.

Wieder in meinem Atelier in Hamburg ist mir dann ein Triptychon entstanden. Der Grund Zinkweiß. Die beiden Flügel rechts und links zeigen eine Art Chaos des Männlichen und Weiblichen. In der heiligen Mitte entstand ein Tisch mit zwei Stühlen, über denen sich die Wand durch ein Fenster zum Himmel der Nacht hin öffnet. Das ganze ist in eine Art Schneeraum eingearbeitet.Der Prozess der Arbeit an dem 100x240(3x80) breiten Bild trug eine Wandlung in sich. Zunächst ein weißes Ambiente mit Fensterkreuz, intellektuell minimalistisch mit schöner, blauer Sehnsucht belegt. Dann entstand aus dieser romantischen Szene eine Situation mit realem Ckarakter, einer orangen Tischplatte, pastell getönten Schneeflocken und einem Ausblick auf bewölktes Firmament, kurz eine Szene, die auf die Feier dieses Lebens verweist: 'hasta domingo'.  Ob der Verwandlungscharakter des Prozesses sich im Ergebnis niedergeschlagen hat, ob die große Liebe in der kleinen Liebe dieser Alltagsszene hindurchschimmert, was mein einziges Anliegen ist, wird sich zeigen, wenn Leute es anschauen.
Die Reise in die Metropole mit ihrem Charakter des Kontrastes von Glamour und Morbidität, von Oberfläche und Existenzkampf, hat das Bewusstsein für die Erkenntnis erneut bestärkt, dass für mich der Motor nur dort liegen kann, in der gnadenlosen Bereitschaft für den Sturz in den Brunnen der eigenen Seele.
Die Hamburger Deichtorhallen zeigen die neue Serie der ‚Russenbilder’ von Georg Baselitz. Hier konnte ich das Phänomen des Sturzes in den seelischen Brunnen wahrnehmen. Baselitz hat seine von Dogmen abhängige Jugend in der ehemaligen DDR lange genug sinken lassen, um sich jetzt in einer Art frühlingshaften Entladung auf großen Formaten in fast anmutiger Weise Luft zu machen. Wie in einem Sylvesterfeuerwerk lösen sich alte, schmerzhafte Muster auf und werden in lockerer, frisch hingestrichener Manier genial in die Luft gesprengt. Auf weißem  Grund verwandeln die Leinwandbilder die kühle Deichtorhalle in einen leichten Raum heller Spiritualität.

Pro sit 2008 !