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REGEN 8/10 (für Alberto Giacometti)
Der Hochsommermonat August im grauen Regen.
Keine Sonne, keine Wärme, kein blauer Himmel, keine blühenden Wiesen, keine Schmetterlinge, kein leiser Wind, kein göttlicher Schatten in der Hitze des Tages, keine warmen Abende vor dem Haus bei kühlem Wein, keine Gespräche am gurgelnden Ufersaum, kein Blätterrauschen der Silberpappel über unserer Bank am großen Strom.
Kilometerlange Autokolonnen schieben sich im Wochenendstau am heiligen Freitagmittag über die Autobahnzubringer des Stadtrandes. Es regnet in grauen Strömen. Radionachrichten zum Elend in Afghanistan, zur überschwemmenden Flutwelle in Osnabrück und allerlei ungereimtes Zeug zum Zustand unserer verwirrten Nation. Der Wetterbericht alle 10 Minuten. Straßenzustandsbericht ebenfalls alle 10 Minuten. Wenn wir nur genug spenden, wird’s ja wieder gut. Wir müssen uns nur gedulden, dann wird das Wetter schon wieder besser. Der Stau ist auch irgendwann zu Ende. Die Katastrophen werden schon bald wieder vergessen sein. Und dann ist das Leben wieder schön.
Eine Neurose unendlicher Qualität ergreift das Volk. Gerade seitdem die Lebensqualität bei uns nun so hoch ist, dass der Komfort nichts mehr zu wünschen übrig lässt, verstärkt sich unser neurotisches Gehabe um so mehr. Demgegenüber erscheint mir rückblickend die Zurückhaltung und Bescheidenheit der Nachkriegszeit nun doch nicht so schlecht. Zu dritt hatten wir Kinder uns einen Marsriegel von unserem Taschengeld gekauft und ihn, gerecht zerteilt-, irgendein Kind besaß, von allen beneidet, ein Fahrtenmesser-, wie ein Luxusessen irgendwo und geheim am Rande der Großstadtstraße vertilgt. Der Mangel entlockte Phantasie, Frohsinn und Gemeinschaft, humorvolle Frechheit, Mut und Individualität.
Was ist nur aus dem zunächst gesunden Bestreben des Wiederaufbaus geworden! Die geschürte Gier wächst sich zu fatalen Formen aus. Die Wegwerfgesellschaft hat uns fest im Griff. Es ist nicht mehr leicht, irgendetwas als einmalig zu erleben, wenn es schon angepriesen, vermarktet oder gar nachgeworfen wurde. Es wird immer schwerer, sich zu freuen, zu feiern, wenn man alles hat:
Nahrung in Überfülle, Gesundheit, Arbeit, ausreichend Geld, ein schönes Haus, einen Partner, Interessen, wohl gesonnene Nachbarn, Religionsfreiheit, Wahlrecht als Frau, relative Sicherheit durch Recht und Demokratie.
Wenn nun alles noch besser, noch reicher, noch freier würde, mit noch mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Zeit, mehr Liebe, mehr Sex, mehr Reisen, besserem Wetter, größeren Autos, mehr Wissen, mehr Zeit. Was dann?
Nichts würde sich verändern, nichts! Jede Sekunde würde gleichermaßen verwundbar sein, gleich stark gefährdet, von dir augenblicklich zerstört zu werden. Die Jagd nach dem Glück, dem Geld, der Liebe, der Sonne, der Freiheit würde nur noch stärker entlarvt. Dadurch, dass die meisten Menschen unserer Erde von diesem Wohlstandskuchen gar nicht profitieren, wird die Verblendung nur noch größer. Das scheinbare Wohlergehen der satten Menschen wird zum Maßstab der eigenen Überzeugung und, zum Maßstab von all denen, die an ihm nicht teilhaben.................
Und du kannst es an den Gesichtern von uns Wohlstandsmenschen ablesen. Eine Ahnung von der Lebenslüge führt zu den verzweifelten Events aller Art in kleinen und großen Kreisen, den Spendenaktionen, den Gipfeltreffen, den Reformversuchen. Die verkrampfte, reaktionäre Haltung von Kirche und Familie steht in einem seltsamen Kontrast zu unserer hoch entwickelten Industrie- und Wissenschaftswelt, zur aktuellen Erkenntnis, dass Physik und Spiritualität sich auf wunderbare Weise begegnen.
Draußen Regen von anhaltendem Dauercharakter. Als wolle dieser Regen mich ermahnen, zuzulassen, zu formulieren, auszuspucken, um hinter, darunter, tiefer, viel, viel tiefer, wesentlicher, profunder zu schauen.
Was ist denn dort hinter dem Regen? Hinter diesem kalten, grauen Hochsommertag? Ja natürlich, hinter und über den Wolken ist die Sonne. Wie oft habe ich im Flugzeug im hellen Licht der Sonne gedacht: Ausgerechnet unter dieser Wolkendecke verbringst du dein Leben!
Und schon rumpelte der Metallvogel abwärts in das Hamburger Grau.
Aber...........................
In mir taucht ein Bild auf. Eine Fotografie von Henri Cartier- Bresson: grau, fast einheitlich grau, nahezu ohne Kontraste, ein aufrechtes, schmales Format, nicht groß. Alberto Giacometti geht diagonal durch das Bild, von der Mitte heraus nach rechts unten. Seinen Regenmantel bis über die Ohren hoch gezogen, seine brennende Zigarette in einer Hand, die andere in der Manteltasche. Sein Gang ist nicht schnell aber bestimmt. Es regnet. Giacometti auf dem Weg in sein Atelier. Dort wird er seine göttlichen Hände gebrauchen. Er wird seinen unscheinbaren Mantel ablegen und sogleich an einem begonnenen Bild in Grautönen weiterarbeiten. Vielleicht wird er auch eine einsame Figur entstehen lassen, eine gehende oder eine stehende.
Es ist wohl eines der letzten Fotos von Giacometti vor seinem Tode.
Er ist mit seinen Skulpturen und Bildern für uns in den Riss der Einsamkeit gegangen. Nicht mönchisch, sondern in der Überzeugung, dass die eigene Sterblichkeit das einzige ist, dem man vertrauen kann,- auf der sich sein radikales Werk gründet.
„Die Art und Weise, wie Giacometti die unerbittliche Wahrheit an der äußersten Grenze des menschlichen Interesses ausgedrückt hat, lassen die Verzweiflung an der Gesellschaft oder den Zynismus, die sie hervorgerufen hatte, weit hinter sich“ (*).
Ein Strahlen geht von der Szene dieser Fotografie aus.
Wie der Kunst von A. Giacometti fehlt diesem Foto nichts.
Und die Schönheit des grauen Regens vor dem Fenster des Cafés umfängt mich in Liebe.
(*) Nach John Berger, Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens, S.113
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