Felix Nussbaum - Haus, Osnabrück 2/09

„Die verborgene Spur“
Jüdische Wege durch die Moderne

Ob ich hier im Café heute am Sonntag die Ruhe finde, die ich zum Schreiben brauche, ist noch nicht sicher. Sicher aber ist, was heraus muss, was dringend nach einer Gestalt ruft. Es ist der brodelnde Eindruck eines Erlebnisses von gestern:
Grauer Himmel, schneidende, kühle, feuchte Luft. Wir besuchen das Nussbaum - Haus in Osnabrück. Libeskind hat ein Haus für den Maler Felix Nussbaum gebaut, ein phänomenales Gebäude mit einem extrem individuellen Charakter. Und zwar spricht dieser Charakter genau die Sprache, die das Schicksal und die Malerei von F. Nussbaum zurückhaltend und zugleich sehr deutlich unterstreicht. Die bescheidenen, den verwendeten Materialien entsprechenden Farben, die geometrischen, Winkel betonenden Formen, die vielfältigen und teilweise bizarren Räume, die unerwarteten, oft schmalen Ausblicke, die z.T. leicht schiefen Ebenen, die verschatteten Gänge und Treppenführungen, das spontan gesetzte Licht. Alle Elemente umgarnen das zugleich düstere wie poetische Werk dieses jüdischen, deutschen Malers, der wie so unendlich viele andere Menschen den schweren Weg eines Ausgegrenzten, Verfolgten, Abtransportierten und am Ende Ermordeten erlitten hat. Daniel Libeskind, 1946 im polnischen Lodz geboren und seit 1965 amerikanischer Staatsbürger, nennt seine Architektur für Nussbaum ein „ Museum ohne Ausweg.“
Felix Nussbaum, 1904 in Osnabrück geboren, hat sich in seinem Werk seit 1940  in unvergleichlicher Weise mit dem Grauen seiner Lebenssituation auseinandergesetzt. Leider sind 150 Bilder aus seiner früheren Berliner Zeit, die noch nicht in dem zugespitzten Maße unter dem Zeichen des „jüdischen Passes“ stand, vernichtet worden. Ich ahne, dass sie voller poetischer, revolutionärer Schönheit waren, da die Bilder der letzten Lebensjahre ebenfalls noch einen solchen Charakter erkennen lassen, obwohl sie natürlich vor allem von diesem, für mich kaum zu erahnenden Druck eines solchen Schicksals geprägt sind. Für eine künstlerische Seele, deren Hauptanliegen die Wahrhaftigkeit ist, muss das Ausdrucksvermögen in einer derartig bedrohten Lebenslage wohl einen nahezu zwanghaften Charakter annehmen, bei aller Liebe zur freien Malerei. Umso stiller nehme ich die Haltung wahr, bei all dem eben dennoch zu malen und die Wahrheit höher als das eigene Leben zu behaupten.
Das sind die echten Revolutionäre, die wahrhaft religiösen Menschen, die durch ihre unerschrockene Arbeit ein Werk hervorbringen, das in der Lage ist, Veränderungen an der Gesellschaft herbeizuführen, die von substanziellerer Wirkung sind als Reformen innerhalb  des Systems.
Gerade aber diese Haltung wird von den Menschen und Institutionen unserer Gesellschaft nicht gern bemerkt, gelinde ausgedrückt.
Diese seit dem 7. Dezember 2008 und bis zum19. April 2009 laufende außergewöhnliche Ausstellung im Felix Nussbaum- Haus ist so konzipiert, dass sie zu seinem 10-jährigen Bestehen dem Werk Felix Nussbaums andere jüdische Künstler der Moderne zugeordnet hat, darunter viele, die wir aus anderen Zusammenhängen schon lange kennen und schätzen. Sie hier wieder zu finden, war für mich ein großes, erleuchtendes Erlebnis, das den Schmerz über den immensen Verlust der jüdischen Kultur erneut und prägnant deutlich macht. Zugleich wurde augenscheinlich, welchen enormen Stellenwert, trotz der mörderischen Dezimierung, die Werke der jüdischen Künstler für die Entwicklung der Moderne hatten und haben. Wie viele geflohene Künstler allein die Moderne der Kunst in den U.S.A. führend geprägt haben,  oft unter fremden zweiten Namen! Ich denke zum Beispiel an Morris Louis, Barnett Newman, Larry Rivers, Richard Serra, Marc Rothko. Die Rezeption ihrer Kunst geht z.T. an ihrer eigenen Absicht vorbei, wie z. B. die Auffassung des Werkes von M. Rothko zeigt und erst vor kurzem so deutlich in Hamburg zu erleben und beobachten  war (s. Betrachtungen / Mark Rothko) .
Das jüdische Schicksal dieser großen Künstler wird oft nur nebenbei oder gar nicht erwähnt, ein Grund, warum diese Ausstellung einen so großen Aha- Effekt auf mich hatte und ein MUSS für unser kulturelles Interesse ist.
Bei Felix Nussbaum ist  es nun nicht möglich, das „Jüdische“ seines Werkes unter den Tisch fallen zu lassen und sich seiner künstlerischen Kraft für eigene Zwecke zu bedienen. Seine Bilder schreien uns, oft in naturalistischer Manier, die Unausweichlichkeit seines Leidensweges ebenso unausweichlich entgegen.
Obwohl die Ausstellung in Osnabrück passabel besucht war, ist sehr auffällig, dass in nahezu keiner deutschen Presse  Bericht über diese große, intelligente Ausstellung erstattet wird!
Passt hier wieder einmal alles zusammen?
Den Israelis wird in dem augenblicklich statt findenden Krieg im Gazastreifen vorgeworfen, dass sie sich verteidigen! Der Pabst redet sich heraus, wenn er mit Holocaust leugnenden Bischöfen umgeht; und dies wird ihm am Ende noch eingeräumt!
Es ist ein schreiendes Unrecht, wenn dass Konzept unserer Gesellschaft es nicht zulässt, den Hintergrund für Krieg, Hass, Neid und Leid anzuschauen, geschweige denn, dass ihre Vertreter sich dafür einsetzten!
Die riesige, gesellschaftliche Neurose ist so eingefahren und festgezurrt, dass nur echte Wahrheitssucher, die ausbrechen, in der Lage sind, ein Fünkchen Licht auf dieses Desaster zu werfen, auf dass es sich in den revolutionären Schein der Liebe ausweiten könnte.
Und so einer war Felix Nussbaum, sind seine Bilder auch noch so bedrückend. Der ebenfalls jüdische Architekt, Daniel Libeskind hat seinem Werk ein herrliches, bizarres aber stabiles Haus gebaut. So dürfen wir seine Bilder in dieser architektonischen Hommage noch lange als Zeichen der Wahrheit erleben. In dieser Ausstellung werden sie wunderbar getragen von vielen betroffenen  zeitgenössischen Künstlern, sodass trotz der Härte des Themenstoffes der Ausstellung, Wärme und  Liebe die Räume durchfluteten.

Die diffuse Atmosphäre des sonntäglichen Treibens in der fast herunter gekommenen, ehemals gutbürgerlichen Einkaufsmeile der Harburger  bewirkt in mir eigenwillige Assoziationen zu dem Erlebnis von gestern.

Aber auf meine Situation des Schreibens hier im warmen Café hat die sich immer stärker zeigende Schere von Arm und Reich zum Glück kaum eine Auswirkung.

Neben mir spielt ein junges Paar liebevoll mit seinem Baby, und das Glück scheint perfekt. Vielleicht ist es ja auch gut, dass es vorbei sein darf mit der Nachwirkung der Hölle des Dritten Reiches, dass die Auswirkungen der gleichzeitigen, in diesem Augenblick wütenden, Kriege schweigen dürfen.

Solange es eben dauert..........