Sehnsuchtsmelodie 3/10

Wie schön wir Frauen werden, wenn wir tanzen!
Wenn wir uns selbst tanzen, es dürfen und wollen.
Eine Grazie aus Feuer und Zärtlichkeit durchströmt dann unsere Leiber, und wir strahlen im Licht der großen Weiblichkeit.
Aber in unserem Alltag? In der Stadt, in den Wohnungen und Häusern, an den meisten Arbeitsplätzen? Wie sieht es da aus? Wo sind dort  Charme, Eleganz, Leidenschaft und die damit verbundene Schönheit?

Frauen, Frauen möchte ich malen, habe es auch immer wieder einmal versucht. Warum denn nicht? Aber schöne, elegante, verzauberte und verzaubernde, aufrichtige, verspielte Frauen,  die mit der Liebe verbundenen, lächelnden, die ihren Körper lieben, seiner inneren Bewegung auch in der äußeren folgen, ihn liebevoll und angemessen kleiden, seine Reize sparsam, charmant und zugleich gezielt einsetzen, sich im Blick des Mannes sonnen und ihm den Schein in Hingabe zurück werfen.
Warum sollte ich es nicht können. Die Geschichte unserer Malerei ist doch voll von den schönsten Frauenbildnissen?

In den Hamburger Deichtorhallen im Haus der Fotografie war vor kurzem eine umfassende Retrospektive des Fotografenpaares Lilian Bassmann und Paul Himmel zu sehen. Sarah Moon, selbst Fotografin, hat  eine Hommage für L. Bassmann erfilmt, die in einem kleinen abgeschiedenen Raum zu genießen war. Ein Streifen von verzaubernder Qualität!

Seinetwegen besuchte ich die Ausstellung mehrfach.

Sarah Moon erspürt mit der Kamera das Talent von L. Bassmann, nämlich die elegante Schönheit der Frauen zu evozieren und im Foto zu bannen. Auf die Frage „Was ist für Sie die Eleganz der Frauen?“ antwortet Lilian Bassmann „die Wahrheit.“ Ein in diesem Film erscheinendes wunderbar zeitloses Model von zärtlicher Eleganz sagt über Lilian „she freed us as women.“ Zudem erscheint mir ein Zitat von Richard Avedon erhellend, -Freund und ebenfalls Modefotograf: - „Was sie (L.B.) macht, hat eine geradezu magische Kraft. In der Geschichte der Fotografie ist es niemand anderem gelungen, diesen atemberaubenden Moment zwischen der Erscheinung der Dinge und ihrem Verschwinden sichtbar zu machen.“

Ja, auf diesen Moment kommt es mir an. Diese unaussprechliche Schönheit meine ich, die sich von Schauen und Schonen herleitet, die ich ermalen möchte. In den Bildern von dieser Fotografin lässt sie sich oft kristallen leise lesen. Hier erscheint sie uns für die kurze Zeit einer Begegnung.

Kann ich denn derartiges überhaupt malen? Ist es nach der Erfindung der Fotografie überhaupt möglich? Und zudem in unserer wahnsinnigen Zeit der feilgebotenen Schönheit, für die sich die Frauen gegen Bezahlung verstümmeln lassen!
Unendlich viele Künstler aller Epochen hatte die Schönheit des Weiblichen immer wieder beflügelt und zu den herrlichsten Werken inspiriert.
Aber heute? Ja, warum denn nicht, wo doch in der Kunst wieder alles möglich, die Zeit der überheblichen Überzeugungen und Auffassungen von dem, was zu malen oder nicht mehr zu malen sei, vorüber ist. Niemand streitet mehr darum, was der Kunst erlaubt oder verboten wäre, sogar, ob etwas überhaupt Kunst sei oder nicht.

Die schonungslose bis radikale und wesentlich befreiende Infragestellung und Lossagung des 20.Jahrhunderts von den regelhaften Kriterien für die bildenden Künste hat zu unbegrenzten Darstellungsmöglichkeiten geführt. Aber von einer dementsprechend jetzt möglichen Annäherung an den Raum der großen Stille, der wahrhaften Schönheit, ist in den aktuellen Werken der bildenden Kunst weniges zu finden. Berührung und Auseinandersetzung mit der korrupten Zeitgeschichte fordern offenbar auch seinen sichtbaren Tribut.Vielleicht hat unsere Gesellschaft von heute keine Darstellung schöner, befreiter Frauen mehr verdient. Vielleicht muss erst einmal der Wahn der nicht enden wollenden Überbetonung des Männlichen unters Messer.
Momentan entdecke ich die Darstellung weiblicher Grazie in der Kunst eigentlich nur in der jungen Fotografie oder der Videoarbeit, sonst scheint sie zunächst verschwunden.

Allerdings spüren viele Frauen zunehmend ihre neuen Möglichkeiten, die sie zu ihren Wurzeln zurückführen, und wir beobachten ein neues Bewusstsein der Weiblichkeit auf allen Gebieten.
Wir Frauen dürfen endlich frei und weiblich leben und agieren. Wir können uns auch im Alltag elegant und sexy kleiden und gerieren. Eine attraktive, elegant gekleidete Intellektuelle in einer anspruchsvollen Talkrunde ist keine Seltenheit mehr. Eine interessante Witwe oder eine anziehende geschiedene Frau wird für ihren Zustand nicht mehr, wie ehemals durch Ausgrenzung, bestraft, sondern ....vielleicht sogar beneidet? Ein junges, schönes Mädchen darf mit ihren erwachenden Reizen spielen, sich und die Männerwelt erkunden. Wir dürfen uns in der Öffentlichkeit anziehend und einladend verhalten ohne getadelt oder gleich abgeschleppt zu werden. Übrigens die wachen und sensiblen Männer, die wahrhaft männlichen Männer, lieben diese neue Freiheit der Frauen. Sie sind klug, denn sie sind ja nicht zuletzt auch Nutznießer und Katalysator des Erwachens dieser neuen Weiblichkeit! Allerdings diejenigen, die sich unter dem  Rockschoß der Mamafrauen oder hinter dem Hosenanzug der männlichen Frauen verstecken, müssen jetzt dazu lernen.

Also, noch einmal: ist es denn möglich, in dieser nahezu zerstörten Welt die elegante und sensitive Schönheit der Frau  ins Bild zu setzten? Oder geht es nur noch á la Marina Abramovic, die ich zwar verehre, deren Kunst  sehr emanzipiert ist, ich aber eher männlich empfinde und einschätze. Ist mein Anspruch einzulösen? Es kämpft in mir die Tatsache der zerrissenen, modernen Frau.
Kann ich nur immer wieder den erlittenen Schmerz der Frauen darstellen? Bleibt Weiblichkeit auf dem Gebiet der Kunst in verkappter Form, in Werbung, Shows, Musicals oder reißerischen Popkonzerten stecken? Madonna würde mir auf den Kopf springen.

Etwas weigert sich in mir. Du hast lange genug den Schmerz der Frauen durchlebt, ausgedrückt, getanzt, beschrieben, gestaltet, der die 2000 Jahre abendländischer Geschichte durchzieht.
Es muss einmal ein Ende dieser Zeit beginnen!
Auf einer ganz neuen Ebene wirst du der vermissten Schönheit wieder ins Werk helfen. Sie erwartet es von dir! Immer wieder kommen mir diese auffordernden Empfindungen und Gedanken. Immer wieder! Scham, Schuld und Bedauern müssen einmal ein Ende haben. Neue Kräfte unserer Erde führen uns zu einem Bewusstseinssprung, ich ahne es. Und aus diesem Bewusstsein wird sich eine neue Würdigung des Weiblichen ergeben. Aus dieser Ahnung heraus möchte ich gestalten. Eine große Sehnsucht durchflutet mich, indem ich dies ausspreche.
Es ist Zeit, dass wir Frauen (und Männer) uns gestatten, nicht mehr zu leiden, dass wir den Schmerz der Wunden überwachsen. „Schließlich ist es für die gesamte Christenheit an der Zeit, die falsche Bewertung des Weiblichen in Frage zu stellen“(1). Unsere weiblichen Gene, die durch Erniedrigung, Ausgrenzung, Folter und Vernichtung getränkt wurden, dürfen sich irgendwann einmal aus dieser Verklammerung lösen und leicht werden. Es ist möglich, da sie sich erneuern können, wenn der Geist es zulässt. Das ist nicht mehr nur durch wenige Weise verkündet sondern jetzt zusätzlich quantenphysikalisch durch die Wissenschaft bewiesen worden.

Durch die Befreiung des großen Weiblichen von der Lüge, der Verteufelung durch die christliche Moral der Kirche wird sich ein globales Verständnis der Heiligkeit der Erde zeigen. Ein schöpferisches Miteinander anstelle von Ausbeutung, Raubbau und Krieg wird die Frauen auf einen Platz der Würdigung, Wertschätzung und Gleichheit neben das Männliche erheben.

Die entscheidende Quelle zur Entfaltung der Schönheit des Lebendigen ist die Sexualität. Der vorchristliche Kult der ägyptischen Isis hatte Frauen zu Priesterinnen der Liebe ausgebildet. Die machtvolle Schönheit und die Weite der Wirkung eines solchen Ordens sind heute kaum noch vorstellbar. „Die Sexualmagie der Isis bezog sich auf die dem Wesen der Frau innewohnende Fähigkeit, magnetische Energien zur Erschließung tieferer Bewusstseinsebenen zu verwenden, indem sie sich den sexuellen Energien und dem Öffnen der Kanäle hingibt„(2). Es ist so äußerst tragisch, dass die Geheimnisse und die Heiligkeit unserer Sexualität von den Kirchenvätern 2000 Jahre eingekerkert wurden und damit ein kraftvoller Weg zur Gotteserkenntnis verstellt wurde - und wird. Welch eine Ironie, dass die Kirche aus dem Bestreben nach Gotteserkenntnis eine Sünde macht, - aus Angst vor der Macht des Weiblichen.

An dieser Stelle möchte ich den Film “Das weiße Band“ von Michael Haneke erwähnen. Wie sehr empfehlenswert, diesen Streifen einmal am geheiligten Sonntagabend in die Millionen Fernsehwohnzimmer unserer Bürger zu schicken! Anstelle der besänftigenden Tatortanimation die Energie wahrhaftiger Wurzeln für Unzucht, Quälerei, Mord und Totschlag aufzuzeigen! In diesem Film lernen wir die Bedingtheit unserer noch immer herrschenden Moral kennen, wie im Namen der christlichen Erziehung Emotionen nieder geknechtet und auf Gehorsam in  Angst reduziert wurden.
Wenn unsere Töchter vielleicht auch nicht mehr vom protestantischen Vater mit einem weißen Band versehen werden, wenn sie die christlichen Gebote übertreten, um dieses Band dann solange für alle sichtbar zu tragen, bis sie wieder der reinen erwarteten Unschuld würdig sind, so ist es doch eine Tatsache, dass 85% der Unzucht, der sexuellen Übergriffe und Gewalt in den Familien unter unseren Dächern geschehen. Es wird immer noch nicht nach den Wurzeln für diese Tatsache gefragt, schon gar nicht öffentlich. Das würde nämlich die Infragestellung der Grundfesten unseres christlichen Abendlandes nach sich ziehen. Und wie meilenweit ist unser System von einem derartigen Schritt der Wandlung noch entfernt!

Zugegeben, dass ich sehr weit ausgeholt habe, um von einer möglichen bildnerischen Darstellung der Schönheit der Frau zu sprechen. Ich suche, ich brenne.
Vielen Künstlern ist es ja immer wieder gelungen, die Schönheit der Frauen zu gestalten. Wenn ich an Modigliani, Picasso  und andere denke, welche die Frauen geliebt haben und es vielleicht daher vermochten?

Aber heute? Ich selbst? Figürlich etwa? Oder wie sonst?
Das ‚weiße Band’ möchte ich verbrennen und Frauen malen, die in die Farben geboren werden mit bunten Bändern, die ihre liebenden Mütter und Väter ihnen auf dem Weg zur Reife als Frau ins Haar flechten.

Natürlich weiß ich um die Gefahr des reaktionären Kitsches von jeglicher figürlichen Darstellung im gemalten Bild. Viele Künstler sind ihr erlegen! Gerade auch in der Moderne.

Ganz zu schweigen von dem Oberflächensumpf der Überschwemmung der journalistischen Bilderflut....................
Ich hatte gehofft, dass mir übers Schreiben ein Licht aufgeht, muss aber passen und weiter warten. Bis meine Frucht platzt und mir dann gestattet, mich malerisch an dieses heiß ersehnte Thema zu wagen.
„Patience, patience dans l’azur,
chaque moment de silence
est une chance d’un fruit mur.“ (Paul Valéry)


(1) das Manuskript der Magdalena von Tom Kenyon u. Judi Sion, KOHA – Verlag, S.10
(2) ebenda, S.30