"Morgenandacht" 1/13

Seit nunmehr etlichen Jahren lese ich morgendlich in den Schriften unserer Weisen der neuen Zeit. Meist sind es Texte, die ihre Devotées aufnahmen oder nach Aufzeichnungen niederschrieben. Denn sie selbst halten nicht viel vom belehrenden, edukativen Wort. Ramana hat jahrelang geschwiegen, bevor er dem Drängen der nach Wahrheit Dürstenden nachgab. Sein profundes verbales Werk ist für uns ein Segen. Osho schrieb niemals auch nur ein einziges Wort von sich auf oder verfasste gar einen Text. Und von ihm gibt es so hinreißende Bücher. Die Meister der Weisheitslehre vom Sein gehen derart achtsam mit dem Wort um, dass sie nahezu druckreif sprechen oder in dynamischer Stille überzeugen. Sie zeigen uns etwas auf, was weit jenseits der Sprache ist. Einige von ihnen setzen auch ihre Mimik oder die feine Gestik ihrer ausdrucksstarken Hände ein, einige werden provokant und hart, andere wiederum schweigen. Und ich stelle mir vor, dass auch, wenn sie brüllten oder fluchten, wir uns in Hochachtung vor diesen Ergüssen wohl fühlen oder gar verbeugen würden. Es geht ihnen ja nicht um das Wort. Sie setzen es lediglich wie alles andere ausschließlich ein, um auf das Wesentliche zu verweisen. Auf das, was uns jenseits von Sprache zuraunt, worum es sich dreht. Ja, was denn eigentlich. Wenn ich Hans mitteile, was ich heute morgen wieder unendlich Kluges gelesen habe, fragt er: "Auf welcher Seite?" Und dann lachen wir. Es kann nicht festgehalten werden. Ich kann es auch nicht mit den Worten meines Verstandes wiedergeben, was mich eben noch beflügelte. Wenn wir denken, wir wüssten, was die Liebe ist, eben dann haben wir sie nicht verstanden. Unser Gehirn mit seinen landläufigen Funktionen der Ratio ist außerstande, zu benennen, was uns bedingt und eben nicht bedingt. Es liegen nun zu unseren Gunsten inzwischen diverse herrliche, aktuelle Bücher vor, die unserer Unfähigkeit des urteilenden Verstandes mit der hinter ihm drängenden Lust auf das Wunder des weiten Raumes jenseits unseres Begriffsystems entgegenkommen. Sie sind in unserer Jetzt- Zeit verfasst worden. Und als verlängerter Arm der uralten Weisheiten von vor Jahrtausenden sprechen sie uns, ganz zeitgemäß, von der phantastischen Leere der nondualen Welt, nach der wir uns alle sehnen. Ihre Texte umgarnen auf vielfältige Weise die Leere, vor der wir gewohnt sind, uns zu fürchten. Wir Europäer haben Angst vor dem leeren Raum, der doch unser Heil wäre, würden wir endlich den Mut aufbringen, ihn zu betreten. Ohne Dogma, ohne Erlaubnis, ohne Befehl, ohne Wertung und Kommentar, ohne Schuldbewusstsein, ohne Absicht oder Plan. Ich nehme diese Texte mit niemals müde werdender Geduld in mir auf. Seite für Seite. Ohne Hast. Wie in hellem frischen Licht darf die schon fast vergessene, tiefe Liebe meiner Jugend zu Zen und dem Ostasiatischen wieder baden und sich neu beleben. Die alte Weisheit aus dem Morgenland wird nicht etwa vom abendländischen Geist überflügelt und gehört somit der Vergangenheit an. Sie ist aktuell wie nie und trifft endlich auf physikalische Erkenntnisse unserer westlichen Wissenschaften. Ich mag diese Art Lektüre nicht quer lesen, nicht auszugsweise blättern oder mir zusammenfassend aneignen. Meist lese ich morgens nach dem Frühstück in kleinen Portionen. Wenn sich zum Beispiel unser literarischer Publikumsliebling R. Willemsen auf dem Norddeutschen Radio- Kultursender intelligent und sensibel lächelnd zu Tode schwatzt. Oder wenn auf dem "deutschen Staatssender" (Hermann L. Gremliza) unsere katastrophalen Gesellschaftsstrukturen unendlich klug kommentiert und verteidigt werden. Die Zeitspanne dieser Einatmung wird durch innere Berührung bestimmt. Wenn ich dann die Begegnung mit ihrem Geist tief genug erlebe und meine Flamme sich an ihrem Feuer entzündet, kann ich das Buch wieder schließen. In der hundertprozentigen Gewissheit, dass meine lodernde stille Betätigung sich am kommenden Morgen fortfahren lässt, gehe ich erfrischt in den Tag. Wie eine kleine Morgenandacht. Nur, dass es keine mich moralisch belastende Andacht wie ein christliches Gebet ist, dass mich ehemals oft traurig stimmte oder in verpflichtender Scham zurückließ, sondern mich durchflutet und nachhaltig wirkt gleich einer mich in jeder Faser beflügelnden Berührung. Es ist nichts Spannendes dabei, eines unserer derzeitig bevorzugten Modeworte, mich drängt auch keine Leidenschaft, ein weiteres verzweifeltes Modewort der Kommentatoren aus Kunst, Sport und Eventpolitik. Es ist einfach mehr. Einfach und viel mehr, leuchtender und tiefer, was mich treibt, nunmehr schon seit vielen Jahren, diese Zeremonie achtsam und nahezu feierlich zu begehen. Diese Erfrischung am Morgen, von der ich mir nichts Schöneres vorstellen kann, als dass sie nicht nur den einen Morgen, sondern Tag und Nacht, nein für immer, anhalten würde................ An dieser Stelle entsteht nun leider ein Leider, ein Warum, eine Ungeduld, ein Zweifel, eine mich immer wieder bedrängende und mich nicht loslassende, reißende Frage. Was kann ich tun?! Obwohl ich von all diesen Texten weiß, dass ich nichts Bestimmtes tun soll, kann ich diese Frage nicht löschen. "Im Anfang war das Wort". Wir sind über das Wort zutiefst geprägt. Ich möchte dieser Prägung entkommen. Sie beinhaltet Selbstzweifel, Vorwurf, Verzicht, Bedauern, Kasteiung. Die Energien, die der Herrschaft des machtvollen Wortes unserer Zivilisation dienen, die meine Seele drängen, umgarnen und festhalten, die mein Fleisch krallen, nach hinten und unten ziehen und daran hindern, mich in die Freiheit zu bewegen, sollen aufgehoben werden. Nun habe ich in diesem Sinne schon nahezu meinen ganzen Hausstand entsorgt, Schmuck, Porzellan, Möbel, Kleider, Briefe, Fotos, Tagebücher. Und nicht nur mich energetisch belastende Objekte aus der Vergangenheit beförderte ich ins Jenseits. Ich pflege nahezu keinerlei äußeren Kontakt mehr zu irgendwelchen lebenden Personen, die mit mir in einem mich belastenden Zusammenhang stehen. Ich riss mir nahezu mein halbes Herz aus dem Leib beim Verlassen der Herde. Ich bin über meine eigene jammernde Leiche gestiegen in der Gewissheit, dass ich in Verantwortung dem Leben gegenüber handelte. Und eben nicht nur dem Leben, sondern ebenfalls gegenüber dem Tod. Es geht mir um die Freiheit, für die ich bereit bin, mein kleines aufgeblasenes Ich zu töten. Für meine innere Freiheit schrieb ich das Buch "Ahnensog" und für sie werde ich ebenso alle meine zukünftigen Texte und Bilder gestalten, nur für sie. Die Kunst ist meine Meditation, die ich zwischenschalte. In ihr verweilend, durch sie, mit ihr kann ich die Gedankenflut fernhalten, die mich an der Entdeckung und Bloßlegung meines wahren Wesens hindern und von meinen Bemühungen immer wieder ablenken. Die Kunst ist mir Waffe, Liebe, Zuversicht, Vergnügen und aufrichtige Verbindung zu den Menschen. Sie fordert meine Schaffenskraft, verlangt äußerste Wachsamkeit, erwartet Demut dem Schöpferischen, sowie Distanz und Präzision den aufsteigenden Kräften gegenüber. Ich kann mir vorstellen, dass auch diese Art der verpflichtenden Anstrengungen, der Erwartungen der Kunst an mich, einmal nicht mehr vonnöten sind und dass es ein Dasein für mich gibt, welches sich jenseits jeglicher Aktivität außer des einfach gelebten Lebens als eine pure Existenz in Weisheit und Glückseligkeit darbringen ließe. Aber solange ich diese Vorstellung nur wie eine Ahnung in mir trage, widme ich mich ganz den Künsten. Und um meine Flamme als Künstlerin zu nähren, ihr einige Sicherheit zu bieten, damit ihre Glut nicht verlischt, will ich meine "Morgenandacht" pflegen in ehrfürchtig liebendem Genuss.

* Für Ramana Maharshi, Sri H. W. L. Poonja, Gangaji, Jiddu Krishnamurti, Osho, Om C. Parkin, Byron Katie *