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Mark Rothko 9/08
Galerie der Gegenwart Hamburg
Wie eine Frevlerin komme ich mir vor, schon bevor ich überhaupt ansetze. Aber ich möchte es dennoch wagen, dem Malerriesen Mark
Rothko auf meine Art zu begegnen:
Ja natürlich, habe ich oft gedacht, wie es wohl sein wird, einmal den Originalen gegenüber zu stehen, wie sich wohl die Aura
dieser schon legendären Bilder auf mein Erleben auswirken wird. Schon einige Male habe ich ein Einzelwerk erfahren, in Sammelausstellungen
oder in ständigen Sammlungen. Seltsamerweise habe ich dann nie weiter gefragt, wenn mir das Herz nicht stehen blieb und ich es ja eigentlich
erwartet hatte. Hab’ dann einfach angenommen, es wird wohl ein weniger substanzielles Werk von ihm sein, o.ä. So zum Beispiel vor
kurzem während der Kounellis – Ausstellung in der Nationalgalerie/ Berlin, in der ständigen Sammlung der Moderne im Sockelgeschoss,
im Raum der amerikanischen Coulor-Field-Painter. Da hing ein mich gewaltig beeindruckendes Riesenbild von Morris Louis. Eins von Rothko hatte ich
wieder mit so einem unbewusst stehen lassendem Schlenker goutiert, der sich mit ‚ später einmal’ zufrieden gab. Auf kleinen
Abbildungen in Büchern allerdings habe ich Mark Rothko immer sehr verehrt und ihn als Meister der Farbe und Spiritualität gesehen.
Aber jetzt gibt es keine Ausrede mehr, kein Aufschieben und kein sich Verstecken:
In Hamburg ist eine riesige Retrospektive inszeniert. Wenn nun das Licht seinen Werken nicht angemessen ausgerichtet war, die Räumlichkeiten
der leicht starren Architektur der Galerie der Gegenwart die viel beschworenen Farbwirkungen nicht zugelassen haben oder meine heutige Verfassung
untauglich war für tiefe Einsichten, - es gibt so viele Varianten, die unsere Wahrnehmung beeinflussen - , möchte ich nun nach dieser
langen Vorsichtsäußerung hinsichtlich eines zu schnellen, möglicherweise gar überheblichen Urteils, wagen, eine Beschreibung
meines Eindruckes vorzunehmen:
Ich war äußerst gespannt. Die Presse hat das ihre dazu getan, diese Ausstellung breit und vielfältig anzukündigen, was auch
allein schon in der Warteschlange an der Kasse zu erkennen war. Das Echo der Presse kann kaum anders ausfallen als positiv bis gigantisch, da die
Bilder von M.R. ja inzwischen bis zu 60 Millionen Euro erzielen und er zu den höchst gehandelten Malern der Moderne zählt. Aber
es gab auch differenzierte Stimmen, z.B. in der ‚Kunstzeitung’, die von mir sehr geachtete Schreiber/innen entsendet, um uns die Welt
der Kunst nachvollziehen zu lassen, die Rothko’s Bildern huldigen. So hat Karlheinz Schmid einen wunderbaren Kommentar über diese zuvor
in München gezeigte Ausstellung verfasst.
Also, es ist einfach so:
Ich gehe in die Galerie der Gegenwart und beginne meinen Rundgang. Ich schaue und gehe, bleibe stehen, gehe, schaue. Weiter, wieder, drehe mich um,
schau’ aus anderer Perspektive. Bin ich zu schnell? geht es mir nicht gut? was ist? wieso will sich kein Funke auf meine Seele setzen wie ein
Falter auf eine Blume, um mir zuzuflüstern, das hier ist deine Welt, hier ist das Schöpferische zu schmecken.
Wieso stellt sich kein Empfinden für Poesie, Tiefe, Auseinandersetzung, gar Ringen um Erkenntnis ein? Wieso spüre ich keine Kraft der
Farbe? was doch so gerühmt wird an seinen Bildern? Enttäuschung beginnt in mir hoch zu kriechen und sich wie ein Film auf meine Seele zu
legen. Das Foto von Rothko, das in der ganzen Stadt hing, findet hier einen Widerhall. Es hat auf mich verschlossen wie ein Stück Mauer gewirkt.
Nun hätte sich ja das Gegenteil in den Bildern ausdehnen können. Darauf war ich innerlich vorbereitet: auf Tiefe, Weite, treffende
Spiritualität.
Die Farbe auf den großen Formaten spüre ich oft unsensibel aufgetragen. Kann ja sein, dass R. dabei in der Welt der Stille war. Aber
mir gelingt es nicht, dies zu erahnen.
Was da alles heran zitiert wird, einfach alles, was das Herz begehrt: Erhebung, Versenkung, Beruhigung, Frieden, Religiosität, und vieles andere
mehr. Rothko hätten diese Art Reaktionen überrascht, wie er sagt, die ‚Wiege seiner Bilder sei Gewalt’. Ja, das erklärt
mir ein wenig, dass seine Bilder auf mich eher stumpf wirken. Natürlich gibt es Bilder mit ‚schönen Farbzusammenstellungen’,
natürlich ist der Mut zu den endlosen Wiederholungen des Flächenmotivs in abgewandelter Form von kraftvoller Vitalität. Seine
Auseinandersetzungen in der bekannten Dramatik und Ehrlichkeit mit öffentlichen Instanzen zeugen bestimmt von außerordentlicher Sicherheit
der Richtung seines schöpferischen Willens. Die einfühlsamen Kommentare von Zeitgenossen, denen man in dem sehr schönen, die
Ausstellung begleitenden Film zuhören konnte, erzählen von einem ernsthaften, sympathischen Künstler von höchstem Niveau.
Aber es bleibt: R. hat sich dem Leben nach und nach entzogen. Sein Atelier war gleichsam eine Art Refugium, da ihm das Leben nicht schmeckte.
Dieses Nein zum Leben atmen seine Farben und Formen. Seine Bilder verströmen keine Liebe. Ich fühle in ihnen Absage, Rückzug, keine
Offenheit, keine Schönheit – diejenige, die von Schonen und Schauen kommt -, keine Stille, die von dem Raum hinter den Dingen spricht.
Bevor ich mir mein Urteil zueigen machen werde, will ich mindestens noch einmal hingehen, mich erneut den Bildfeldern aussetzen – und vielleicht
alles verwerfen, was ich heute erfahren und in Worte gefasst habe.
Ein großer Schmerz legt sich auf mein Herz, nachdem ich dieses geschrieben habe. Wo sind sie denn heute die großen Meister, deren Welt
ich betreten möchte, von denen ich etwas lernen kann? Wo kommt unsere Gesellschaft denn hin, wenn diese Kunst derartig honoriert wird, dass die
ganze Stadt Kopf steht, den Menschen Heil versprochen wird und dadurch ihre Seelen völlig fehl gelenkt werden?
Es herrscht eine seltsame Untergangsmentalität in unserem Land zurzeit. Eine mir selbstmörderisch erscheinende Tendenz macht sich breit,
unbewusst zwar, aber deshalb umso stärker wirksam. In der Haltung dem Konsum gegenüber, in der höllischen Gier nach Ablenkung im
privaten und erst recht im öffentlichen Raum, in der Lust nach dauerndem Alkoholgenuss und fleischhaltigen Essen. Das Aushalten, geschweige
denn die Wahrnehmung der Süße von Stille und Alleinsein, wird ersetzt durch dauernde Seelenfolter in Form von Geräuschen, Bildern
suchtartigen Gemeinsamkeiten, dauernden Erneuerungen von allem und jedem. Darüber hinaus die Wahnvorstellung, dass dies das gute Leben sei!
Mark Rothko hat sich am Ende umgebracht. Sein Leben hat sich darauf hin entwickelt. Ich erkenne dieses Phänomen in seinen Bildern. Ist
es diese Untergangsmentalität, die sich in ihnen so gut spiegeln lässt? Und wird über dieses wahrhaftige Phänomen der
Deckmantel von beruhigender Kunst geworfen? Von Kunst, die uns zwar beschäftigen soll, aber eben in gebremster Manier. Jetzt ist es endlich
für alle so weit, dass sie erkennen sollen, dass Farbe auch ohne Realitätsbezug schön sein kann? M. Rothko ist dafür evtl.
ein gutes Beispiel. Aber diese Erkenntnis genügt doch nicht und ist überdies nun auch schon mehr als hundert Jahre alt.
Ps.: 14 Sept. 18 Uhr
Soeben wurde die Mark Rothko - Ausstellung geschlossen. Ich war inzwischen noch zweimal da und habe nichts Neues erlebt, außer dass sich mein
Empfinden und meine Feststellungen des ersten Besuches noch verfestigt haben. Eben wollte ich schnell noch einmal hin, bevor sie heute Abend
geschlossen wird - sie wurde verlängert-. Aber ich war zu spät. Ich dachte, ich hätte noch etwas gut zu machen. Aber ich werde
jetzt zu meiner Einschätzung stehen.
Die allgemein verbreitete, sentimentalische Wahrnehmung und Einschätzung von Mark Rothko und seinen Bildern passt ja auch nur zu gut
zu der Angst unserer augenblicklichen Gesellschaft, die vieles schön redet und sich windet, wenn es darum geht, hinzuschauen auf das, was
schwer erträglich ist, weil es dann nämlich etwas zu tun gäbe, und zwar vor der eigenen Tür, am eigenen Leben. Wenn
Rothko’s Bilder als Ausdruck eines zornigen Mannes gesehen werden dürften, der an seinem Dasein in unserer Zeit verzweifelte, wie
befreiend wäre dann eine mögliche Hinterfragung seiner Kunst und seines Lebens! Wir könnten schauen und fragen, was gibt es
für uns zu tun an Veränderung und Verwandlung! Vielleicht könnte ich dann seiner Kunst voll Demut begegnen und ihm danken, dass
er die Darstellbarkeit von Verzweiflung und Zorn bis an ihre Grenzen getrieben hat. Dass er uns den Boden bereitet hat, sich jetzt zu öffnen
für neue Fragen und Selbstkritik am einzelnen Leben und am gesellschaftlichen.
Nachdem ich dieses Geschrieben habe wird mir ganz warm ums Herz für den Maler Mark Rothko, und sein Zorn entlädt sich jetzt als
mein Zorn gegen die nicht enden wollende Ignoranz der reaktionären Kräfte unserer, christlich-abendländischen Mentalität,
die ich ja auch sosehr in mir selber trage.
Nachtrag 2/09
Nach meinem Besuch der Ausstellung „Die verborgene Spur - Jüdische Wege durch die
Moderne“ im Felix - Nussbaum - Haus in Osnabrück am 7. 2. 09 (s. Reisenotizen) hat sich
meine Auffassung der Werke von Mark Rothko geweitet und erneuert. Mein Unbehagen an
der Wahrnehmung seiner Bilder der großen Retrospektive in Hamburg, das ich so ausführlich
umschrieben habe, da ich den Eindruck hatte, so werde ich der Kunst dieses großen Malers
nicht gerecht, hat sich durch die Erfahrung der Ausstellung in Osnabrück entschlüsselt und
relativiert.
Hier, wo nun alle beteiligten Künstler in ihrer jüdischen Herkunft gewürdigt werden, kommt
deutlich ans Licht, welch enormen Stellenwert die uns schon so geläufigen Werke für die
Moderne der Kunst haben! Durch ihre Zusammenführung werden die Künstler in ihrer
jüdischen Individualität geadelt, und wir können Zeuge von dem unschätzbaren Wert werden,
der hier verborgen liegt, wie in dem Titel der Ausstellung sehr schön gesagt ist.
Hier hängen nun zwei Bilder von Mark Rothko, ein kleineres und ein größeres, zusammen mit
Werken anderer Meister der Moderne in einem lang gestreckten Raum, der uns erstmalig eine
derartige Zusammenführung bietet.
Richard Serra neben Mark Rothko, wie wunderbar! Die augenblickliche, kraftvolle Stille, die
von der Berührung dieser beiden Werke ausgeht. Was geschieht hier?
In Hamburg wurde Caspar David Friedrich „der Mönch am Meer“ neben ein farbig und von
der Komposition her verwandtes Bild von M. Rothko gehängt. Unser Blick wurde auf den
Aspekt der sehnsüchtigen Einsamkeit der deutschen Romantik gelenkt. Meinem Gespür
leuchtete diese Gegenüberstellung nicht zwingend ein, zumindest nicht als ein die
Emotionalität klärender Aspekt von der Arbeit M.Rothko’s, eines jüdischen, russischen
Malers in den U.S.A.
Hier im Felix- Nussbaum- Haus, gebaut von dem in Lodz geborenen Daniel Libeskind, hängt
nun ein ähnliches Bild von Rothko in graublauen Tönen und einer Horizontalen neben einer
minimalistischen Eisenskulptur von Serra. Welch ein Feuer der Aussagekraft sich bei mir in
dieser Zusammenführung entlud! Müssen wir hier nicht einmal fragen, woher denn diese
phantastische Wirkung rührt? Die beiden ähnlichen und zugleich so extrem unterschiedlichen
Arbeiten in streng reduzierten Farben und Formen bestärkten sich wechselseitig in ihrer
Aussagekraft und sprachen zu mir von unbeugsamer Lebendigkeit und Schaffenskraft. Hier
strahlte die Kunst Rothko’s in energetischer Helligkeit.
Eine weitere kleinere Arbeit in sanfter Farbigkeit der zurück genommenen rot-gelben Palette
hing eingebettet in Werke anderer bekannter Künstler jüdischer Herkunft, wie R.B.Kitaj, F.
Nussbaum, Man Ray u.a. Hier durfte das Werk von Rothko atmen, in seiner gemeinten Natur
wirken, ohne dass ihm ein Konzept übergestülpt wurde.
In dem nahezu martialischen Bau der Hamburger Galerie der Gegenwart von Unger ist
möglicherweise nicht der angessene Raum zum Atmen für die Bilder von Rothko.
Möglicherweise waren sie auch zu dicht gehängt. Mit Sicherheit aber ließ die ins Religiöse
transzendierte Auffassung der Werke Rothko’s den von ihm gemalten Charakter der Bilder
nicht genug zu. Die so viele Menschen äußern, wenn sie von Rothko schwärmen!
Rothko selbst hat sich gewundert über diese sentimentalische Betrachtung seiner Bilder und
hat betont, dass er ein Maler des Zorns war.
Mir fällt zu diesem Phänomen die Kreuzigung von Jesus ein. Seine Jünger konnten es nicht
ertragen, dass ihr Meister als Mensch gefoltert und hingerichtet wurde und überhöhten dieses
Geschehen aus Ohnmacht. So wurde eine reale Begebenheit ins Religiöse transzendiert, und
die Heilsgeschichte der Auferstehung des Herrn hat sich bis heute gehalten und wird
beispielhaft für das eigene Leben in Betracht gezogen.
Warum wird so wenig oder gar nicht von der Tatsache berichtet, dass Mark Rothko ein
jüdischer Maler war. Warum wird nicht sein Selbstmord am Ende seines Lebens auch einmal
in diesem Licht gesehen. Warum wird nicht einmal die Genialität und die Schöpferkraft auf
die jüdischen Wurzeln zurückgeführt. Es wird immer nur mit vorgehaltener Hand gerade mal
erwähnt, dass...............................................
Die enorme Stärke der generösen Vitalität des jüdischen, kulturellen Erbes, hier der Malerei
der Moderne, hat sich in dem Werk Rothko’s im Felix-Nussbaum-Haus in einem
wunderbaren Licht gezeigt.
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