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Buchengold 10/09
Warum bin ich nicht geblieben? Warum sitze ich jetzt in einem lichtlosen Stadtcafé mit Blick auf die Mauern einer
gegenüber liegenden Häuserfront? Noch vor 10 Minuten war ich im Paradies. Es ist nicht übertrieben, dieses große Wort
zu wählen für einen kleinen, fast alltäglichen Ort:
Auf der Bank vor einer Wiese unter einer stattlichen, alten Buche. Ihr Geäst und Gezweig vor einem strahlend
blauen und sonnigen Herbsthimmel. Leises Wehen lässt ihre losen Blätter erzittern oder zu Boden tanzen. Ein Singen
ist noch über ihnen, und ich erblicke einen Schwarm ziehender Gänse. Locker geordnet in großer Höhe mit leisem Geschrei
formieren sie sich nach geheimen Mustern und Kräften. Unter mir der bunte Blätterboden. Über mir eine weite
Fortsetzung von goldenen, belaubten Baumkronen, die bereit sind, ihre Blätter zu verlieren. Der Raum ist erfüllt
von vibrierender Schönheit.
Warum bleibe ich nicht? Immer wieder passiert es mir, - besonders bei Buchen -, dass ich vor Schönheit in
Sehnsucht vergehe, sie nicht ertrage und fort muss!
Mit etwa 14 Jahren widerfuhr mir diese Überwältigung durch die herbstliche Schönheit eines Buchenwaldes zum ersten
Mal, und Tränen, die ich nicht verstand, liefen mir still die Wangen hinab.
Was war geschehen? Was geschieht mir immer wieder, wenn es zu schön wird? Was heißt zu schön? Kann irgendetwas zu
schön sein?
Die Buche hinter meiner Bank hat zugegebenermaßen alle Qualitäten, die zur Schönheit gehören: Hoch aufgerichteter,
starker Stamm mit silbergrauer Rinde von feinster Struktur, fest im Erdreich verankert durch ihr Wurzelwerk. So
steht sie hinter mir in ihrer Atem beraubenden, schützenden Stabilität. Mein nach oben schweifender Blick wird
durch ein derart vielfältiges Blätterdach gesättigt, dass ich es kaum ertrage. Weites Gezweig unendlicher Form-
und Farbdifferenzierungen mit ihren Licht durchlässigen Blättern, die in ihrer sich überlappenden Transparenz ständig
wechselnde Aquarelle erzeugen. Wie fadenscheinig und armselig mir die anmaßende Absicht erscheint, dies zu malen!
Selbst ein beeindruckendes Foto im Großformat von allerhöchster Brillanz wäre nicht im Stande, dieses tanzende
Arrangement der Natur wiederzugeben.
Was ist es, dass die Menschen nicht auf dieser Bank sitzen? Selbst die Sonne ist warm. Es sind alle Qualitäten
vorhanden, die im Urlaub in der Natur gesucht werden. Kein Naturstück kann schöner sein als dieses Eckchen Erde,
das steht für mich felsenfest.
Warum bin ich fort gegangen? Warum jagen wir lieber in der steinernen Einkaufsmeile einem Konsumartikel hinter her?
Warum sitzen so viele Menschen auf dem Rathausplatz und trinken und rauchen? Weil sie arm sind? Und was ist mit
den Reichen? Sie trinken zu Hause oder auf Vernissagen.
Warum planen oder buchen wir jetzt schon wieder den nächsten Urlaub? Suchen wir also doch die Schönheit, um
ihr dann den Stempel der Vergangenheit auf zu drücken, z.B. im Foto, um sie in das Paket Sehnsucht zu packen?
Warum?
Warum fällt mir unter dieser Buche ein, unter ihr gern begraben zu werden? Warum tanze ich nicht um
den Baum und erfreue mich seiner Schönheit und des Lebens? Warum ist denn diese goldene Buche im Herbst derartig schön? Warum ist
eine blühende Rose so schön, und alle sind sich einig, dass das stimmt?
Es ist die Liebe und nicht die Buche.
Es ist das Sterben, das die Schönheit auslöst.
Der Schmerz des Herzens ist die Stille, die ruft.
Ich bin gegangen, weil ich den Schmerz nicht ertrage, der sich einstellt, wenn ich diese Einsicht nicht
leben kann.
Die Gleichzeitigkeit der gerade noch zarten Lebendigkeit eines Blattes und seines zu Boden- Tanzes ist
das Sterben pur. Es geht hier so schnell, wie das Leben eines Schmetterlings. Auch diese sind so faszinierend
schön, weil sie so zart sind, so zerbrechlich, so augenscheinlich sterblich.
Und das Gold der Blätter. Diese Farbe des von uns so über alle Maßen geschätzten Edelmetalls, das sich nicht
verfärbt noch rostet, sich in der Gluthitze des Schmelzofens noch klärt, vermittelt ein Gefühl von Ewigkeit,
von unvergänglichem Wert. Der Kontrast zu der losen Leichtigkeit der vergehenden Blätter erzeugt eine riesige
Spannung, die sich entlädt in wehmütiger Freude bis zu gläserner Verzückung.
Die faszinierende Schönheit dieses farbenprächtigen Schauspiels würde nicht derartig strahlen, wäre
sie nicht so vehement vom Sterben geprägt. Eine Plastikrose ist nicht von derselben Schönheit wie eine
blühende und gleichzeitig verblühende, sterbende Rose.
Jede Sekunde verändert sich alles Lebendige zum Tode hin, stirbt jeden Moment, vom Augenblick der Geburt
bis zum Tod.
Wir vermeiden diese Einsicht, indem wir das Vergangene mumifizieren, versuchen es festzuhalten oder eben
auf tausenderlei Weise davon rennen. Das
ist Wahnsinn, weil es das vermeintlich vermiedene Leid nur vergrößert.
Da unser Leben im Vergleich zu dem eines Blattes lang ist, können wir uns etwas vormachen.
Wir spüren diese Lüge. Wir sterben ständig.
Das fallende, goldene Blatt macht mir tanzend vor, wie leicht es sein kann, zu sterben, wenn man sich nur hingibt.
Meine Sehnsucht, diese Erkenntnis zu leben, ist unendlich groß!
Jede Freude, jede Trauer, jeder Schmerz erscheint mir gegenüber dieser Erkenntnis wie nichtig.
Ich ahne etwas und will nicht mehr schwärmen und mich im sehnsüchtigen Schmerz baden oder vor ihm davonlaufen.
Ich sehe im fallenden Herbstblatt keine "verneinende Gebärde," - wie Rilke vor 100 Jahren in seinem Gedicht
"Herbst" schrieb, das bis heute so gern zitiert wird und das er selbst am Ende seines Lebens durch die Gedanken
in den Elegien, die seiner Zeit so weit voraus waren, nahezu widerrufen hat.
Es ist ja in der Trauer um das Ende eines Blattes sowie eines Menschenlebens eine christlich gefärbte
Projektion abzulesen, die in ihrer Verneinung des Sterbens-, die blühende Rose ist schön, aber die vertrocknete
stimmt mich traurig-, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode legt. Darin liegt der gesuchte Trost durch
den irrationalen Glauben und schafft das nicht enden wollende und immer noch gesuchte Leid.
Ich möchte die Bäume im Raum der großen Liebe singen hören, unter ihrem herrlichen Kronendach mit ihren Blättern tanzen,
dem herbstlichen
Leuchten mit meinem Schauen begegnen, die nährenden Melodien und den goldenen Klang in die Dunkelheit des stillen
Abends hinein tragen.
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