Emil Schumacher (1912- 2002)

Mir genügt die Aneinanderreihung von Farbflecken und vagen, unbestimmten Formen nicht. Ich suche einen bestimmten Ausdruck, denn die Flecken und Linien müssen ja nicht Flecken und Linien an sich sein. Vom Standpunkt des Künstlerischen her ist alles unabhängig von Bedeutungen. Aber der Linie, wie ich sie mag, muss so von fern her eine Bedeutung in dem Sinne zuwachsen, dass sie etwas ein- und ausschließt. Dass sie eine Bedeutung über ihre eigene Bedeutung hinaus erhält. Das soll nicht ungefähr, sondern verschlüsselt, nicht bis in alle Einzelheiten hinein genau sein. Es handelt sich nicht um Darstellungen, eher um Anspielungen auf Gesehenes (1995).

In der Linie manifestiert sich vieles, was mit Farbe nicht so einfach darzustellen ist. An der Linie erkennt man sofort, wes Geistes Kind der Maler ist. Durch die Linie wird die unmittelbare Mitteilung gemacht. Sie ist nicht nur eine Linie, die einfach nur gezogen ist, sondern sie ist erlebt. Schon die Höhlenmaler haben sich ganz durch Linien ausgedrückt, Kinder äußern sich durch Linien. All dies zeigt, dass die Linie ein ganz wesentlicher Bestandteil menschlicher Äußerungen ist (1992).

Mich interessiert das Schimmern der Farbe in ihrer Stofflichkeit, wie Sie es in der Natur bei Schmetterlingen beobachten können, mit dem leichten Staub, dem Puder auf den Flügeln. Diese Stofflichkeit in einem Bild herzustellen und haltbar zu machen, ist sehr schwierig. Edgar Degas hatte eine Lösung gefunden, Pastellfarbe zu fixieren, sie aber leider nicht weiter gegeben (1992).

Im Grunde ist Malerei immer ein Destruktionsprozess. Es gibt bei mir eine Dialektik von Zerstören und Wiederaufbauen im Bild. Aus dieser Dialektik lässt sich die Bedeutung mancher Bilder erklären. So versuche ich oft, die Bilder zu durchbrechen (1992).


aus:  Katalog/ Retrospektive/ Hamburger Kunsthalle 1998: ‚Emil Schumacher in Äußerungen zu seiner Malerei’, S.128 ff.


‚Farbe schafft mir eine Welt,’ hatte Emil Schumacher 1997 gesagt, „aber sie braucht eine Stütze durch die Figur, durch die Zeichnung, die ich integriere, verschmelze.’ Noch in Schumachers abstraktesten Gemälden tritt die expressiv bearbeitete Farbmaterie in Beziehung zu einem in sie einmodulierten Liniengeflecht, das sich ............... zu Bedeutungsgebilden konkretisiert..................Wo sich wie in den späten Bildern wuchtige Gegenstände - Tiere oder Gestalten - aus den Farbflächen heraus kristallisieren, wirken sie der Materialität abgetrotzt, um wie in vorzeitlichen Höhlenmalereien im Darstellungsakt selber die Natur gleichsam zu bannen. Erhabene Bildwelten sind so entstanden........“


aus: Nachrichten DIE WELT – WELT ONLINE / 10.4.01 zu E. Schumacher / Kunsthalle Emden