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Der Film ‚Wolke 9’ von Andreas Dresen
Abaton Hamburg 9/08
Vor mir ausgebreitet auf dem Cafétisch:
- „Also, da kommt noch was!“ / Interview von Birgit Glombitza mit Andreas Dresen aus der taz vom 4.9.08 über seinen
letzten Film “Wolke 9“
- „Erwachsener Sex im Alter“ / Kommentar von Dirk Knipphals / Titelseite/taz 4.9.08
- „Beschwingt und leichtfüßig“ / Kulturspiegel/Werbung ebenso in der taz
- „Wolke 9“ / Rezension von Ina Bösecke in der konkret Nr.9, Sept.08
- Osho / „Tod – der Höhepunkt des Lebens“
- Krishnamurti / „Über Leben und Sterben“
Eine halbe Stunde, -mindestens-, große Leinwandbilder von der körperlichen Liebe zweier älterer Menschen, viel zu nah, viel
zu deutlich, obwohl der Autor sich dagegen ausspricht, hat er’s doch gemacht.
Eigentlich wollte ich mir diesen Film gar nicht ansehen, dem der taz am 4. Sept.08 ein Filmstill für das Titelseitenfoto wert war
– im Format der halben Seite. Mit einer Großaufnahme hat die taz auf ihre versteckt reißerische Art die seelische
Bannmeile des Films missachtet und uns mit der zusätzlich auf’s Foto plakatierten Aufschrift „Yes, I can“ zielsicher
auf das Thema gestoßen.
Ähnlich wurde es aus allen Medien posaunt: „Sex in hohem Alter“. Anette Gerlach lächelt milde in den Kulturnachrichten
von arte, wenn sie meint, ’das gibt uns Mut’. Ina Bösecke in der konkret hat „tapfer zugeschaut, wenn Omi und Opis sich
ständig begrapschen“. Der Ton ihres Kommentars ist verzweifelt ironisch. Da nützt die junge linke Sprache nichts, wenn es um das
große Thema von Liebe und Tod geht.
Wie steht es nun mit Andreas Dresen? Seine lächelnde, leise, doch bestimmte Art, dem Lebendigen zu begegnen, die mir im ‚Sommer vorm
Balkon’ so gut gefiel, war der Auslöser, diesen Film trotz der schauderhaften Kommentare unserer Kulturbegleiter aus Funk, Presse und
TV anzuschauen. Es kann nicht sein, dachte ich, dass A. Dresen lediglich zeigen will, dass auch bei älteren Menschen die Sexualität noch
leben kann und darf. Das wäre nun wirklich nichts Neues. Erschreckend genug, wie breitflächig, ironisch und drängend darauf in den
Medien anlässlich dieses Films aufmerksam gemacht wird. Die Prüderie muss also doch noch horrende hoch sein im Seelenhaushalt der
zeitgenössischen Menschen.
Fünf kleine Puppen, Mädchen von etwa 15 Jahren, sitzen mir gegenüber. Im Gummiband gehaltene Pferdeschwänze, Jeans,
enger Pullover, Rucksack, Turnschuhe. Sie unterhalten sich desinteressiert ernsthaft und strahlen unerotische Langeweile aus, die besonders
unerträglich ist, da sie doch noch so jung sind. Sie wirken sehr alt auf mich. Nein, alt ist eben das falsche Wort; fade, unlebendig,
phantasielos, unkreativ. Vielleicht müssen sie erst den langen Weg eines genormten Lebens gehen, bevor sie an solche Schnittstelle ihres
Daseins gelangen wie ‚Inge’ in ‚Wolke 9’, die sich im fortgeschrittenen Alter von 65 Jahren endlich dem Lebendigen
zuwendet, über den Weg der Sexualität. Die sexuelle Kraft stürzt sie in ein Abenteuer, das die Veränderung ihres bisher
stumpfen Lebens auslöst. Es bleibt offen, wohin es sie noch treiben wird. Ihr sei es „geschehen“, wie sie immer wieder
beteuert. “Es ist mir passiert!“, wundert sie sich mit Nachdruck und spricht so, als wäre es eine unabwendbare Tatsache,
der sie sich schicksalhaft stellen müsste. Dabei könnte sie ja, wie Millionen unserer preußischen Vorfahrinnen es taten, einfach
Schluss machen mit dem noch kleinen Abenteuer und ihr Eheleben wie gewohnt wieder aufnehmen. Aber das tut sie eben nicht. Sie nimmt den Bruch in Kauf
und schaut dem Ende ihres Familienlebens sowie dem Tod ihres Ehemannes in die Augen. Sie wird ihr Leben ab jetzt dem Lebendigen öffnen.
Dafür hat sie seelische Schmerzen, Verzweiflung und Ohnmacht durchgeblutet, was zu einer echten Krise dazugehört.
Andreas Dresen sagt zwar im taz – Interview locker: „Also, da kommt noch was! Das finde ich ja ganz gut“, und meint damit
wohl die Chancen im Alter. Es ist ihm wahrscheinlich nicht so recht bewusst, was er da filmt, und das gefällt mir. Er drückt aus, was
ihn tief beschäftigt, ohne gleichzeitig verbalisieren zu können, was er will und tut. Das macht einen echten Künstler ja
schließlich aus. Er will eine „Geschichte der Unvernunft“ drehen, „die einen auch noch im hohen Alter davontragen
kann“.
Die Langeweile der mir gegenüber sitzenden jungen Mädchen ist fast beängstigend. Ich stelle mir vor, plötzlich passierte
einem von ihnen eine derartige Verliebtheit. Es würde ihr den Boden unter den Füßen wie nichts entziehen!
Bis auf die Ohnmacht der zu vielen großen Bilder der Sexualität hat Andreas Dresen wieder feinfühlig und prägnant gedreht,
wie schon im ‚Sommer vorm Balkon’. Seine Bilder sind treffend und rücksichtsvoll, poetisch und radikal. Die Lage einiger
typischer Menschen unserer Zeit in Familie, Sexualität und Alltag wird deutlich aufgezeigt. Nun wird dies anhand einer Liebesgeschichte im
fortgeschrittenen Alter zwischen 65 und 75 pointiert. Es gibt scheinbar nicht mehr diese Aussicht auf neue Anfänge, auf mögliche
Änderungen des Lebens, weil sie eben schon so alt sind.
Besonders hart wird deutlich, wie wenig hier die Psychologie der letzten 100 Jahre bewirkt hat, wie wenig die Hinwendung unserer Philosophie
nach Osten genützt hat! Wie sind die Menschen gefangen im ohnmächtigen Ritual ihres Alltags. Wie angekettet haben auf mich alle
Figuren dieses Films gewirkt. Ohne Bewusstsein für ihr Dasein und ihr Handeln wiederholen sie eingefahrene Muster, die ihnen traditionellerweise
scheinbare Sicherheit suggerieren. Als Beweis führt dann ein Liebesabenteuer ad hoc zur Katastrophe. Nicht die leiseste Spur von spirituellem
Gewahrsein, bei keinem der Protagonisten, auch nicht bei dem alten Karl, der sich mit Glück jung erhalten hat, aber eben auch nicht bewusst lebt.
Er blüht, wie Inge, kurz auf durch die neue, junge Liebe, aber das Ende ist ebenso deutlich spürbar. Auch er zeigt Falten der Verzweiflung
an der Stirn, als Inge um den Tod ihres Mannes trauert. Sie trauern in dem Augenblick um das bisher ungelebte Leben.
Es ist das so sehr Bedrückende an diesem Film, das Miterleben dieses langen, 30jährigen, stummen, ungelebten Lebens, das durch
die Verliebtheit der beiden Alten in seiner Niedertracht umso deutlicher aufscheint und den Kinobesucher wie ein Aufschrei im sensiblen Licht der
schönen Lanschaftsszenarien heimsucht.
DEN Tod, der zur Liebe gehört, wie das Spiegelbild des Mondes im Wasser zum Mond, hat A. Dresen nicht aufgezeigt. DER Tod, von dem
Krishnamurti unser Verstehen abfordert, bevor er uns das Verstehen des Lebens und der Liebe zutraut.
Hier wird die Liebe mit dem Zusammenbruch des ganzen bisherigen Lebens eingelöst. Das ist das mich nicht loslassende Drama des Films.
Weiter hat A. Dresen noch nicht geschaut. Vielleicht wird er ja später einmal einen zweiten Film über das weitere Leben von
‚Inge’ drehen. Sie hat sich, wenn auch spät und dramatisch, eine Chance ermöglicht, lebendig zu werden. Mag sein,
dass sie stärker ins Gewahrsein gelangen wird und das Wunder erleben, dass Tod und Liebe gnadenlos zusammen gehören, und eben schon
zu Beginn jeglicher Liebe.
Die helle Schönheit einer blühenden Rose ist nicht zu erkennen, ohne dem Tod ihres Verblühens mit derselben Liebe zu begegnen
wie ihrer Pracht.
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