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‚Sturmmöwe’ oder ‚kleine Geschichte in blau’ 9/09
Schnell, schnell, eine kleine Geschichte in blau erzählen, damit sie dann sinken kann, sinken in das Firmament jenseits jedes Blau.
Ein Foto von der Nordsee, angelehnt auf dem Küchentisch: eine Sturmmöwe steht auf ihrem roten Bein am weiten Strand mit Horizont und Himmel, etwa halbe, halbe. Relativ klein in der Mitte eines glänzenden Hochformats, weißgrau in der sanften Schönheit des hellen Sandes, der Himmel wölbt sich in unruhigen blauen Sturmwolken vertikal zum oberen Bildrand hin über den Kopf des Betrachters. Die Möwe steht unbewegt in diesem großen Raum.
Wie schön! Und augenblicklich löst dieses kleine Naturereignis von gestern Sehnsucht aus. Empfindung von Trauer, eine leise Trauer über Vergänglichkeit und Verlust. Das Foto als Abbild der festgehaltenen Zeit, das vorherrschende Bild-Medium unserer derzeitigen Medienkultur.
Weit mehr als den Verlust des Gewesenen über das Medium Foto löst dieses kleine Bild über sein Motiv aus: Sehnsucht. Die Möwe in der blauen Weite des Naturraumes, allein ohne ihren Schwarm, wirkt einsam. Kleiner weißer Vogel vor blauem Grund.
Die Farbe Blau hat eine lange deutsche Tradition der Sehnsucht. Die deutschen Romantiker haben das Blau des Tuches der Maria als Himmelsbotin für die ‚blaue Blume’ verwandt. Die notwendige Infragestellung der Herrschaftsmacht der christlichen Religion leitete leider zugleich die Loslösung von der verinnerlichten Verbindung zum Göttlichen ein. Das ICH, in der Renaissance geboren, erhält nun, weil’s allein nicht existieren kann, einen Partner, die Sehnsucht. Die Farbe Blau, diese in die Tiefe lenkende Farbe, wird in ihrer neuen Bedeutung der sentimentalen Sehnsucht, diesem Partner als Tuch übergewofen.
Die Möwe auf meinem Foto erinnert mich an ‚den Mönch am Meer’ von Caspar David Friedrich. Allerdings ist ihr Blick nicht wie bei dem Mönch in die Ferne gelenkt. Sie blickt, parallel zum Horizont, den Strand entlang, evtl. nach Sturm oder Fluggenossen. Der Blick des Mönches ins Unendliche löst sich in der Sehnsucht auf, und ohne Rückverbindung wird aus seinem Allein-Sein Einsamkeit.
Die deutschen Expressionisten haben die Farbe Blau häufig verwandt, diese künstlerische Bewegung, die ihre Emotionalität als Anker ausgeworfen hat. Die schönsten Bilder dieser deutschen Künstler bleiben zum großen Teil der Sehnsucht verhaftet. Das herrliche Ultramarin von Yves Klein spielt letzten Endes auch eher eine Sehnsuchtsmelodie. Er ‚ginge von der Macht der Farbe aus’, und wolle in seinen Monochronien ‚in unpersönlicher Geste malen’, mit Farbrolle oder im Abdruckverfahren. Auch hier spüre ich einen Sog des Blau, dem leichtes Spiel zugestanden wird, wenn sich seiner Macht in Unpersönlichkeit hingegeben wird.
Nicht das ICH löst sich in diesem Sog der Sehnsucht auf, was ja schön wäre, sondern die geistig-seelische Kraft des spirituellen Raumes, die eher gebunden werden müsste. Bei Picasso gab es die Farbe Blau in seiner ‚blauen Periode’, als er sich als junger Mensch mit dem Leid der Menschen identifizierte und das zum Ausdruck brachte. Dann ist er in die erwachsene Verantwortung eines tatkräftigen Künstlers gegangen und hat die Sentimentalität des Blau abgelegt.
In den frühchristlichen Bildern trug Maria ein rotes Kleid zum Zeichen ihrer mütterlichen Erdverbundenheit und das blaue Tuch für die gleichzeitige Verbindung mit dem Göttlichen.
Das große Weibliche in Maria als Gottesmutter und in Maria-Magdalena als Frau von Jesus ist von der patriarchalen Macht der Kirche verdreht und unterdrückt worden. Ausgegrenzt wirkt es als Schatten weiter, in der Sehnsucht, die sich in all den Süchten ausdrückt, Alkoholsucht, Konsumsucht, Bildersucht etc.
Wie gut, dass meine Möwe rote Beine und einen roten Schnabel hat vor dem blauen Firmament.
Kandinsky hat Blau die Farbe des Geistigen genannt. Wenn er nur das Göttliche, die spirituell-geistige Kraft hinter den Staatsreligionen meinte, das diesen ja zugrunde liegt, was immer noch in den alten Gotteshäusern zu spüren ist. Aber ich ahne, es ist eher die Sehnsucht nach der fehlenden Mater, nach der Rückverbindung zur Erde, zum großen Weiblichen, und wage zu behaupten, dass Kandinsky unter dem Deckmantel der Kunst wiederum das männliche Prinzip als das Wesentliche, das Geistige betont und diesem die Farbe Blau zuschreibt.
Hier werden die Grenzen all der vielfältigen, geistreichen, von mir hoch verehrten, revolutionären Bewegungen der Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts berührt. Ihre Vertreter, wie auch die Dichter und Musiker aus der Zeit, haben uns aus den alten, festgefahrenen Mustern und Verstrickungen der Herrschaftsideologien los geeist. Ihre oft halsbrecherische Arbeit hat uns ein Stück tiefer sinken lassen. Im Angesicht der schwarzen Rose allerdings sind sie, besonders in ihren Programmen, eher Konzepte.
Sehnsucht nach Rot im Blau? Nicht die Sehnsucht in den Himmel, sondern zurück in den Mutterschoß?
Nein, auch das nicht.
Die einzige Sehnsucht, die erlaubt ist, ist der notwendige Wunsch nach Freiheit, jenseits jeder Farbe.
Die Möwe fliegt auf, mit ihren Schwarmfreunden tanzend im Sturm.
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