Danae 10/08

‚Joven’, sagte Hans, als ich fortging zum Schreiben und mich kleidete, ein wenig á la mode der jugendlichen Unkultur, die mir Spaß macht, da sie so herrlich unkonventionell ist. Schichten divergierender Kleidungsstücke ergeben so oft eine Art Vogelscheuchen- Look, der von apart/sexy bis spleenig/schlampig geartet sein kann. Auf jeden Fall ermöglicht er dem weiblichen Geschlecht sich zu entfalten, etwas zu erproben, zu wagen, zu zeigen oder zu verstecken; je nach Tagesverfassung und aufzusuchender Umgebung. Es ist einfach so, dass wir etwas Spaß daran haben und dass genau dies erlaubt ist. Unsere Mütter, die wir noch in uns haben, beeindrucken uns nicht mehr mit ihren christlichen Tränen, die sie vergossen, als sie uns in hautengen Hosen oder geheimnisvoll revolutionären, tiefschwarzen Maulwurfsjacken sahen. Endlich wissen wir, dass ihre Tränen ihnen selbst galten, ihrem verpassten Leben als Frau, ihrer ungelebten Sexualität, dem unerotisch geprägten Habitus ihrer Körperlichkeit, der sich in unfreien Bewegungen äußerte, in angehaltenem Atem, in gesenktem Blick. Die noch als junge Frau durch die weiblich nuancierte Mode der 40er Jahre genossenen Kleider wurden im Alter abgelegt und es wurde eine geradezu frappierende Verwandlung augenscheinlich. Fließende Röcke aus sich schmiegenden, wärmenden Stoffen wurden zu klein- oder großkarierten, gerade geschnittenen Hosen mit Bügelfalte und führten zur Betonung der älter werdenden Figuren durch groteskes Herausstellen ihrer Schwächen. Zudem wurden Accessoires aus Urzeiten neu verlegt und von den ehemals ‚Schönen’ sich selbst verleugnend eingesetzt, um sich nun endgültig dem kirchlichen Verbot der freien Sexualität zu beugen und dem Gebet zuzuwenden, das aus der hoffenden Hinwendung auf ein helleres Leben nach dem Tode heraus sprach.
2000 Jahre haben wir Frauen uns immer und immer wieder in diese Schiene gepresst mit unterschiedlichem Gesicht oder uns vernichtet, indem wir uns gegen diese einzige Möglichkeit des Ja-Sagens aufgelehnt haben.
Hier und jetzt, in dem Bewusstsein dieses für die Weiblichkeit harten, historischen Prozesses des christlichen Abendlandes, können wir das Wenige, die über Jahrhunderte hart erkämpfte Freude daran, eine Frau zu sein, nun einigermaßen einfach leben, z.B. in einem ‚Zwiebeldress’ im Café sitzend und schreibend.
Meine derzeitige bildnerische Arbeit spiegelt die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen wider. Die Bewusstwerdung dafür, dass unserer westlichen Zivilisation im Übermaße das ‚lunare Prinzip’ gefehlt hat und immer noch fehlt, ist zurzeit in mir hochlebendig. Das ‚solare, männliche Prinzip’ hat durch Kirche und Politik dafür gesorgt, dass seine Macht bisher nicht wesentlich unterlaufen wurde. Diese Haltung ließ sich nur mit tödlichen Mitteln gegen die rebellischen und mit drohenden Geboten für die angepassten Frauen aufrechterhalten.
Dieser Motor ist immer noch in vollem Gange. Schau’ doch, wie sehen unsere alten Frauen aus! Statt würdevolle, weise Alte sehen wir  lasch in Beige gekleidete Mannfrauen, wie sie von ihren weichen Männern Händchen haltend beim Einkaufsbummel begleitet werden. Und abends dann  geben sie sich der Massenbetäubung unserer Fernsehkultur hin, die in dem Maße trivialer wird, wie die Konsumsucht die Herzen verengt. In der Gier nach der Materie, die ja schließlich immerhin zur sichtbaren Zerstörung der Erde führt, ist  der pervertierte Wunsch nach dem fehlenden ‚lunaren Prinzip’ vergraben, in dem sich die Erdung ausdrückt, die uns so bitter fehlt in unserer tödlich fortschrittsgläubigen Zivilisation, die keine Unterdrückung und Ausbeutung radikalster Form scheut!

DANAE, Thema meiner derzeitigen Malerei. Seit Jahrhunderten haben namhafte europäische bildende Künstler, wie Tizian, Rembrandt, Slevogt, Klimt u.a., sich mit diesem hinreißenden Mythos auseinandergesetzt. Und nun hat’s mich wirklich enorm gepackt. Es ist mein Thema, evtl. mein Lebensthema: die Frau, ihr Weggesperrtwerden durch das ‚solare Prinzip’, hier durch den Vater, der sich vor ihrer Frucht fürchtet. Trauer, Verzweiflung und dann in tiefster Not die Hingabe an das göttliche Licht, hier an den Goldregen des Zeus, den sie in ihren Schenkeln aufnimmt. Die Verwandlung setzt ein, die Frau  erwacht und wird sich erneuern durch Hochzeit, Geburt, Kraft und Leben.
In mir brodelt es gewaltig.
Nun ist es überdies so eigenartig aufwühlend, dass ich seit einigen Jahren in dem erweiterten Bewusstsein lebe, dass ich die kleine Liebe nicht mit der großen verwechseln will. Es kann mir nicht um die Befriedigung der Lust, der Hingabe an den Mann gehen und damit basta. Nein, es geht mir um die Berührung der Stille hinter unseren Paarbeziehungen über die sexuelle Öffnung. Und hier geschieht etwas Ungeheuerliches:
Es gibt Auffassungen der Paradies-Legende aus der Zeit vor Christi Geburt, die besagen, dass Eva keine Sünderin war, wie unsere Kirche behauptet, sondern eine Heldin und dass sie Adam den Apfel als Heilige gab und so dafür gesorgt hat, dass sie beide zur göttlichen Erkenntnis fanden und dass die Schlange die sexuelle Kraft repräsentierte, die Eva zu diesem Schritt ermutigt hat. Maria-Magdalena, die Geliebte von Jesus, war eine Hohepriesterin der Liebe, die in der Lehre des Isis-Kultes der Ägypter ausgebildet worden war. So konnte sie Jesus stärken, ihn über die gewonnene Energie durch die tantrische Praktizierung der kleinen Liebe kräftigen, um den schweren Weg zu gehen, der ihm auftrug, die göttliche Liebe an die Menschen zu vermitteln und die daraus resultierenden Folgen zu ertragen. Maria-Magdalena war eben keine Hure, wie uns die Kirche sagen möchte, sondern die Weiblichkeit pur in allerschönster, weitester und höchster Form, von der wir heute nur noch ein blasses Bild erahnen können.
Aber immerhin, in uns gibt es keine Ruhe, bevor nicht das ‚lunare Prinzip’ zu seinem Recht findet. Das immer wieder zu Boden geknechtete Weibliche ist so wunderbar stark, dass es sich nicht wegrationalisieren lässt und im Zweifelsfall zur weiteren Zerstörung führt, und endlich den ihm gebührenden Platz erhält, um gemeinsam mit dem ‚solaren Prinzip’ zu verschmelzen und  zu leuchten.
Ich werde nicht müde, la luna in meiner Kunst zu rühmen. DANAE soll den goldenen Regen des Zeus in sich aufnehmen und nicht glauben, dass sich dieses Licht mit dem Gold  des Geldes verwechseln ließe, was in dem Bild von Max Slevogt  verdeutlicht wird.
‚Joven’, ja klar, jede Frau kann nicht anders als aus oben genannten Gründen die Erotik aufrecht zu erhalten, solange sie kann. Die wahre Erotik ist dem Schöpferischen verpflichtet, was im „Gastmal“ von Plato durch Diotima vorgetragen wird,  nicht umsonst von einer Frau!
Auch wenn in unserer Gesellschaft die Erotik zur blanken Sexualität verkümmert, lässt sich la luna nicht klein kriegen.
Die Aufrechterhaltung dieser Kraft treibt oft die merkwürdigsten Blüten in manchmal höllisch pervertierter Form.
Dennoch gilt meine Sympathie jeder dieser weiblichen Eskapaden, da sich in ihnen doch eigentlich nichts als die Sehnsucht nach der Hingabe der DANAE äußern möchte.