Georg Baselitz
Deichtor Hamburg 11/08

Ja, ich lasse den Baselitz–Flyer auf dem Tisch liegen. Gerade überlegte ich, ihn lieber in die Tasche zu tun, aus Minderwertigkeitsgefühlen heraus. Er ist ein Maler-Riese, zurzeit weltweit hoch anerkannt. Erst jetzt finde ich Zugang zu ihm, über die Ausstellung seiner Russenbilder in den Hamburger Deichtorhallen. Seine wuchtige Malerei und Bildhauerei hatten mich bisher nicht getroffen; zu grob, war mein Credo. Auf einem Mal ist ein Draht da – und wie! 3x war ich dort, und suche und suche. Wie hat dieser knorrige Maler es erreicht, seine zarte Seele sprechen zu lassen? Und dazu in leichter, luftiger Form? Eine mich mitnehmende Balance füllt die große Halle, eine demütige Haltung der eigenen Absicht, und besonders der möglichen Anerkennung gegenüber. Welche Kraft muss es kosten, dem Ansturm des vorauseilenden Ruhmes stand zu halten. Wie Baselitz seine Vergangenheit als Jugendlicher, durch Russland und die DDR geprägt, in bleischweren Schichten auf seine Schultern geladen  und unter diesem Geist gearbeitet hat, so lässt er jetzt diese Schichten einfach leicht in die Luft gehen. Es ist sehr  faszinierend, da diese Bilder eine tiefe Spiritualität entfachen, gar nicht nur leicht sind, sondern zugleich von einer genialen Ernsthaftigkeit, die mich lächeln macht.

Zwei Dokumentarfilme von Heinz-Peter Schwerfel begleiten die Ausstellung, in denen er Baselitz vorwiegend in seinen Ateliers zu Fragen seiner Kunst interviewt. Sie entstanden in 12-jährigem Abstand zueinander, sehr ähnlich in der Form. Baselitz’ Sprache zeichnet seinen Schaffensprozess nach, umgarnt seine Absichten, seine Prinzipien, seinen Malerstatus. Er sagt, er führe privat ein braves Leben, als Maler lebe er außerhalb der Gesellschaft (wie soll das gehen?), dort sei er sogar Mörder. Diese Aussage macht ihn mir fremd und erklärt diese  Kluft, die ich spüre, wenn ich ihm zuhöre. Wo ist seine Botschaft? Muss er sie uns „ sagen “ ? , er malt sie doch. Mir scheint eine derartige Spaltung des eigenen Wesens unmöglich: hier braver Bürger, hier Künstler. Sogar fühle ich ein Muss der Integration dieser beiden Ebenen.  Die Verbindung der Quelle unseres Ichs mit unserem augenblicklichen Dasein, ist sie nicht die Ebene, die erkämpft wird vom Künstler? Ich spüre diesen Kampf in Baselitz Bildern, nehme zugleich aber in seinen Worten ein getrübtes Bewusstsein für diesen Kampf wahr. So entsteht bei ihm eine eigenartig hölzerne Sprache ohne Fluss, die zu seiner eigenen geworden ist und sein Ich hält wie ein Korsett.

Die „Russenbilder“ leben jenseits seiner verbalen Sprache, berührend, immens, radikal wahrhaftig, faszinierend. Baselitz wird wohl täglich die Rollen wechseln vom Ich zum Künstler und zurück. Wie kann dieser Spagat zu derartig kraftvoller Kunst werden? Oder fehlt ihr am Ende doch das Entscheidende für sehr große Kunst? Wieso hält er so fest an der Umkehrung seiner Motive? Es hat etwas zwanghaftes, hinter dem eine Riesenangst lauern muss, welche Angst? die Angst vor dem Fall. Jetzt hab’ ich dich Baselitz – und darf doch – auch im Angesicht des Flyers auf meinem Tisch – über meine Kunst schreiben. Meine Kunst, die sich zurzeit so hell und leicht geriert, dass ich mich wundern muss. Von Baselitz’ Russenbildern inspiriert, lasse ich Motive, die mich lebenslang bedrückt haben, in die Luft gehen.

Aber wie ist es Baselitz gelungen, diese Leichtigkeit über diese schweren Motive zu werfen? Im zweiten, zeitnahen gefilmten Interview höre ich den 70jährigen Baselitz sagen: „ Kein Vorhaben mehr, keine Absicht, kein Konzept, das fällt jetzt weg. ein hermetischer Raum. Und das Erstaunliche ist, das die Bilder jetzt leichter werden.“ ( in etwa der Wortlaut) . Was hat Baselitz erlebt, das er am Ende zu dieser Aussage kommt? es muss ein einschneidendes Erlebnis hinter ihm liegen, das ihn fallen lassen gemacht hat, fallen in den tiefen Brunnen seiner Seele, wo das Ich eins wird mit dem Selbst, wo seine vor 10 Jahren noch verbalisierte Spaltung in Ich und Künstler aufgehoben wurde, und war’s evtl. auch nur kurzfristig. Aus diesem Fall heraus sind dann die Russenbilder entstanden.

Sinke meine behaftete Seele, sinke, sinke, sinke, sinke. Nimm all den Schmerz der letzten 64 Jahre mit in den Urgrund des Brunnens des endlosen Schachtes. Gestaltend zulassen, gestaltend sinken lassen, meine Arbeit als ein personifiziertes NAN YAR. Damit die, meine/unsere, bleischwere Geschichte endlich sterben darf und der Abschied eingeläutet werden kann von eigener Schuld, von Illusionen und vom Vorwurf.