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Videostills 12/08
In zwei Tagen ist das Jahr vorüber, und ein neues 2009 wird beginnen und wiederum enden, und dann so weiter, einige Male und das so
genannte Leben ist beendet. Dieses ist so derartig kurz, dass es auf der Hand liegt, dass es etwas geben muss, – auch besonders was den
Menschen angeht -, das größer, umfassender, profunder ist. Man merkt es sofort, schon wenn man nur darüber nachdenkt, oder besser noch,
wenn man auf die Ebene hinter den Dingen umschaltet, z.B. beim Schreiben.
Die Feder tanzt, die Worte fließen, die Leute um mich herum schwatzen, die Musik läuft, die Zeit umfängt uns rennend, unterlegt uns
wie ein Laufband, das uns fortwährend von der Vergangenheit in die Zukunft transportiert, und – wie seltsam schön -, all dies in einem
deutlich wahrzunehmenden Raum, der von all diesem und durch nichts berührt wird. Nicht beeinflussbar steht er uns zu Gebote wie eine stille Rose und
wartet nur darauf, von uns betreten zu werden. Machen wir diesen wagemutigen und zugleich so leichten Schritt, stellt sich auf der Stelle Schönheit
ein, Stille jenseits des Lärms, Weite hinter der Bedingtheit jeder Identifikation, die dann liebevoll belächelt werden kann wie ein unmündiges
Kind. Wenn ich mich so zu diesem Raum bekenne, ist es ähnlich schön wie in der Natur. Allerdings geht es eben auch ohne die Natur, denn auch
diese ist in all ihrer wunderbaren Schönheit doch leider nur ein Spiegel, und es ist nicht damit getan, sich in ihr aufzuhalten.
Hier ist die Umgebung chaotisch, bunt, unruhig, ungeordnet, menschlich verzerrt und ruft im Gegensatz zur Natur auf, sich nicht parallel sondern
konträr zu ihr zu konzentrieren. Und genau dazu hilft mir z.B. das Schreiben. Automatisch mit dem Ansetzen des Stiftes und der zwingenden Gleichzeitigkeit
des Wortflusses, der aus der Tiefe aufsteigt, gelingt mir der Eintritt in den stillen Raum. Beim Aufschauen sehe ich meine Umgebung jetzt wie einen kosmischen
Reigen vor meinem geistigen Auge, und das sonst leicht entstehende Fremdgefühl durch allerlei Identifikationen und Bespiegelungen wird zu einem
freundlichen Distanzgefühl, das durch ein mitmenschliches Lächeln begleitet wird. Besonders schön wird dieses Phänomen
unterstützt durch die große Frontscheibe, die bis auf den Gehweg gezogen ist und die Passanten konträr und zugleich ergänzend
zum Geschehen im inneren Raum, von rechts nach links und von links nach rechts in unregelmäßigen Zeitabständen horizontal vorbeiziehen
lässt und so den kosmischen Reigen in seiner Vielschichtigkeit ausdifferenziert und irgendwie abrundet.
Vielleicht nehme ich das nächste Mal meine Kamera mit und stelle sie unmerklich in dieses Ambiente. Um mein Kunsttagebuch in Videoform zu erweitern,
wäre die Aufnahme dieser Situation des Schreibens im Café fast notwendig, da sie doch seit längerer Zeit zu meinen intensiven
künstlerischen Ausdrucksformen zählt.
Dieses im Augenblick von mir benutzte, bisher aber sehr selten verwandte Schreibtagebuch zum Thema Foto/Film wurde am 25.Juni 2005 von mir begonnen und
zuletzt am 30.8.08 eingesetzt. Heute möchte ich über meine Tätigkeit an und mit meinen Video-Tagebüchern schreiben.
- Mir fällt gerade noch ein, dass die Geräuschkulisse um mich herum evtl. meine eigene Geräuschkulisse (der Gedanken) ersetzt und daher
eine Art dämpfende Aufgabe übernimmt, sie entbindet mich sozusagen der eigenen Störung. -
Meine seit etwa 2 Jahren vorgenommenen Tagebuchvideos, - bisher mit einer sehr kleinen digitalen Fotokamera -, setze ich immer noch in der gleichen Art
ein:
„zu Hause,“ - was bedeutet in meiner „Galeriewohnung“, da sich in ihr die meisten meiner Arbeiten befinden und
angesehen werden können oder „Atelierwohnung“, da ich hier an meinen Hauptwerken arbeite, aber eben auch z.T. hier wohne, -
ist der Ort des Filmgeschehens meiner Videos. Die Inhalte kreisen um meine Kunst herum, um die Zeit vor, nach oder ohne die großen Bilder. Wenn
ich einmal andere Filme mache, z.B. über Hans’ neues Dach, o.ä., stelle ich schon bei der Arbeit fest, dass sie nichts zu tun hat mit
dem, was ich will, was heraus muss und was mich in diese fast süchtige Haltung fallen lässt, wenn ich Kunst mache. Ich nenne es einmal so, weil
es nicht ins Wort zu fassen ist, was mich da treibt und was ich da eigentlich mache. - Picasso hat einmal auf eine Frage nach diesem Phänomen
geantwortet. „ich weiß es nicht, und wenn ich’s wüsste, würde ich es nicht sagen“ –
Also die Videos, sie sind nicht dokumentarisch, sie umkreisen eher meine künstlerische Produktion, sie orten mich, sie erden und zentrieren mich,
sie setzen mich erneut frei für anstehende Werke, sie lassen brennende Fragen in den Brunnen der Erkenntnis fallen, sie stellen Fragen oder beantworten
auch welche, sie geben mir Handlungshinweise, sie beruhigen und verlangsamen ein zu schnelles Tempo meiner künstlerischen Vorhaben, sie entheben mich
der tosenden Gedanken, sie zwingen mich zum genauen Hinschauen ohne allzu genau hin zu sehen, sie flüstern mir Wahrheiten zu, die ich ohne sie
nur erahne und durch sie dann plötzlich erkenne, sie machen mir Spaß, sie bremsen eine sich anbahnende Identifikation aus, sie erlauben mir,
meine große Liebe zur optischen Welt zu händeln, sie geben mir Gelegenheit, den Augenschein der Dinge ernst zu nehmen, die mir keine Ruhe
lassen.
Dabei entstehen oft so seltsam schöne, mich reizende Bilder, stelle ich beim erneuten Ansehen dieser kleinen Filme fest, dass ich vor
kurzem anfing, Einzelbilder auszudrucken, sprich ‚filmstills’ zu erstellen. Kurzbezeichnungen mit manchmal kleinen zeichnerischen Zutaten
schließen diese Blätter ab, die dann bisher in eine Mappe wandern. Am reinsten gefallen diese eher ‚armen’ Bilder mir in
ihrem rohen Zustand, was hier bedeutet, als einfache ausgedruckte Din-A4 – Blätter von schlichter Qualität. Zum Schutz stecke ich
sie in Klarsichthüllen, was mir eigentlich überhaupt nicht gefällt. Aber sie sind in ihrer Art sehr instabil und eben Originale, sie
würden sich nur schwer wiederholen lassen, da die geringe und eher zufällige Druckqualität jedes Mal unterschiedliche Ergebnisse
hervorbringt. Die vom Drucker vorgegebene Farbwelt wirft immer wieder überraschend unvorhergesehene Ergebnisse aus -, auch Fehldrucke sind mir
sehr willkommen -, dass sie ein höchst spontanes Spiel mit den Bildern zulässt und eine von den Filmen selbst unterschiedliche Auffassung des
gefilmten Sujets herauf beschwört, was mich so enorm fesselt, dass ich fast süchtig nach dieser Tätigkeit bin, und noch gar nicht
weiß, warum eigentlich. Ich mach’s erst einmal, es wird mir dann später ein Licht aufgehen.
Eine eigenwillige Auseinandersetzung mit den Bildern der so genannten Wirklichkeit, die ich gerade eben erst erlebt und gefilmt habe,
setzt dann bei dieser erweiterten Arbeit mit denselben Bildern ein, die den fast geheimnisvoll werdenden Inhalt in eine neue Ebene hebt
und noch einmal in anderer Gestalt auf die ohnehin mich immer schon faszinierende Fragwürdigkeit des fotografischen Abbildes verweist.
Es wäre zu einfach, es mit dem Gedanken der Verfremdung abzutun. Hier geschieht etwas geheimnisvolles, was mit der Virtualität der
Wirklichkeit zu tun hat.
Hans hat großes Vergnügen an diesen filmstills, da er zum Glück kein Liebhaber des fixierten Bildes, sondern eben
ein Wahrheitssucher ist, dem natürlich ein eher unausgesprochener Abdruck der äußeren Wirklichkeit mehr Aufklärung über
sie bietet als ein scharfes und kompositorisch astreines Hauruck-Bild aus dem Urlaubrepertoire. Er meint, „diese Bilder wären näher
an der Zeitlosigkeit dran, beinahe wie ein Lebenshauch einer flüchtigen Begegnung.“
Es ist nun überhaupt nicht Meine Idee, Videostills ernst zu nehmen. Filmstills gibt es ja schon ewig, und eben auch berühmte. Wer kennt
nicht das letzte Bild aus ‚Casablanca’ mit H.Bogart und I.Bergmann, oder viele andere mehr, früher auch oft auf den wunderbaren
alten Filmplakaten eingesetzt.
Auch in moderner Form haben z.B. Cindy Sherman oder Pipilotti Rist hinreißende Videostills gezeigt. Diverse Maler arbeiten seit langem mit ihnen,
wie ehemals die Maler mit Fotografien.
Es ist immer wieder interessant, wie plötzlich, - ohne es vor zu haben-, eine künstlerische Tätigkeit entsteht, sich ergibt,
und auf einem Mal tut man etwas ähnliches wie Zeitgenossen, weiß aber augenblicklich noch nicht genau, warum. Modeerscheinung? oder tiefer
gesehen ein ernst zu nehmender Trend, der uns voran bringen könnte?
Also, die Videostills haben es mir vorerst angetan, allerdings bisher nur sammelnd. Ebenso wie die Tagebuchvideos, Filmchen von 5 – 11 Minuten
Länge. die ich in Form von CD- Roms sammle.
Wenn sie je angesehen werden sollten, wäre meine Idee, ein kleiner schwarzer Raum, und viele dieser Filme sollten dann dort im Zeitraffer
gezeigt werden. In einem zweiten evtl. nicht ganz schwarzen Raum würde ich Filme abspielen, mit Musik und Texten im Original.
Ich stelle mir das Abspielen dieser Kurzvideos nur für Liebhaber vor, also evtl. in einer entlegenen Ecke einer Ausstellung. Sozusagen
als Hintergrundsmusik für meine Malerei, die sich an eine größere Betrachtergruppe wendet und mehr Masse zu bieten hat. Die kleinen
Filme haben außerdem naturgemäß einen eher erzählenden Charakter, was sie stark von den meisten meiner Bilder unterscheidet.
Eventuell müssen sie auch gar nicht betrachtet werden, wenigstens nicht solange ich lebe, da sie ja Tagebuchcharakter haben. Dann müsste
ich mir allerdings dringend eine Form der Kurzvideos einfallen lassen, die eher zu betrachten, also von allgemeingültigerer Art, wären, da ich
so extrem gern mit ihnen und den Videostills arbeite, was ja nur heißen kann, dass ich durch sie ganz nah an der Wahrhaftigkeit dran bin, die sich
durch mich ausdrücken möchte und was daher meine Pflicht wäre, mit ihnen zu arbeiten.
Was sie mir nun wirklich bedeuten und warum sie mich derartig treiben, weiß ich noch nicht. Allerdings erhellen sie mein Dasein, geben
mir Halt und entfachen große Vitalität, warum auch immer.
Louis Malle hat einmal gesagt, er habe über das Filmen zur Wirklichkeit gefunden. Vielleicht hilft es mir bei der nicht ruhenden Frage
„wer bin ich“.
Die Faszination dieses Mediums, das so verbreitet ist wie nie zuvor, hat sich der trivialen und massenhaften Verbreitung zum Trotz nicht abgenutzt
und taucht in unendlich divergierender Form immer wieder und weiterhin auf. Die Schnelligkeit der Bildaufnahme bis zu seiner Wiedergabe ist auf ein
Minimum geschrumpft und kann nur noch durch das Wegwerfen der Kamera getoppt werden.
Das Sammeln und Ansehen alter Fotografien bringt das Leid der Verhaftung an die Vergangenheit. Aber wenn sich vor mir im Café junge Puppen
einer Mädchengruppe mit dem Handy fotografieren und sich sofort hinterher in diesem Bild anschaun, sind sie nach dieser Tätigkeit heiterer
als vorher. Als hätten sie sich selbst hinters Licht geführt....................oder haben sie sich der Schwere des Daseins einfach über
das Bild enthoben?
Video - ich sehe
still - sei doch einfach still
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