...die Jahre fliegen dahin, und es gibt nur eins, dies in Gelassenheit hinzunehmen, nämlich mit Ramana Maharshi zu fragen:

"NAN YAR ?"  ("Wer bin Ich?"),

sonst nichts, gar nichts.

Alles, was wir sonst noch unternehmen, und sei es noch so erweiternd, bereichernd oder erheiternd, kann uns nicht wirklich zur Quelle bringen. Es gibt durchaus Tätigkeiten, die näher dran sind – oder zumindest durch ihre Eigenart prädestinierter sind als andere, Zustände zu evozieren, die eher verwandt sind mit dem Fallenlassen der oben gestellten Frage in den tiefen Brunnen unserer Seele. Natürlich denke ich ans Tanzen, Lieben, Malen, Musizieren, in der Natur Sein, Schreiben u.a.m. Aber stimmt das denn? Diese Tätigkeiten beherbergen zwar die Schönheit der Ekstase, diese kopflose Zuständlichkeit, die uns leicht macht und in die große Liebe eintauchen lassen kann. Aber ist es Das denn? Wieso gab und gibt es Weise und Erleuchtete aller Art und an Orten aller Couleur?  Könnte mir nicht ebenso das wesentliche Licht aufgehen, während ich einen Apfel zerschneide, die Tür öffne oder sonst was? Ist es nicht sogar eine Falle, sich vornehmlich mit angeblich der Ekstase förderlichen Tätigkeiten zu beschäftigen? Was ist, wenn ich nicht mehr tanzen kann? mich nicht mehr bewegen kann, um mich in einem Darshan  an der  Flamme eines Erleuchteten zu wärmen? Ist es nicht gerade auf diesem terrain von Wichtigkeit, sich in Demut zu bewegen? Nichts ist abscheulicher als Leute mit erhobenem Kinn, nur weil sie tanzen, Kunst produzieren o.ä. Wenn es gelänge, hellwach  und aufmerksam bis in die feinsten Wahrnehmungsnerven zu sein, bräuchte man also nichts zu tun oder könnte irgendetwas tun?

Vielleicht sitze ich deshalb so gern in Cafés. Hier brauche ich nichts zu tun und bin doch vollkommen beschäftigt. Die Freiheit von Gedanken, die wir uns alle so sehnlichst wünschen, sei nur in Gnade zu erfahren, sagen uns diejenigen, denen es geschehen ist. Ist es also einerlei, was du tust? Merkwürdig immer wieder, dass diese Erwachten dennoch behaupten, du könntest das Getrenntsein aufgeben, wenn du nur für eine Sekunde still sein würdest, meint den Verstand und jegliche Konditionierung abwerfen. Übungen unterschiedlicher Art  werden uns angeboten. Wieso? Führen sie uns an der Nase herum? Gangaji sagt, wenn man erwacht ist, sei das Herz so voll, dass man zu den Menschen sprechen muss, aus Liebe.
Das kann ich ein wenig verstehen. In kleiner Form ähnelt mein Motor, Kunst zu machen wohl diesem notwendigen Verlangen, sich mit der Verbindung zu dem Großen an die Menschen zu wenden. In einigen Fällen gelingt es mir, die Menschen mit meiner Kunst zu erreichen, aber.....

Es ist etwas Schönes und Schmerzhaftes zugleich: meine Schrift. Seit meiner Kindheit bis heute: alle mögen meine Schrift, auch Menschen die wenig mit meiner Kunst anfangen können. Könnte ich nur so malen wie ich schreibe. Wo ist der Unterschied? Beim Schreiben transportiere ich einen Inhalt aus dem Innern aufs Papier. Die Schriftgestalt ergibt sich sozusagen von selbst. Nicht ein einziges Mal denke ich über ihr Gelingen nach und erfreue mich sogar selbst an ihrem Fließen, ähnlich wie beim Tanzen. Meine Schrift ist, wie der Tanz, mein Geliebter. Sie gibt mir die Möglichkeit, lebendig zu werden, Inneres zu äußern, was sonst verborgen bliebe und unbeachtet wieder versinken würde.

Beim Malen müsste ich – wie beim Schreiben- die Technik viel stärker als bisher nur als Transportmittel benutzen, noch weniger auf die Qualitäten von Farbe, Farbträger etc. achten.

Möglicherweise verstehe ich immer mehr, dass die Zen-Maler keine Farbe genommen haben, nur schwarze, aus Holzkohle angeriebene Tusche auf weißem Papier mit einem Pinsel, der dem inneren Ausdrucksverlangen sehr sensibel zu Gebote steht. "Arme" Materialien, die nicht ablenken vom Inhalt, der geäußert werden will, die in der Lage sind, für den größten inneren Reichtum gerade zu stehen.

Ob ich eines Tages nur noch in dieser Sparsamkeit arbeiten werde?

Es macht mir bisher immer wieder sehr viel Freude, z.B. ein Rot anzurühren und es mit einem satten Pinselstrich auf die Leinwand zu streichen. Es ist so erotisch, so reich, so voller Leben, aber ist eben zugleich sehr fordernd, Beachtung fordernd. Energien werden freigesetzt, Feuer wird entfacht, und möglicherweise wird die große Stille zu sehr beeinträchtigt. Vom Raum des Brunnens, in den die Frage, "NAN YAR" fallen soll, -  deren Auslösung ja eben auch das Anliegen meiner Bilder ist, wird evtl. zu sehr abgelenkt.

Hab gerade 2 Triptychen erarbeitet. Das erste mit nur Einmalspuren, der eben gestellten Forderung entsprechend. Dann beim 2. wurden es wieder einmal unendlich viele Spuren, Überlagerungen, Schichten. Ist denn die westliche Schichtenmalerei Ohnmacht vor der dichten Aussage? Ist der ganze Amseln Kiefer so zu sehen? Aktivismus statt Konzentration auf Wahrhaftgkeit? oder kann jeder Strich der Überlagerungen in vollster Hingabe ein in den Brunnen gefallener Strich der Frage von NAN YAR sein?

Wieder diese Fragen ohne Ende.

Sei still. Male in Demut in deinen Grenzen und frage: WER MALT?