Kunst und Leben 1/08

Die Zeit wird immer kostbarer. Welch' kosmischer Witz! Wovon wir wenig haben, meinen wir, würde es kostbarer. Da wir das Seltene lieben, weil es einziger, origineller ist, bezahlen wir auch mehr dafür. Dafür gibt es ganz schlichte Beispiele, wie z.B. im Fischhandel die Schillerlocke. In meiner Kindheit galt sie nahezu als Fischabfall und lag auf jedem alltäglichen Tisch zum Abendbrot wie eine Tomate. Heute gilt sie als Delikatesse, da sie nahezu abgefischt ist. Ähnlich mit dem damals vulgären Rotbarschfilet, gab's an jeder Pommesbude, heute ist es caro.

Und die Zeit wird knapper gegen Ende des Lebens, was auch den jungen Menschen zurzeit sehr präsent zu sein scheint. Und auf einmal kommt dieser Drang, noch schnell wichtiges tun zu wollen, schnell noch das kreative Potential nutzen, was mir geschenkt ist, schnell noch in der Liebe handeln, was mir immer noch so schwer fällt und ich gleichermaßen so sehr ersehne. Und in diesem Zusammenhang kam mir soeben beim einleitenden Tagebucheintrag des Datums der Schreibgedanke, ab heute, ab jetzt, immer neben das Datum den Ort und die Zeit zu setzen. Da nicht nur die Tage, sondern jede Sekunde in jedem Licht zählen und in dieser Einzigartigkeit kostbar sind.

Welch' ein Witz, wenn ich hinter mich trete und mein strampelndes Ich betrachte, wie es jetzt, kurz vor Schluss der Vorstellung, zetert! Diese psychologische Zeit, an der wir all unser Planen und Erinnern messen, es gibt sie gar nicht. Wie es mir klar wird, wenn ich das eifernde Geplapper der neben mir sitzenden jungen Frauen wahrnehme. Eine klagt und beschwert sich und zieht die anderen in ihre Klage mit hinein, dass der Sog in die Ichhaftigkeit schließlich in die Befriedigung der Egos mündet und eine dumpfe Atmosphäre entsteht, die nichts mit Ruhe zu tun hat, schon gar nicht mit Stille. Die Stille ist ohne Zeit, sie ist der Raum, in dem Zeit stattfinden kann, ohne dass sie ihm schadet. In ihm gibt es keine Angst vor dem Ende irgendeiner Zeit, einer Lebenszeit, einer Hochzeit, einer Freizeit. Aus diesem Raum der Zeitlosigkeit heraus ist es einerlei, wo genau ich bin, ob ich die Minuten und Sekunden zähle, ob ich jung oder alt bin, gesund oder krank, reich oder arm. Die Frauen sind fort, das Geplapper ist jetzt ersetzt durch eine Gruppe leerer Sessel mit Stille auf ihnen. Was war? Was ist? Nichts ist, sagt der Weise.

Mein alter Wunsch nach einem Dreh' eines Kurzfilms aktualisiert sich gerade: Vorübergehende Passanten im eigenen, ihnen entgegengehenden Schritt zu filmen und dabei einfach die Tonaufnahme laufen zu lassen. Es werden dann Gesprächsfetzen aufgenommen, die sich leise bis laut ins Bild hinein und dann umgekehrt von laut, lachend etc. bis leise verschwindend wieder aus dem Bild heraus schleichen. Und es bleibt: die Stille,...., bis zum nächsten entgegenkommenden Passanten.
Wieso wird eigentlich so wenig über das Ich der Künstler geschrieben? Man sagt zwar, er hatte ein schweres Leben, oder er war unterhaltsam oder sie war eine depressive Frau, die im Irrenhaus gelandet ist. Rilke sagte von sich, wenn er ein Werk vollendet hätte, käme die Zeit, in der er es einlösen müsste, mit dem realen Leben.

Dieses Phänomen erlebe ich in unterschiedlicher Form immer wieder und zunehmend intensiver. Da die Kunst der Wahrheit dient, ist die Künstlerpersönlichkeit in der Regel hinter seinem Werk her. Wenn ich z. B. positive, offene, leichte Bilder schaffe, kommt nach einer kurzen Hochphase in der Regel die Gegenbewegung, die ich dann dummerweise werte und mich schlecht mache, mich anzweifle. Anstatt endlich einzusehen, dass diese durch den Vorgriff auf Wahrhaftigkeit ausgelöste Krisen goldwert sind! Gold wert auf dem Weg der Erkenntnis. Denn ich war schon immer daran interessiert, dass nicht nur mein Werk, sondern mein ganzes Leben in dem Licht der Wahrhaftigkeit baden darf, dass jeder kleinste alltägliche Akt in dieser Erkenntnis ausgeübt wird. Nicht hier Kunst und da Absturz, wie es, besonders in Europa, vielfach gelebt wurde – van Gogh, Kirchner, viele Surrealisten,Schubert, Hölderlin, Wols, Kippenberger, Yves Klein, u.a.m. – geniale Künstler, die ihr Ich einfach missachtet haben. Die alte ostasiatische Idee für die Kunst als Weg zum Licht, und natürlich für den ganzen Organismus, was sonst. Haben etwa Jesus, Papayi o.ä. am Tage weise gelehrt und sich abends besoffen?

Also meine Seele, sammle Kraft, um dich an der Kunst, die entstanden ist, zu entzünden. So kann sich der Weg zum Licht fortsetzen, ohne die Gefahr des Scheiterns, was so vielen Künstlern die größten Sorgen macht. Nein, das Scheitern fällt flach, wenn du den Schock für das Ich, der durch das entstandene Werk ausgelöst wurde, einsetzt für die Entzündung am Feuer, das durch das Werk über dich selbst entfacht wurde. Du lässt diesen Schock – Angst, Trauer, Zweifel, Wehmut, Zerstörungslust – in die Endlostiefe deines seelischen Schachts fallen, ohne diesen Fall zu stören, ohne sich ihm im mindesten zu widersetzen. Damit aus dem Nullzustand des sich am Ende auflösenden Falls eine neue Flamme des spirituellen Lebens entstehen kann, die dich zu neuen Ufern bringt. Sie öffnet dir immer wieder den Raum, in dem es keine Zeit gibt und in dem wir lächeln können. Dieses Lächeln ist kostbar wie ein Schatz, kostbarer als jede Sekunde meines begrenzten Lebens.

Dieses ist der Weg des Feuers und des Schwertes und ist mit Flachware als so genannter Kunst nicht zu beschreiten. Denn wenn Kunst nichts weiter auslöst als Gefallen, hat sie überhaupt keinen Sinn, weder für den Betrachter noch für mich. Sie muss beunruhigen oder zumindest zutiefst berühren, und wenn sie 'schön' ist, muss sie vor Schönheit Mauern einreißen. So gesehen ist mir das Leben wichtiger als die Kunst. Es käme also darauf an, nicht die Kunst ins Leben zu integrieren, sondern das Leben in die Kunst.